Donnerstag, 23.05.2019

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Seltener Einblick: So arbeiten Verkehrsüberwacher am Airport

Die Arbeiter brauchen viel Erfahrung, denn es geht um einen sensiblen Bereich

Gerald Goldhorn in seinem "mobilen Büro". Der Verkehrsüberwacher am Flughafen Nürnberg ist selbst vor zwei Jahren zum ersten Mal geflogen. © Edgar Pfrogner


Gerald Goldhorn arbeitet seit 18 Jahren als Verkehrsüberwacher am Flughafen Nürnberg. "Goldhorn, Lima1", meldet er sich am Funkgerät. "Lima" steht im Funkalphabet für den Buchstaben "L" – dem ersten Letter im Wort "Leitfahrzeug". Am Flughafen Nürnberg ist das ein gelber VW-Bus mit schwarzem Schachbrett-Muster über den Rädern. Goldhorn positioniert das Fahrzeug vor einer Boeing 767. Behäbig rollt der große Vogel hinter dem Auto her. Kurz vor der Startbahn biegt Goldhorn ab. Seinen Weg in die Luft findet der Pilot alleine.

Der gelbe VW-Bus ist Lima 1. "Lima" steht im Funkalphabet für den Buchstaben "L", das "L" wiederum steht für Leitfahrzeug. © Edgar Pfrogner


Als Verkehrsüberwacher ist Goldhorn für die Sicherheit auf dem Rollfeld verantwortlich. Meldet ein Pilot, dass ein Vogel ins Triebwerk geraten ist, fährt Goldhorn raus und sammelt die Überreste des toten Tieres ein. Sogar einen Schwan hat es schon einmal erwischt. Auch den Zaun rund um das Rollfeld muss Goldhorn im Blick behalten. Gäbe es ein Loch, müsste er den Flugbetrieb sofort einstellen lassen - auch wenn das teuer werden kann. "Sicherheit geht vor", sagt Goldhorn.

Und das merkt jeder, der das Flughafengelände betreten will. Denn egal, ob Reisender oder Geschäftsführer Michael Hupe - jeder muss hier die Sicherheitskontrolle passieren. Und wer das Rollfeld betritt, muss eine gelbe Warnweste tragen. "Supervisor Airport Operations" hat Goldhorn auf der Rückseite seiner Signaljacke stehen.

Insgesamt sieben Verkehrsüberwacher arbeiten am Airport Nürnberg. "Seit es den Flughafen gibt, war die Position nie unbesetzt", sagt Goldhorn. Weil in Nürnberg kein Nachtflugverbot existiert, ist rund um die Uhr einer der Männer im Einsatz. "Eine Frau hat sich einfach noch nicht beworben", erklärt der Lima - so der Spitzname der Verkehrsüberwacher - den Mangel an Kolleginnen.

Mit dem graumelierten Bart um den Mund und dem langen Zopf im Nacken erinnert Gerald Goldhorn an den Schauspieler Jeff Bridges - an einen sehr gebräunten Jeff Bridges. Zu seinem Schichtbeginn um 14 Uhr ist Goldhorn direkt vom Brombachsee gekommen. Er ist Freiluftfan und Camper. Als Passagier hat der 63-Jährige ein Flugzeug erst vor zwei Jahren zum ersten Mal betreten. Der Flug war ein Geschenk - das ankam. Im darauffolgenden Jahr war Goldhorn gleich wieder als Gast am Nürnberger Flughafen zu Besuch.

Ein Schwarm Vögel kann einem landenden oder abhebenden Flugzeug gefährlich werden. Deshalb werden die Tiere - nein, nicht abgeschossen, vergrämt, also mit einer Schreckschusspistole vertrieben. © Edgar Pfrogner


Bis aus Gerald Goldhorn Lima wurde, dauerte es drei Monate und einen Winter. Gelernt hat er von den Kollegen. Es gibt weder eine Ausbildung noch eine Fortbildung zum Verkehrsüberwacher. Doch bis es soweit war, hat Goldhorn Flugzeuge im Inneren gereinigt und sperriges Gepäck in den Bauch der Maschinen gehoben oder schwere Koffer von dort entladen. "Da sammelt man viel Erfahrung", sagt Goldhorn. So weiß er aus eigener Erfahrung, wie schweißtreibend die Arbeit für die Kollegen im Hochsommer auf dem betonierten Rollfeld werden kann. "Das sind schon mal über 50 Grad." Goldhorn lässt dann Wasserflaschen zu den Mitarbeitern bringen.

Als Verkehrsüberwacher muss er das Rollfeld immer im Blick haben. Er braucht ein technisches Verständnis von dem, was am Flughafen vor sich geht. Und wenn etwas schief läuft, muss er oft in Sekunden eine Entscheidung treffen. So wie kurz nach seinem ersten Arbeitstag als Lima. Goldhorn schickt die Räumfahrzeuge an diesem Tag im Winter auf die schneebedeckten Pisten.

Den Flieger sicher auf das Rollfeld geleiten oder an die Parkposition, das gehört zu den Aufgaben der Verkehrsüberwacher. © Edgar Pfrogner


Wie üblich fährt er in seinem gelben Bus hinterher, als sich von einem Fahrzeug plötzlich die Felge vom Rad löst. Nur wenige Monate zuvor war die Concorde im Jahr 2000 bei Paris abgestürzt - weil eine andere Maschine ein Metallteil auf der Piste verloren hatte. Die scharfkantige Titanlamelle brachte damals den Reifen am Hauptfahrwerk des Überschallflugzeugs zum Platzen, die herumfliegenden Gummi- und Stahlteile zerfetzten die Tragfläche und beschädigten den Kerosintank. Der Sprit entzündete sich, die Triebwerke fingen Feuer - die Concorde stürzte nur eine Minute nach dem Start ab und brannte aus.

Diesen schrecklichen Unfall in Erinnerung, musste nun Goldhorn am Flughafen in Nürnberg handeln. "Da ist mir vielleicht die Muffe gegangen." Sofort lässt er die Piste sperren. Später finden Mitarbeiter tatsächlich eine Felge. "Sie war der Beweis, dass ich richtig gehandelt habe."

An der Parkposition übernehmen Marshaller das Lotsen. © Edgar Pfrogner


Der Verkehrsüberwacher ist für die Sicherheit der Passagiere ebenso verantwortlich wie für die seiner Kollegen auf dem Rollfeld. Bei starkem Gewitter ist er der einzige Flughafen-Mitarbeiter, der arbeitet. In seinem gelben Bus zeigt er den Piloten den Weg zu ihrer Parkposition. Das Funkgerät knackt. Goldhorn nennt es sein wichtigstes Werkzeug. "Damit stehe ich mit allen in Verbindung."

"Lima 1", meldet der Verkehrsüberwacher sich. Eine Mitarbeiterin muss aus der Tiefgarage abgeholt werden, wo ein Duty-Free-Shop für Passagiere eines Militärflugzeugs eingerichtet war. "Ich kümmere mich", sagt Goldhorn. 

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Gerald Goldhorn arbeitet seit 18 Jahren als Verkehrsüberwacher am Flughafen Nürnberg. Sein mobiles Büro ist ein gelber VW-Bus mit schwarzem Schachbrett-Muster über den Rädern. Meldet ein Pilot auf dem Rollfeld, dass ein Vogel ins Triebwerk geraten ist, fährt Goldhorn mit Bus hin und sammelt die Überreste des toten Tieres ein. Auch den Zaun rund ums Rollfeld hat er im Blick.


 

Marie Zahout

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