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Donnerstag, 13.08.2020

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So arbeitet ein Sprengmeister: Besuch in einem Oberpfälzer Steinbruch

Bis zu zwei Sprengungen pro Woche - nordbayern.de war bei einer dabei - 13.01.2020 13:01 Uhr

Josef Oettl ist eigentlich gelernter Maurer. Mehr als elf Jahre arbeitete er in diesem Beruf. Vor etwa zwei Jahren fing er im Steinbruch der Firma Bögl an.

© Lena Wölki


Während Josef Oettl an dem Hebel des kleinen Kästchens dreht, ist ein Surren zu hören. Als er damit aufhört, ist es für einen kurzen Moment still. Dann ertönt ein lauter, dumpfer Knall und in der Ferne sieht man Steine und Lehm fliegen. "Das müssen wir uns jetzt anschauen", sagt er und macht sich auf den Weg zu der Stelle, an der eben zwei Tonnen Erdreich freigesprengt wurden.

Vergleichsweise wenig, erklärt er. Normalerweise sind es über 50.000 Tonnen. Heute wurde aber nicht so viel neues Material gebraucht. Aus dem kleinen Krater steigen Sprengschwaden auf. Beim Näherkommen erkennt man, wie massiv der Stein war, der nun entzwei ist. Oettl sammelt die von der Sprengung übergebliebenen Kabel ein: "So schnell geht’s."

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Ein Tag mit einem Sprengmeister im Oberpfälzer Steinbruch Wiesenhofen

Auf die Stille folgt ein lauter Knall: 2019 führte Josef Oettl 85 Sprengungen durch. Wir haben den Sprengmeister einen Tag bei seiner Arbeit im Oberpfälzer Steinbruch Wiesenhofen begleitet und eine Sprengung hautnah miterlebt.


Der Weg ab der Bundesstraße zum Steinbruch Wiesenhofen in der Nähe von Beilngries ist lang. Am Rand warnen Schilder immer wieder vor "Sprengarbeiten". In einer langgezogenen Kurve dann ist ein erster Blick auf das große Areal möglich. Wie eine Schnecke kreisen Bahnen von außen nach innen.

In der Mitte ist es am tiefsten. Überall bewegt sich etwas: Lader, Bagger, Förderbänder. Der Weg endet an einem Container. Auf der breiten Straße, die von der Einfahrt des Steinbruchs ins Innere führt, versucht ein Kehrfahrzeug mühsam, den Schmutz vom Weg zu entfernen, damit der nicht bis zur Bundesstraße getragen wird. Eine wahre Sisyphusarbeit bei nasser Witterung.

Nach kurzer Zeit des Wartens fährt ein braunes Auto vor. Josef Oettl steigt aus. Seine Kollegen sagen, er sei wie ein Bär, aber mit einer Engelsgeduld. Der 29-Jährige ist groß, mit dichtem Bart und blauen Augen. Er strahlt eine tiefe Gelassenheit aus. Die Begrüßung ist kurz, aber herzlich. Dann macht er sich auf den Weg.

 

Für die anstehende Sprengung werden noch verschiedenste Materialien benötigt, die er nun einsammeln muss: "Hockst di nei, dann fahrn ma los." Bei der ersten Station holt er aus dem Lagerraum ein auf einer Trommel aufgerolltes Kabel – das Zündkabel für die Sprengungen. Es kann immer wieder verwendet werden.

Unter seinem Arm trägt Oettl außerdem einen kleinen Scanner. Damit protokolliert er seine Schritte auf dem Weg zur Sprengung. Jede Materialentnahme muss er aufzeichnen und ausbuchen. Bleibt etwas übrig, überträgt er es zurück in den Bestand. Das erleichtert ihm am Schluss die Büroarbeit. "Am Ende wird es mit meinem Computer synchronisiert und die Daten damit übertragen." Früher musste alles händisch mitgeschrieben werden – diese Zeit kann man sich nun sparen.

"Es ist nicht ohne"

Eigentlich ist Josef Oettl gelernter Maurer. Mehr als elf Jahre arbeitete er in diesem Beruf. Vor etwa zwei Jahren fing er im Steinbruch der Firma Bögl an. Zunächst fuhr er Lader, machte dann die Ausbildung zum Sprengberechtigten. Der Grundkurs umfasst einen einwöchigen Lehrgang, theoretische und praktische Prüfungen. Mit einem anschließenden Kurs kann man sich spezialisieren. In Oettls Fall: auf eine Sprengtiefe von 30 Metern.

Am Anfang war er sehr aufgeregt, wie er sagt. Mittlerweile hat sich die große Anspannung gelegt. Je nach Bedarf wird bis zu zweimal pro Woche gesprengt. Bei aller Routine muss er trotzdem konzentriert bleiben: "Es ist nicht ohne, man muss immer aufpassen."

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Als nächstes sammelt er den benötigten Sprengstoff ein. Der lagert in einem massiv anmutenden Betonbunker. Eine Tresortür mit verschiedenen Schlössern sorgt dafür, dass das gefährliche Gut sicher verstaut ist. Maximal 400 Kilo Sprengstoff dürfen dort, von den Zündern getrennt, gelagert werden.

Das ist sehr wenig. Für eine normale Sprengung benötigt man bis zu drei Tonnen davon. Deswegen werden solch große Mengen im Normalfall just-in-time geliefert. Es handelt sich um gelatiösen Sprengstoff, der mit meinem elektrischen Zünder verbunden wird. Deswegen ist die Lagerung auch relativ sicher. Ob im Ernstfall der Bunker standhalten würde? "Da bin ich mir nicht sicher. Aber am Bunker würde man es sicher sehen können."

2019 führte Oettl 85 Sprengungen durch. Dabei ist seiner Ansicht nach die wichtigste Eigenschaft Zuverlässigkeit. Er muss nicht nur dafür sorgen, dass sich niemand mehr im Gefahrenbereich befindet, sondern auch die Vorbereitung gewissenhaft durchführen.

Sprengmeister Josef Oettl bereitet im Schotterwerk Wiesenhofen von Max Bögl eine Sprengung vor.

© Foto: Lena Wölki


Im Vorfeld berechnet er mit Hilfe eines Computerprogramms, wie viel Sprengstoff und Sprenglöcher er braucht, in welchem Winkel und wie tief gebohrt werden muss. Die Bohrungen nimmt er selbst vor. Meistens dauert das mehrere Tage. Doch das findet er nicht schlimm. Es ist die Abwechslung, die er an seinem Beruf so mag.

Mit dem Sprengstoff im Kofferraum geht es auf eine Anhöhe. Hier soll also gesprengt werden. Die fünf Meter tiefen Löcher hat Oettl bereits vorbereitet. Der Sprengstoff ist in rotem Plastik verpackt und sieht aus wie eine Wurst. "Keine leckere Wurst", wie er meint.

Er steckt den Zünder in den Sprengstoffstab und lässt ihn in das Loch gleiten. Insgesamt zwei Meter werden gefüllt. Die restlichen drei bleiben frei. "Sonst baut man eine Rakete." Dann schließt Oettl das Loch mit Erde und verbindet die Kabel der beiden Sprenglöcher mit einem Verzögerer. Die Ladungen werden nicht gleichzeitig, sondern etwa 45 Millisekunden versetzt gezündet.

Bevor diese Kabel nun mit dem mitgebrachten Zünder verbunden werden können, muss den Arbeitern, einigen Reihen unter der Sprengung, Bescheid gegeben werden. Das erledigt Oettl mit einem kurzen Anruf, bei dem er Anweisungen gibt. Zum Beispiel, wie weit die Maschinen weggefahren werden müssen: "So, jetzt dann Obacht geben."

Die Arbeit geht nicht aus

Als Ausgleich zu dem Beruf hilft Oettl seinem Bruder und dem Vater bei deren Landwirtschaft. "Ich bin der Knecht", sagt er, aber es gefiele ihm trotzdem gut. Dass er eines Tages auf einen anderen Schwerpunktbereich, wie Gebäude- oder Kampfmittelsprengung, umschult, glaubt er nicht. "Das ist sehr aufwendig. Und mir reicht das hier."

Genug Arbeit gibt es: Der Steinbruch wird immer weiter erweitert. Er zeigt auf das Waldgebiet an seiner Seite: "Als nächstes machen wir hier weiter." Die Stellen, an denen der Jura-Kalkstein bereits abgebaut wurde, werden wieder aufgefüllt und rekultiviert.


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Nachdem alle Menschen und Maschinen aus dem Gefahrenbereich sind, verbindet Oettl die Ladungen mit der Sprengschnur und geht in Deckung. Als letztes Warnsignal bläst er einmal lang und zweimal kurz in ein Warnhorn.

Der Schall geht unter die Haut. Ein letztes Zeichen für alle, sich Schutz zu suchen. Dann nimmt er den Auslöser in die Hand dreht an dem Hebel. Ein Surren ist zu hören. Er drückt auf den Knopf, ein lauter, dumpfer Knall ertönt. Die Ladung explodiert.

© Lena Wölki

© Lena Wölki

Lena Wölki

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