14°

Montag, 20.05.2019

|

Stille Welt: So leben Patienten in der Intensivpflege-WG

Besuch in einer von 161 bayerischen Einrichtungen - 06.11.2018 05:40 Uhr

Der lange Draht zum Leben: Bernd Schreiber sitzt im Rollstuhl im Aufenthaltsbereich der Wohngemeinschaft. Ohne die künstliche Beatmung könnte er nicht überleben. © Stefan Hippel


Drüben im Finanzamt Süd treten sie in der Schlange vorm Servicebereich schon von einem Fuß auf den anderen. Im Erdgeschoss des großen Bürokomplexes gegenüber stauen sich die ersten Kunden morgens an den Supermarktkassen. Weiter, weiter, die Zeit läuft. Wer mit dem Aufzug in den vierten Stock fährt, kommt in eine stille Welt. Nur ein Geräusch ist immer präsent: das leise Pffft-t, Pffft-t der Beatmungsmaschinen.

Ein braungebrannter Mittsechziger mit attraktiver Begleiterin am Strand von Thailand. Auf den Urlaubsfotos an der Türe des Zimmers, in dem Bernd Schreiber (Namen der Patienten geändert) liegt und lebt, erkennt man den heute 80-Jährigen nicht. Eine Operation, danach mehrere Schlaganfälle haben aus dem Mann, der die Frauen und das Reisen liebte, einen Mann gemacht, der stumm ist. Luft bekommt er nur noch über eine Kanüle an seinem Hals. Pffft-t, Pffft-t macht das.

"Morgen Bernd, gut geschlafen?" Krankenpfleger Kai Schmutzler beugt sich in seinem dunkelblauen Kittel über den Mann, der ihm schon vor langer Zeit das Du erlaubt hat. Den Kopf schütteln oder nicken kann Bernd Schreiber nämlich, und sich beim Waschen und Eincremen in der Seitenlage mit einer Hand mühsam am Bettgitter festhalten. "Super machst du das." Bernd sei kognitiv voll da, wird Schmutzler später sagen. Und er habe die entscheidende Frage mit einem unmissverständlichen Nicken beantwortet: Soll medizinisch alles getan werden, was möglich ist? Bernd Schreiber will leben, so lange wie möglich.

"Und wir haben Zeit"

Nur drei der fünf Betten dieser Wohngemeinschaft des privaten Intensivpflege-Anbieters CPD sind momentan belegt. Nebenan gibt es weitere neun Plätze. Es sind Junge und Alte, mit und ohne Beatmung, mit Dauerkathetern oder Magensonden. Mitten aus dem Leben gerissen oder alt geworden und furchtbar krank. Ihr gelebtes Leben — und ihre Freuden und Krisen — bringen sie mit.

"Wir haben hier Zeit." Intensivpfleger Kai Schmutzler, der eine Spritze aufzieht, hat der Stress aus dem Krankenhaus vertrieben. © Stefan Hippel


Gestern erst sei Bernd Schreibers Sohn nach vielen Jahren zum ersten Mal zu Besuch gekommen. Auf dem Schränkchen, das der 80-Jährige von daheim mitbringen durfte, steht die Postkarte, die den Kontakt hergestellt hat. Das habe den alten Mann sehr aufgewühlt, sagt Kai Schmutzler, der sich nach einer Stunde am Bett die hellen Einmalhandschuhe mit einem kleinen schnalzenden Geräusch auszieht. Er kennt die Familiengeschichte — und die Fehler, die der einsame alte Mann vermutlich früher gemacht hat.

Der 26-jährige Pfleger mit der kräftigen Statur hat vorher auf der Intensivstation eines großen Krankenhauses gearbeitet. Doch der höllische Stress dort, das ständige Einspringen und der unerträgliche Spardruck haben ihm die Arbeit vergällt. Der Pflegenotstand ist zwar auch in der privaten Intensivpflege längst angekommen. Doch Kai Schmutzler, gerade Vater geworden, hat hier aufgeatmet, wie er sagt.

Mehr Verantwortung und Zwölf-Stunden-Schichten

Er arbeite mit mehr Verantwortung, aber nur noch 75 Prozent, immer in Zwölf-Stunden-Schichten, und verdiene dasselbe wie mit 100 Prozent in der Klinik. "Und wir haben Zeit", sagt er. Es klingt, als könne er das immer noch nicht ganz fassen. Zwei Pflegende sind für drei Patienten da, in Ruhe wird umgelagert, werden Schläuche gewechselt oder gereinigt, wird den Menschen das Wenige von den Lippen abgelesen, das sie noch mitteilen können.

Sehr hübsch, sehr blond, perfekt geschminkt. Das Foto der lächelnden jungen Frau, das an der nächsten Türe klebt, ist ein Schock. Weil das Sonja war, bevor das Auto, in dem sie saß, mit einem Laster kollidierte. Sechs Jahre später liegt die 26-Jährige mit einem Schädel-Hirn-Trauma hier und begrüßt ihre Gäste mit ausdruckslosem Blick, aber einem kleinen Winken, das gar nicht mehr aufhören will.

Auf der Intensivpflegestation liegen junge wie alte Menschen - mitten aus dem Leben gerissen oder alt geworden und furchtbar krank. © Stefan Hippel


Dass es Fortschritte gibt, dass sie inzwischen einen Luftballon anstupsen kann und Schlucktraining macht, gilt als Sensation. Neulich hat Schmutzler sie mit dem Rollstuhl in der Breiten Gasse vor ein paar Schaufenster geschoben. "Wie viel Persönlichkeit steckt da noch drin?", frage er sich oft. Wenn manchmal eine Träne über Sonjas blasse Wangen kullert, ist das wie eine Antwort. Ihre Freunde kommen schon lange nicht mehr.

Die Fingernägel sind gepflegt und rot lackiert, die Eltern kommen täglich, kümmern sich — und hoffen. Im Zimmer steht ein Schminktisch. Sonja habe Mode sehr gemocht, sagt Kai Schmutzler. Das bisschen roter Nagellack sei Lebensqualität. Winzige Erfolge würden hier zu großen, man kämpfe hart dafür. Was den Pfleger nicht davon abhält, oft ins Grübeln zu kommen über das Festhalten am Leben und die Medizin, die ehrgeizig macht, was technisch möglich ist. Er selbst hat seine Patientenverfügung geschrieben, hat festgelegt, was getan werden soll, und vor allem, was nicht. Vor Patientinnen wie der kürzlich Verstorbenen, die keine Dialyse mehr wollte, hat er großen Respekt. Vor dem Willen von Menschen wie Bernd Schreiber, die sich anders entscheiden, auch.

Zwölf außerklinische Einrichtungen in Bayern

Der 80-Jährige sitzt jetzt zusammengesunken im Rollstuhl im geräumigen Aufenthaltsbereich. Ein langes, durchsichtiges Kabel, das sich über den grauen Boden schlängelt, verbindet ihn mit seinem Beatmungsgerät. Pffft-t, Pffft-t, ein vertrautes Geräusch. Hier stehen rote Kunstledersofas, ein langer Tisch, es gibt eine Küchenzeile, in der selten gekocht wird. Die Patienten bekommen Nahrung über eine Bauchsonde. Auf den Behältern steht zwar "Pute, Mais, Karotte" oder "Apfel, Mango". Schmecken kann das keiner hier.

Anja Baumgärtner, CPD-Pflegedienstleiterin für Nordbayern, sitzt am Tisch und spricht über die Anfänge der Firma. In Zweierschichten habe man vor allem Intensivpatienten zu Hause versorgt. "Das ist zwar günstiger", sagt die Gerontofachkraft, aber das Personal sitze viel herum und werde oft nicht gut behandelt. In der WG dagegen müssen Bewohner aus der eigenen Tasche zwischen 300 und 600 Euro Miete zahlen. Die Kosten der Intensivpflege von oft weit über 15.000 Euro im Monat übernehmen Pflege- und Krankenkassen. Zwölf solcher außerklinischer Einrichtungen betreibt allein CPD in Bayern, etwa 75 Menschen werden immer noch daheim gepflegt. Früher arbeitete Baumgärtner im Altenheim. "Nie wieder", sagt sie, die Arbeitsbedingungen...

Bis auf eine knallrote Wanduhr gibt es im Zimmer von Jan Zielke, 69, seit acht Jahren vom Hals abwärts fast gelähmt, keine persönlichen Gegenstände. "Da muss er eben mit der Klobürste ran", witzelt er, als der Pfleger Probleme hat, seine Atemsonde zu säubern. Über den Pflegenotstand oder das unbefriedigende Fernsehprogramm kann man mit Zielke gut sprechen. Über mehr lieber nicht. Kai Schmutzler: "Auch unsere Leute haben ein Recht auf Privatsphäre." Wenigstens dieses Recht noch. 

Claudine Stauber Lokalredakteurin Nürnberg E-Mail

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Stories