Montag, 28.09.2020

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Totgeburt: Eine Mutter aus Franken spricht über Tabu-Thema

Totgeburten werden zum Glück nicht mehr, aber betroffene Eltern fühlen sich oft alleingelassen - 03.01.2020 16:38 Uhr

Kerstins Sohn Jonas schaufelt Erde auf das frische Grab seiner Schwester Lara.

© privat


Schwangere Bäuche fühlen sich anders ein. Kerstins Körpermitte ist ungewöhnlich hart - so hart wie ein Stein. Lara, den Namen haben sie und ihr Mann schon ausgesucht, hat sich aber nie viel bewegt. Kerstins Bauchgefühl meldet sich an diesem Abend zu Wort. Wie eine leise Stimme, die sie vor etwas warnen will. Morgen, am 12. Mai 2006, steht der nächste Vorsorgetermin an, da wird sie gleich nachfragen, ob alles in Ordnung ist. Dann schläft Kerstin ein.

"Die Frau Doktor soll mal schauen," sagt eine der Arzthelferinnen am nächsten Morgen, als sie beim CTG keinen Herzschlag findet. Es ist dieser Moment, der Kerstin in Panik versetzt. Ihr Mann wird auf der Arbeit angerufen: Er soll sofort kommen. Man gibt ihr den Zettel zur Überweisung in die Klinik in die Hand und führt sie in ein anderes Zimmer, dort soll sie warten. Der Praxisbetrieb läuft danach so weiter, als wäre nichts passiert. Lara ist im Mutterleib gestorben.

Infografik: In Deutschland wurden 2018 3030 Kinder tot geboren. Stirbt ein Baby mit einem Gewicht unter 500 Gramm, spricht man von einer Fehlgeburt.

© Statistisches Bundesamt, Bundesamt für Statistik


Während Totgeburten früher nichts Ungewöhnliches waren, teilen heute viele Eltern dieses Schicksal in einer Gruppe. Bis zum Jahr 2013 wurden Babys erst ab einem Körpergewicht von 500 Gramm als Mensch anerkannt. Wog ein Kind bei der Geburt 499 Gramm oder weniger, gab es keinen Namenseintrag beim Standesamt und damit kein Recht auf Bestattung. Bevor der Paragraf 31 des Personenstandgesetzes geändert wurde, hatten diese Babys rein rechtlich nicht existiert. Der Mann und die Frau sind somit rein rechtlich auch keine Eltern geworden.


Abschied von Sternenkindern: Forchheimerin hilft Eltern beim Trauern


"Holt bitte dieses Kind raus." Immer wieder sagt Kerstin diesen Satz. Ihr Baby könnte schon seit eineinhalb Wochen tot sein, Kerstin ist in Gefahr. Zwölf Stunden und zwei Presswehen dauert es, bis Lara da ist. Sie wiegt 800 Gramm. Die junge Hebammenschülerin weint und wird aus dem Saal geschickt. "Wie sieht sie aus?", fragt Kerstin geistesgegenwärtig, obwohl sie sich Morphium hat geben lassen. "Ein wunderschönes Baby", antwortet ihre Hebamme und Kerstin will ihre Tochter sehen. Viele Betroffene empfinden die natürliche Geburt eines bereits toten Kindes als grausam, auch Kerstin fragte zunächst nach einem Kaiserschnitt. Frauen wird jedoch empfohlen, das Kind auf natürlichem Wege zu gebären, um den Prozess des Geschehenen besser verstehen und verarbeiten zu können. Außerdem ermöglicht es schneller wieder den Versuch, schwanger zu werden.

"Man kann dem Kind eh nichts mehr anziehen“

Lara wird provisorisch ein Verbandsschlauch als Mütze aufgesetzt. Sie ist in ein "hässliches Krankenhaustuch eingewickelt." So beschreibt Kerstin das weiße Laken, das ihre Tochter umhüllt, heute. Ein Fotograf ist nicht vor Ort. Auch die Psychologin der Klinik ist zurzeit im Urlaub, Ersatz ist keiner da. Das Klinikpersonal schießt zu Dokumentationszwecken zwei Bilder von Lara, die sich Kerstin später auf eigenen Wunsch im Archiv holen wird. Es sollen die einzigen beiden Bilder bleiben, die sie von Lara hat. Man gibt Kerstin zum Abschied die Visitenkarte des Gesundheitsamtes mit, dort könne sie sich melden.

Ein Fußabdruck, die Geburtsdaten und ein Zitat: Kerstin hat das Dokument aus der Klinik eingerahmt und geschmückt.

© privat


Erst vor etwa 20 Jahren begannen Kliniken damit, die Seelsorgeangebote im Bereich der Totgeburten auszubauen. Vorher wurden diese weitgehend einfach abgetan, die Leichname wurden als Kliniksondermüll verbrannt. Auch waren Bezeichnungen wie Sternen- oder Regenbogenkinder unüblich, vielmehr sprachen Ärzte von "missglückten Schwangerschaften", "Abgängen" oder "Leibesfrüchten".

Kerstin und ihr Mann fahren an diesem sonnigen 13. Mai mit einem Taxi nach Hause. Ohne Babybauch. Ohne Lara. Auf den Fußgängerwegen neben ihnen tummeln sich Menschen in Trachten. Es ist Bergkirchweih in Erlangen.

Noch am selben Tag treffen sie sich mit einem Bestatter. Begrüßung, Beileid, Feuer- oder Erdbestattung? Es ist Kerstins erster Kontakt mit einem Bestattungsunternehmen. Laras Sarg kann zusammen mit einer erwachsenen Person in Coburg eingeäschert werden. Kerstin fragt den Bestatter, ob sie noch Puppenkleidung für Lara kaufen kann, denn die rosa Sachen, die sie bereits hat, wären doch viel zu groß. "Lassen Sie es. Man kann dem Kind eh nichts mehr anziehen“, sagt er. Plötzlicher Kindstod, das hatte die Obduktion ergeben.

Die Obduktion der Kinder kann den Eltern nochmal Gewissheit geben. Allerdings ist es nicht immer möglich, die Schnitte der Untersuchung mit Kleidung zu überdecken. Den Eltern wird dann davon abgeraten, die Babys nochmal anzusehen. Außerdem sind die Körper oft so zart, dass der Anblick erspart werden soll. Kerstin erklärt: „Die Babys lösen sich einfach auf.“

Auch Kerstin fragt den Bestatter, ob sie Lara noch mal sehen darf. Es ist nun nicht mehr möglich. Keine Fotos werden mehr gemacht. Ob man den Sarg, in dem ihre Tochter abtransportiert wurde, hätte dekorieren oder etwas hineinlegen können, wusste sie nicht. Die Urne kommt über einen Monat später aus dem Krematorium in Coburg zurück. "Es war eine schwarze, hässliche Urne", erzählt Kerstin. "Heute weiß ich, dass das alles anders gehen kann. Heute würde ich es anders machen."

Unterstützung über die Region hinaus

Heute, am 28. November 2019, zeigt sich der Herbst von seiner ekelhaften Seite. Im Erlanger Osten tropft unaufhörlich Regen von den Bäumen. Kerstin hat kleine Schokoladenlebkuchen gebacken. Von Fotodrucken an den Wänden lächeln ihre Kinder Jonas, Julian und Emma. Emma liegt währenddessen in einer rosa Leggings mit bunten Einhörnern bedruckt auf dem Sofa und ist in ein Spiel vertieft. Sie hat die Grippe. Während Kerstin erzählt, wickelt sie sich immer mal wieder fester in ihre beige Strickjacke ein. Vor ihr auf dem Esstisch liegt das eingerahmte Klinikfoto von Lara. Es zeigt sie, wie ihre linke Hand auf dem Bauch liegt und ihre rechte unter dem Kinn. Sie sieht aus, als würde sie zuhören, wie ihre Mutter mal flüsternd, aber meist gefestigt von ihr erzählt.

In Handarbeit stellen die Mitglieder vom Verein "Sternenkinder in Franken" Kleidung und Andenken her.

© privat


Kerstin engagiert sich mittlerweile für den eingetragenen Verein "Sternenkinder in Franken". Sie will Eltern von Sternenkindern helfen und stellt zusammen mit anderen Frauen in Handarbeit Kleidung und Andenken her. Die Stoffschälchen und Wickeldecken sind farbenfroh gestaltet und mit kindlichen Symbolen verziert. Zu jedem Set gehört eine Mütze. Die kleinste Decke ist nur zehn Zentimeter lang, kürzer als ein Smartphone. Für diese Größe gäbe es leider keine Mützen mehr, erzählt Kerstin. Die Köpfe seien einfach zu klein.

Auch Stoffherzen gehören dazu. Den Eltern werden immer drei davon mitgegeben: Eins für die Mutter, eins für den Vater und das dritte Herz wird in den Sarg gelegt.

© privat


"Uns ist wichtig, dass die Eltern etwas in der Hand haben," sagt sie zu den Stoffherzen, die sie aus einer durchsichtigen Kiste zieht. Den Eltern werden immer drei davon mitgegeben: Eins für die Mutter, eins für den Vater und das dritte Herz wird in den Sarg gelegt. Wenn eine Frau dringend Beistand braucht, schickt der Verein die Sachen auch mal per Post bis nach Berlin. Auch eine Fotografin engagiert sich, sie schießt Fotos von Sternenkindern in der ganzen Region. Kerstin fertigt viele der Sachen mit ihrer eigenen Nähmaschine an, auch Emma hilft manchmal mit und stopft die Stoffherzen aus. Manche Eltern würden eher schlichte Sets bevorzugen, meint Kerstin, andere wollen sie in ihren Lieblingsfarben und mit bestimmten Motiven.

Sie und ihr Mann gehen heute nicht mehr regelmäßig zu Laras Grab, immer nur, wenn ihnen danach ist. Wenn sie auf der Autobahn Richtung Fürth nah am Friedhof vorbeifahren, winken sie Lara aber immer kurz aus dem Auto zu. Jedes Mal.

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