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Verschwindet das US-Militär aus Vilseck? "Dann ist die Stadt tot"

Stadt lebt von und mit den Soldaten - doch das freundschaftliche Band droht zu zerreißen - 08.08.2020 05:21 Uhr

Der Eingang in die "Rose Barracks" ist gut bewacht. Nur wer einen speziellen Ausweis bei sich trägt, der darf ins Innere des Stützpunktes. 

© Armin Weigel/dpa


Es knattert in Vilseck. Immer wieder hallen Schüsse durch den kleinen Ort in der Oberpfalz, auf dem Weg vom Bahnhof in die Stadtmitte, vorbei an der "New Testament Christian Church", dem Therapiezentrum "Island of the Sun" und "Angelo's Soul Food Point". Wer es nicht besser weiß, der denkt, ein Gewitter zieht auf. Das, was die Vilsecker aber beinahe täglich hören, ist kein Donner, sondern eine andere Urgewalt: die US-Army. Gut 4500 Soldaten schießen, üben, leben in den "Rose Barracks", die sich im Norden um die Stadt schlängeln. "Die Amis" sind Freunde, Verwandte und Mitbürger. Die Kaserne ist so etwas wie eine zweite Stadt, eine Art Sattelit in der Peripherie.

Der Sattelit könnte jetzt abstürzen. Seit US-Präsident Donald Trump und sein Verteidigungsminister Mark Esper angekündigt haben, dass gut 12.000 Soldaten aus Deutschland abgezogen werden sollen, geht in Vilseck die Angst um. Das 2. Kavallierregiment, dessen Hauptquartier in den "Rose Barracks" liegt, soll komplett verlegt werden. Die Oberpfalz wird wohl besonders hart vom Abzug der US-Truppen getroffen. Das Militär könnte fast komplett aus Vilseck verschwinden.

Vorstellen kann sich das keiner so recht. Nicht einmal 6000 Einwohner hat Vilseck ohne das Militär. Mit den US-Truppen und deren Familienangehörigen steigt die Bevölkerung auf über das Doppelte. Allein durch die Schlüsselzuweisungen profitiert die Stadt finanziell. Über den Mechanismus werden strukturschwächere Kommunen gefördert und erhalten gemäß ihrer Einwohnerzahl Fördergelder. Durch den Wegfall des Militärs gäbe es weniger Vilsecker - und damit deutlich weniger Geld in der kommunalen Kasse. Doch das ist nur eine von vielen bitteren Pillen, die die Stadt schlucken müsste, sollte Trump seine Pläne in die Tat umsetzen. Die Unternehmer in der Stadt haben Angst vor der großen Leere.

Die Menschen in Vilseck akzeptieren das US-Militär mit all seinen Nachteilen, sagt Bürgermeister Hans-Martin Schertl.

© Tobi Lang


Sabine Kederer betreibt das "Hotel Angerer“, eines der größten und ältesten im Ort. Ein schmuckes rotes Haus in der Nähe des Marktplatzes, das mit seinen "geschichtsträchtigen Zimmern" wirbt. Im Frühstücksraum liegen gefaltete Servietten im Muster der Bayernflagge, beinahe alle Schilder sind zweisprachig. Gut 80 Prozent der Gäste sind Amerikaner, sagt Kederer, fast alle haben mit dem Stützpunkt zu tun. "Wir leben vom Ami." Touristen verirren sich nur selten nach Vilseck. "Während Corona ist es schon etwas mehr geworden", sagt die Hotel-Betreiberin. "Aber noch immer macht das Militär den größten Teil aus."

Man habe sich in Vilseck zu lange auf die Präsenz der Soldaten verlassen, sagt Kederer, die jetzt auf große Initiativen der Stadtverwaltung hofft. "Vielleicht können wir uns irgendwie an Nürnberg anbinden?" Touristen aus dem Großraum ziehe es bislang eher selten in die Oberpfalz - genau da stecke aber ein gewaltiges Potenzial. Die Gastwirtin fordert Leuchturmprojekte. "Sowas wie in Hirschau, mit dem Kletterwald." Dort, nicht einmal 20 Kilometer südlich, gebe es etwas mehr Fremdenverkehr. Ein Entwurf für Vilseck?

Sabine Kederer in der Rezeption ihres Hotels.

© Tobi Lang


"Wir sind zum Spielball der Supermächte geworden", sagt Hans-Martin Schertl. Den Kräften, die auf Vilseck wirken, hat der amtierende Bürgermeister wenig entgegenzusetzen. Versuchen will er es trotzdem. Natürlich sei man wirtschaftlich abhängig von der Präsenz des US-Militärs. "Die stationierten Soldaten und ihre Familien bedeuten eine Kaufkraft von 650 bis 700 Millionen Euro pro Jahr", sagt der Kommunalpolitiker, der seit 2004 im Rathaus sitzt.

Tourismus könne das etwas abfedern, aber eben nicht alleine. Lange Zeit scherte sich in Vilseck kaum einer um den Fernverkehr, nicht einmal die Hotels, sagt Schertl. "Die Zimmer waren auf Jahre an die Amerikaner vermietet." Einem Urlauber hätte man den Lärm durch Schießübungen und Trainingsflüge, der mittlerweile allerdings massiv abgenommen habe, gar nicht zumuten können. "Die wären uns davongelaufen." Die Akzeptanz der Vilsecker war trotz der Belastung durch die Manöver aber immer da. Wegen des Geldes, das mit den US-Soldaten nach Vilseck kommt.

Es gibt sicherlich unattraktivere Orte als Vilseck. Der Regionalexpress aus Nürnberg hält hier ein Mal in der Stunde, 40 Minuten dauert die Fahrt in die nächste Großstadt. So manchner Großstädter sitzt länger in der U-Bahn. Auch im Zug ist die mögliche Auflösung des Stützpunkes in Vilseck Thema. "Ein Wahnsinn" sei das, schimpft ein Mann, der sich angeregt unterhält. "Das ist Erpressung, was der Trump treibt", sagt er. "Da steckt so viel Geld in dem Truppenübungsplatz." Bürgermeister Schertl kann das bestätigen. Jahr für Jahr werden Millionen in die "Rose Baracks“ investiert.

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Vor 50 Jahren Großmanöver Reforger I im "Kalten Krieg"

In den Zeiten des "Kalten Kriegs" zwischen Ost und West waren alljährliche Großmanöver an der Tagesordnung. Hierzu wurde, beginnend mit Reforger I vor genau 50 Jahren, bis in die 90-er Jahre hinein die Region um Pegnitz und Auerbach einschließlich der Fränkischen Schweiz regelmäßig zum Truppenübungsplatz. Bei Reforger I 1969 wurden rund 17.000 Soldaten aus den USA eingeflogen. Mit Panzern, Hubschraubern und schweren Lastwagen bezogen sie in Wald und Flur Stellung, wobei sie auf dem weichen Untergrund immense Schäden anrichteten. Ziel war, gegenüber dem Warschauer Pakt die Verteidigung der Bundesrepublik zu demonstrieren.


Wer "die Amis" sehen will, muss nur zum Supermarkt um die Ecke. Ein überdimensionierter Ford, polierter Kühlergrill und 23-Zoll-Felgen, schlängelt sich durch die Schlichter Straße, die sich quer durch den Ort zieht. Direkt dahinter zwei Dodge, unwesentlich kleiner als das amerikanische Modell vor ihnen. Der Edeka grüßt mit "Welcome“, durch die Gänge wabern immer wieder englische Fetzen, die Kassierer jonglieren mit zwei Sprachen. Auf dem Parkplatz, sagt Bürgermeister Schertl, trifft man eigentlich immer einen Soldaten oder deren Familien. Die Amerikaner sind ein Teil von Vilseck, keine Besatzer, nicht "die da draußen“ vor den Toren der Stadt.

Die Liste derer, die vom US-Miliär leben, ist lang. Ein lokaler Busunternehmer betreibt insgesamt 70 Linien, um Kinder in die Schulen und Kitas zu bringen. Für viele Handwerker sind die Instandhaltungsarbeiten in den "Rose Barracks" Lebensgrundlage. Gleich vier Pizzerien und Burger-Restaurants haben sich auf Lieferungen an die US-Soldaten spezialisiert. "All das gäbe es nicht mehr, wenn sie weg wären", sagt Bürgermeister Schertl.

Tourismus

© Tobi Lang


Auch das Reisebüro auf dem Marktplatz ist unübersehbar auf amerikanische Kundschaft ausgerichtet. "Top Deals" steht in dem Schaufenster, in dem neben Reisen in die USA auch "Roundtrips“ durch "Germany“ angeboten werden. Natürlich seien die meisten, die hier buchen, Soldaten, sagt eine Mitarbeiterin. "Deswegen betreiben wir diese Außenstelle hier.“ Weitere Standorte des kleinen Unternehmens finden sich in Mannheim und Kaiserslautern – allesamt Städte, in denen das Militär präsent ist. Seit der Corona-Pandemie sei die Situation in der Branche angespannt. Doch das, was Trump plant? Das könnte dem kleinen Reisebüro den Todesstoß versetzen.

Der ganze Ort ist auf die Amerikaner ausgelegt, man hat sich ausgerichtet auf die US-Soldaten. Viele Vilsecker haben ihre Wohnungen saniert und vermieten seit Jahrzehnten an das Militär. Der größte Teil der Army-Truppen wohnt innerhalb der Mauern der "Rose Barracks" - aber eben nicht alle. "Einige entscheiden sich, hier bei uns zu leben", sagt Sabine Kederer vom "Hotel Angerer". "Die sind wunderbar integriert, feiern unsere Festl mit." Kommandeure und hochrangige Militärs übernehmen gerne mal den Bieranstich auf der Kirchweih, die Soldaten bauen die Zelte und Bierbänke mit auf. Viele Familien haben sich über den US-Stützpunkt gefunden.

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Einmarsch der US-Armee in Franken: Nach dem Kampf lockten die "Frolleins"

Es waren noch einmal mörderische Stunden: Der Einmarsch der US-Armee in Franken 1945 kostete unzählige Menschenleben. Doch dann war der Krieg vorbei. Nach Plünderungen und einigen Gelagen wurde allmählich die Ordnung wiederhergestellt. Und die Besatzer wurden schnell zu Freunden, nicht nur bei den begehrten "Frolleins".


Jeder in Vilseck kennt jemanden, der an Soldaten vermietet - es sind Hunderte Wohnungen. Der Stadt droht ein gewaltiger Leerstand an Gebäuden, was in Zeiten akuter Wohnungsnot in den Metropolen wie Nürnberg grotesk klingt. "Da werden auch große Wohnblocks für die 'Single Soldiers' leerstehen", sagt Bürgermeister Schertl. "Dazu Verwaltungsgebäude, Fahrzeughallen, Schießanlagen." Nach seinen Informationen sollen alle Bauten auf dem Gelände erhalten bleiben. Nur was damit anfangen? Im Rathaus ist man verzweifelt.

Wenn in den "Rose Barracks" geübt wird, dann hört man das in Vilseck, Schüsse hallen durch den Ort. Dieses Foto zeigt einen Panzer im Grafenwöhr, nur wenige Kilometer entfernt. 

© Markus Rauchenberger (oh)


Seit dem Zweiten Weltkrieg sind US-Soldaten in vielen Gegenden präsent, auch in Franken. Seit 2006 aber hat sich die Zahl der Army-Soldaten nach Angaben der Bundesregierung halbiert - Ausdruck einer kriegsmüden Gesellschaft, die sich aus vielen Ecken der Welt zurückzieht. Der Komplex in der Oberpfalz aber blieb bislang größtenteils unberührt von den Verlegungen. Gemeinsam mit dem Stützpunkt in Grafenwöhr ist Vilseck die wohl größte Army-Base außerhalb der USA. "Ein Kronjuwel", so nennen hochrangige Militärs die Übungsplätze mit modernster Technik.

Doch jetzt bröckelt das Tafelsilber der Army. Glaubt man Bürgermeister Schertl, dann sorgen die Schließungspläne auch innerhalb der Führungsriege für Unverständnis, der Gegenwind sei massiv. "Auch die Kosten für so eine Verlegung sind gewaltig." Schertl spricht von einer Milliarde Dollar für 1000 Soldaten. Und überhaupt: Einen konkreten Ort, an den die Vilsecker verlegt werden könnten, den gibt es nicht. Das Stadtoberhaupt hat deshalb noch Hoffnung - und blickt dabei nach Spangalem.

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Donald Trump: Ein US-Präsident wie keiner vor ihm

Am 20. Januar 2017 wurde der Immobilien-Milliardär Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Längst ist klar: Einen solchen Präsidenten hatten die USA noch nie. Ständig gibt es Show und Selbstlob, während Fehler immer auf die Kappe anderer gehen. Und in der Substanz: Abreißen, was seine Amtsvorgänger in 70 Jahren amerikanischer Außenpolitik aufgebaut haben.


Die Rettung des Stützpunkt in der Eifel, ebenfalls akut bedroht von Truppenverlegungen, scheint plötzlich wieder möglich. Die US-Air-Force möchte die Base, auf der Kampfjets stationiert sind, halten. Um jeden Preis. "In drei Monaten", sagt Schertl, "wissen wir, wer neuer Präsident ist." Im "Hotel Angerer", nur einen Steinwurf vom Rathaus entfernt, gibt sich Sabine Kederer desillusioniert. "Wenn die sagen, der kommt weg, dann kommt der weg", sagt die Gastwirtin. "Egal, wer dann Präsident ist."

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