Freitag, 16.04.2021

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Von Muggenhof bis Frankenstraße: Das Quartier U1

Wie die U-Bahn eine Stadt verbindet - 28.12.2020 15:07 Uhr

Die U-Bahn-Linie U1 lässt Stadtteilgrenzen verschmelzen.

28.12.2020 © Alexander Bernhardt


Das Quartier U1

Chris Herrmann öffnet die Türe. Der etwa 30 Jahre alte Projektleiter ist voller Tatendrang. Es ist kurz vor 15 Uhr im Nürnberger Süden. Gleich beginnen die ersten Beratungsgespräche für die Akteursprojekte. Beim Amt für Ideen kann jeder seine Idee vorstellen. Gemeinsam mit Herrmann wird dann ein Projekt daraus entwickelt. "Hier kann sich jeder einbringen, abgelehnt wird fast gar nichts", erklärt der Kommunikationsdesigner. "Nur Konzepte bei denen eindeutig das wirtschaftliche Interesse im Vordergrund steht, sind nicht in unserem Sinne." Die Wände des Büros im Z-Bau sind mit diversen Aufklebern und Plakaten der Projekte verziert.

Das Quartier U1: Projektleiter Chris Herrmann bei der virtuellen Ideensprechstunde.

28.12.2020 © Alexander Bernhardt


Punkt drei Uhr Nachmittag trifft sich Herrmann digital mit dem ersten Akteursprojekt. Es ist bereits das zweite Gespräch mit Marissa, der Leiterin von "LOKO". Sie fasst die Grundidee noch einmal zusammen: "Unser Ziel ist es Plätze zu finden, die wir mit Graffitis verschönern können". Erste Fortschritte zeigen sich beim Entwurf des Flyers. "Informativ, übersichtlich und kompakt. Alles, was ein guter Flyer braucht", resümiert Herrmann. Nachdem sie die Hausaufgabe ausführlich besprochen haben, spricht der Projektleiter des Quartier U1 die Finanzierung an. 400 Euro bekommt "LOKO" an Zuschuss. Das steht jedem Projekt, das Unterstützung beim Amt für Ideen sucht, zur Verfügung. Dafür muss lediglich ein Projektplan ausgefüllt werden. Das Geld kann dann beispielsweise in Sprühdosen investiert werden. Der letzte wichtige Punkt im Gespräch umfasst die Zusammenarbeit mit amtlichen Stellen. "Ich habe da zum Beispiel an das Jugendamt gedacht, da finden sich bestimmt Leute, die euch dabei unterstützen", erklärt Chris Herrmann. Am Schluss des Gesprächs vernetzt der Projektleiter Marissa mit der zuständigen Behörde.

Herrmann zeigt sich mit der Entwicklung von "LOKO" sehr zufrieden. In der kurzen, zehnminütigen Pause, resümiert er über das Projekt und bereitet das nächste Gespräch vor. Annedore ist Kreischorleiterin und organisiert ein Projekt, bei dem Chöre trotz der aktuellen Einschränkungen durch COVID-19 gemeinsam proben können. Als möglicher Ort soll das Dach eines Parkhauses gewählt werden. "Dort kann man sich auch mit Einhaltung des nötigen Sicherheitsabstandes treffen und gemeinsam singen", erklärt Annedore. Nach knapp 20 Minuten ist auch dieses Projekt erfolgreich beraten und mit Aufgaben bis zum nächsten Treffen in der Sprechstunde versorgt.

Das Quartier U1: Die Ideensprechstunde findet im Z-Bau in Nürnberg statt.

28.12.2020 © Alexander Bernhardt


Gemeinsam mit seinem Team ist Chris Herrmann als Projektleiter beim Amt für Ideen seit Beginn Teil des Quartier U1 vom Urban Lab Nürnberg. Das Quartier U1 ist eines von vier Pilotprojekten Deutschlandweit, die für Stadtentwicklung mit Bürgernähe stehen. Die Idee dahinter ist das gemeinsame Gestalten der Stadt Nürnberg zusammen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. Im vergangenen Jahr standen für das Urban Lab dabei vor allem die Planung und Netzwerkerweiterung im Vordergrund, 2020 geht es an die Umsetzung. Dabei stehen drei wesentliche Merkmale im Fokus: Freiräume, Enkeltaugliche Zukunft und Gemeinsinn. "Die Stadt wird immer enger und teurer. Wir möchten Flächen und Räume mit Ideen besetzen und somit nutzbar machen. Also Freiräume schaffen", erklärt Sebastian Schnellbögl, Leiter der Kommunikation beim Quartier U1. Die Stadt soll auch auf längere Sicht für spätere Generationen lebenswerter Raum bleiben und das alles am besten gemeinsam. "Wir möchten für mehr Zusammenhalt sorgen und zeigen, dass wir mehr sind als nur individuelle Satelliten", sagt Schnellbögl. Das Quartier soll Stadtteile verbinden und somit die Grenzen fließend verlaufen lassen. Es erstreckt sich auf eine Länge von etwa neun Kilometern und insgesamt zwölf U-Bahn-Haltestellen. Hört man sich unter den Bewohnern Nürnbergs um, scheinen gerade die eigenen Möglichkeiten etwas zu verändern, für viele überhaupt nicht vorhanden. Genau da setzt das Projekt Quartier U1 an und holt alle die ab, die spannende und gemeinnützige Ideen haben. Unterstützung erhält das Pilotprojekt dabei von der Nationalen Stadtentwicklungspolitik, der Stadt Nürnberg selbst, aber auch von weiteren Partnern wie der VAG, dem Straßenkreuzer oder dem Quellkollektiv.

Das Quartier U1: Beim Amt für Ideen können neue Projekte eingereicht und besprochen werden.

28.12.2020 © Alexander Bernhardt


Teile der Gelder für das Quartier U1 stehen dabei auch explizit für die Förderung der Akteursprojekte zur Verfügung. Anfang des Jahres wurden aus den angemeldeten Ideen 19 ausgewählt, die in der ersten Periode des Quartier U1-Projekts gefördert werden. Bis Juli 2020 haben diese Projekte Zeit, mit finanzieller Unterstützung, aber auch Hilfe bei Planung, Raumfinden und Behördenkontakt ihre Ziele umzusetzen. Im kommenden Jahr wird dann alles ausgewertet und nachbesprochen. 2021 läuft die dreijährige Projektlaufzeit von "Quartier U1" aus. Das Team arbeitet allerdings schon an einem Amt für Ideen, das seinen festen und langfristigen Platz in Nürnberg bekommt und damit die Veränderung durch die Bevölkerung in der Stadt, so niedrigschwellig wie möglich, fördern kann.


Was sich Bewohner für das Quartier U1 wünschen

Das Quartier U1 – ein Stadtentwicklungsprojekt mit Bürgernähe bedeutet vor allem eins: Stadt zusammen mit seinen Bewohnern verändern. Damit das auch ganz in deren Sinne passiert, haben wir uns im Quartier U1, entlang der U-Bahnlinie U1 von Muggenhof bis Frankenstraße, umgehört.
Wir haben gefragt was sich die Bewohner für ihr Quartier U1 wünschen:


Eine Fahrt durch das Quartier U1

Das Quartier U1 – ein Quartier entlang der U-Bahnlinie U1 von Muggenhof bis Frankenstraße: Das Urban Lab hat mit diesem Pilotprojekt Stadt- und Quartiersentwicklung zu den Bürgern gebracht und schafft damit eine neue Verbindung zwischen den Stadtteilen. Doch wo entlang erstreckt sich das Quartier U1 – welche Teile der Stadt gehören überhaupt dazu?
Ein Video zum Zurechtfinden im Quartier U1:


Das Schallplattenwaschfest bei Radio Z

Der unabhängige Radiosender Radio Z in Nürnberg hat es sich zur Aufgabe gemacht, dass die Schallplatten im Quartier U1 wieder glänzen. Deswegen war in diesem Jahr eine Schallplattenwaschstraße mit zugehörigem Fest am Kopernikusplatz geplant. Corona machte da einen dicken Strich durch die Rechnung. Radio Z hat dann einfach kurzerhand die Pläne an die Hygienemaßnahmen angepasst und das Schallplattenwaschfest mit etwas weniger Kontakt auf die Beine gestellt – eine große Hilfe dabei: Ein Seilzug und viel Ehrenamt.


Das Grüne Klassenzimmer

Silke Würzberger sitzt in Mitten des großen Gartens in Nürnberg Gostenhof. Die Sonne scheint auf den 3.000 Quadratmeter großen Platz. Herzstück des Gartens ist das grüne Klassenzimmer. "Eigentlich sollte hier seit Juni der reguläre Schulunterricht stattfinden, durch das Corona-Virus und die notwendig gewordenen Maßnahmen ist dies aber aktuell leider nicht möglich", erklärt die gelernte Theaterpädagogin. Im kommenden Schuljahr können hier Schüler verschiedener Altersstufen unterrichtet werden. Schwerpunkt ist dabei das Interesse zu Umweltthemen zu fördern. Dabei steht auch die Einbindung der Lehrer*innen und Schüler*innen im Vordergrund. Sie sollen gemeinsam ein Lernumfeld nach ihren Vorstellungen gestalten. Durch die Verschiebung des Starttermins beim Schulunterricht liegt der Zeitraum eigentlich außerhalb der Förderung des Quartier U1.

Bilderstrecke zum Thema

Das Grüne Klassenzimmer

Im kommenden Schuljahr können Schüler verschiedener Altersstufen inmitten des großen Gartens in Nürnberg Gostenhof unterrichtet werden. Schwerpunkt ist dabei das Interesse zu Umweltthemen zu fördern. Dabei steht auch die Einbindung der Lehrer*innen und Schüler*innen im Vordergrund. Sie sollen gemeinsam ein Lernumfeld nach ihren Vorstellungen gestalten.


"Die Durchführung der Projekte im Rahmen des Quartier U1 beläuft sich nur auf das Jahr 2020. Deshalb wollen wir das Ganze etwas umstrukturieren und uns nicht nur auf die Altersgruppe Schüler beschränken, sondern auch Kindergartenkinder mit einbinden." Dafür haben die ehrenamtlichen Helfer rund um Würzberger auch schon einiges vorbereitet: "Wir haben einen Bereich mit einer Matschküche, einem Wasserspiel und viel Spielzeug gebaut, damit sich auch die Kleineren wohl fühlen. Seit Anfang Juni bieten wir dies für die Kindertagesstätte "Mio" an, seitdem kommt auch täglich eine Gruppe an Kindern zu uns." Das Wolfsherz, der Name der gemeinnützigen Unternehmensgesellschaft, hat einen großen Vorteil im Vergleich zu den Kindergärten. Grünfläche. Gerade in Nürnberg sind die Gartenbereiche in den vorschulischen Einrichtungen rar gesät.

"Die Kitas sind gerade räumlich sehr ausgelastet. Sie sollen immer mehr Kinder aufnehmen, aufgrund der aktuellen Sicherheitsbestimmungen dürfen die sich allerdings auch nicht begegnen. Die kommen gerade richtig an ihre Grenzen und die Kinder freuen sich auch jede Woche, wenn sie sich bei uns austoben können." Aufgrund der vielen, noch nicht fertig ausgefüllten Bauanträge, handelt es sich bei dem Garten noch um ein Privatgelände, das von der Kindertagesstätte genutzt wird. Genau wie beim ursprünglichen Gedanken, dem grünen Klassenzimmer, steht das gemeinsame Gestalten im Vordergrund. "Die Kinder kommen immer selbst auf Ideen. Ob die neue Werkbank oder eine Matschküche, die Inspiration kam von ihnen. Über dieses Feedback freuen wir uns immer sehr", erklärt Würzberger.

Aber auch nach der Corona Krise und nach dem Projekt Quartier U1 soll der Garten genutzt werden. Dann kann dort Unterricht abgehalten werden. Das grüne Klassenzimmer ging als Gewinnerprojekt aus allen eingereichten Projekten hervor. Alle Projekte, die im Rahmen des Quartier U1 Projekts entstanden sind, durften ihren Favoriten auswählen. "Damit habe ich nicht wirklich gerechnet, das hat mich schon etwas erstaunt." Vor allem in der medialen Berichterstattung bekam das Thema so mehr Aufmerksamkeit. "Es gab einen schönen Artikel in der Presse und wir wurden für den Nürnberger Umweltpreis vorgeschlagen." Diesen gewann die Wolfsherz gUg im April 2020 mit dem Thema: "Urbanes Grün für Klima & Ernährung". Am meisten freut sich Würzberger aber über die neue Wahrnehmung in der Stadt. "Den Menschen fällt auf was wir machen, wir bekommen so auch viel positives Feedback."

Jahrelang stand der Garten leer. Würzberger ist mit ihrer Familie oft dort vorbeigelaufen, so entstand die Idee, dort selbst ein Projekt auf die Beine zu stellen. "Am Anfang haben wir da ein wenig rumgesponnen. Wir hatten einige Pläne, der Standort mitten in Gostenhof und die große, freie Fläche haben uns aber schon sehr gefallen. Irgendwann habe ich einen alten Freund, der jetzt Garten- und Landschaftsbauer ist, kontaktiert. So ging das alles los." Jetzt liegt es nur noch an den komplizierten Bauanträgen und an den fehlenden Schülern, bevor das Projekt startet. Silke Würzberger lobt auch die Zusammenarbeit mit dem Quartier U1. "Die Förderung lief total unkompliziert ab. Bei diesen Workshops gab es noch ein paar Anmerkungen, aber auch da war alles entspannt. Auch der Antrag hatte klare und unkomplizierte Fragen, das ist nicht selbstverständlich. Bei anderen Anträgen musste mich da schon öfter durch ein Wirrwarr kämpfen."

Dennoch sind auch in Zukunft weitere Projekte im Garten geplant. "Als nächstes stehen ein Piratenschiff und das Amphitheater auf dem Plan", erklärt Würzberger. "Wenn das mit den Bauanträgen und den Corona Maßnahmen erledigt ist, hoffen wir auf öffentliche Veranstaltungen und Besucher in unserem Garten."


Wie klingt deine Stadt: Stadtklang erleben

Voll. Laut. Hektisch. Oder doch eher ruhig. Entspannt. Einsam.
Wie klingt deine Stadt? Das haben sich Michael und Dani aus der Dynamisch Akustischen Forschungs-Klasse der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg gefragt. Im Rahmen des Quartier U1-Projekts liegt dabei der Fokus vor allem auf dem Klang der U-Bahnlinie U1 und wie diese eine Stadt verändert.


SUPPKultur: ein Geschmackserlebnis

Eine Lesung ist eine Lesung, ein Konzert ein Konzert, Suppe ist flüssiges Essen und Geschichte ist langweilig. Da widersprechen Andreas Thamm und Stephan Goldbach sehr schnell. Der Journalist und der freischaffende Musiker verbinden all das miteinander. So entstand die "SUPPkultur", bei der die beiden aus Zeitzeugenberichten aus der Nachkriegszeit eine Geschichte für die Bühne basteln. Diese wird dann mit passender Musik untermalt. Für das leibliche Wohl ist in Form von Suppe selbstverständlich auch gesorgt.


(K)einkaufswägen_gegen die Konsumgesellschaft

Hier ein neues paar Schuhe, da ein neues Auto, dort das neuste Handy. In unserer Gesellschaft geht es immer mehr um den Konsum. Der Verein Sänders e.V. möchte dem entgegenwirken. Mit ihrem Projekt "(K)einkaufswägen" zeigen sie, dass manchmal selber gestalten besser ist, als immer neue Sachen zu kaufen. Dabei werden die verschiedensten Wägen alle im Zeichen der Konsumkritik an den U-Bahnhaltestellen im Quartier U1 aufgestellt.


SOSA Gallery: Kunst oder Gentrifizierung

Die Soziokulturelle Streetart Gallery, kurz SOSA Gallery, hat sich zur Aufgabe gemacht, Nürnberg Gostenhof schöner zu gestalten. Dafür haben verschiedenste Künstler mehrere Stromkästen in der Nähe der U-Bahn-Stationen in Gostenhof mit Kunstwerken versehen. Das Thema "Freundschaft" war im Mittelpunkt der Aktion. Die Kunstwerke sollten im freien Raum für jeden zugänglich sein. Niemand muss Eintritt zahlen, um sich einen Stromkasten anzuschauen.

Vor der Vernissage, in der Nacht vom 27. auf den 28. Juli, wurden jedoch mehrere Stromkästen übersprayt. Den wiederaufgeklebten Stickern nach zu urteilen, war dies ein Akt gegen Gentrifizierung. Die Sticker wurden nämlich für die Neugestaltung abgekratzt und übermalt. Nürnbergs ehemaliges Arbeiterviertel Gostenhof hat schon seit längerem mit starken Mieterhöhungen und Sanierungen zu kämpfen, sodass die dort ansässigen Bewohner durch wohlhabendere Bevölkerungsschichten verdrängt werden. Außerdem wurde in den sozialen Medien kritisiert, unbedacht bereits bestehende Kunst und politische Äußerungen übermalt zu haben.

Die Organisatorin Sophie Knoll zeigte sich in einem Instagram-Video sehr bestürzt. Sie meinte, dass sie nie vorhatte, die Gentrifizierung in Gostenhof zu fördern. Alle Stromkästen wurden allerdings nicht übersprayt. Ein paar sind noch entlang der Adam-Klein-Straße und der Fürther Straße zwischen den U-Bahn-Stationen Bärenschanze und Gostenhof zu finden.

Bilderstrecke zum Thema

SOSA Gallery: Kunst oder Gentrifizierung

Die Soziokulturelle Streetart Gallery, kurz SOSA Gallery, hat sich zur Aufgabe gemacht, Nürnberg Gostenhof schöner zu gestalten. Dafür haben verschiedenste Künstler mehrere Stromkästen in der Nähe der U-Bahn-Stationen in Gostenhof mit Kunstwerken versehen.



Bislang haben Sie nur Texte gelesen, Filme gesehen und Beiträge gehört.
Jetzt sind Sie an der Reihe! Wie gut kennen Sie sich im Quartier U1 aus? Der eingefleischte Nürnberger oder doch eher ein Tourist?
Testen Sie hier ihr Wissen:

Kennen Sie Ihr Quartier U1?


Christian Dudasch, Ida Hinterholzinger und Alexander Bernhardt

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