Weitere Anschläge in Nürnberg geplant?

"Tür offen, ohne Schloß": Brisante Ausspähnotizen des NSU gefunden

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Elke Graßer-Reitzner (NN) und Jonas Miller (BR)

Politikredaktion und Rechercheteam

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30.11.2021, 06:00 Uhr
Nach dem Mord an Ismail Yasar in der Nürnberger Scharrerstraße im Jahr 2005 ist die Spurensicherung der Kriminalpolizei am Werk. Die Adresse des Imbissstandes findet sich auf der Liste von 10.000 Objekten, die der NSU in ganz Deutschland ausgespäht hat.

Nach dem Mord an Ismail Yasar in der Nürnberger Scharrerstraße im Jahr 2005 ist die Spurensicherung der Kriminalpolizei am Werk. Die Adresse des Imbissstandes findet sich auf der Liste von 10.000 Objekten, die der NSU in ganz Deutschland ausgespäht hat. © Stefan Hippel

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A wie Ansbach, Z wie Zirndorf, kaum ein Ort in der Region, der auf dieser immens langen Liste nicht auftaucht. Im Brandschutt des Zwickauer Wohnhauses, das Beate Zschäpe nach dem Selbstmord von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 4. November 2011 in die Luft gejagt hatte, entdeckten die Ermittler neben Stadtplänen mit Markierungen, handschriftlichen Notizen und zwölf Waffen jede Menge elektronische Informationen.

Ein gewaltiger Adressen-Satz kam zum Vorschein: Rund 10.000 Anschriften aus dem gesamten Bundesgebiet sind da festgehalten, auch von Politikern, Parteiorganisationen, Migrantenvereinen und israelitischen Kultusgemeinden. Als "10.000er Liste" ging der Fund in die Ermittlungsakten des Bundeskriminalamtes (BKA) ein.

Wer hat diese gewaltige Datenmenge zusammengetragen, wer Objekte ausgekundschaftet? Auch zehn Jahre nach der Selbstenttarnung der braunen Terrorzelle ist dies ungeklärt. Zehn Menschen hat der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) in den Jahren 2000 bis 2007 umgebracht, drei davon in Nürnberg. Hatte die Mörderbande weitere Opfer im Visier?

Anwälte, die die Hinterbliebenen vertreten, bezweifeln, dass nur Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe die Daten gesammelt haben. "Wir gehen davon aus, dass der NSU ein Netzwerk ist und noch viele weitere Mitglieder hatte", sagt der Nebenklagevertreter Sebastian Scharmer aus Berlin. Er fordert, endlich Licht in die Helferstrukturen zu bringen.

Rechercheteam hat Liste ausgewertet

In der Metropolregion könnten Unterstützer am Werk gewesen sein. Denn manche Namen und Adressen tauchen mehrfach auf. Das gemeinsame Rechercheteam von Nürnberger Nachrichten und Bayerischem Rundfunk hat die "10.000er Liste" jetzt erstmals umfänglich auswerten können. Bislang waren nur einige Details an die Öffentlichkeit gedrungen.

Zwickau erinnert mit Bildern und Namen der NSU-Opfer auf großen Transparenten an die Getöteten.

Zwickau erinnert mit Bildern und Namen der NSU-Opfer auf großen Transparenten an die Getöteten. © Sebastian Willnow, dpa

So war bekannt, dass in Nürnberg eine Asylunterkunft auf der Liste stand, versehen mit dem Zusatz: "Viele Häuser, sehr weit draußen, großes Gelände". Auch die handschriftliche Bemerkung über einen Imbiss-Stand in Schafhof erregte Aufsehen: "Problem: Tankstelle nebenan, Türke aus Tankstelle geht in jeder freien Minute zum Reden rüber. Imbiß mit Vorraum".

Weitere Objekte aufgelistet

Der Verdacht liegt nahe: Hatte die Mörderbande zunächst einen anderen Imbissbetreiber im Visier, ehe sie Ismail Yasar am 9. Juni 2005 in seinem Verkaufsstand in der Scharrerstraße tötete? Doch es gibt noch weitere Objekte aus Nürnberg auf dieser Liste, ergänzt durch präzise Hinweise.

So heißt es über eine Migrantenunterkunft in Sandreuth: "Asylheim, Tür offen ohne Schloß, Keller zugänglich." Neben der Adresse eines Flüchtlingsheimes in St. Peter steht: "Keine Hausnummer. Linkes Gebäude direkt vor Tunnel. Innenhof." Und bei der DKP, der Deutschen Kommunistischen Partei, die auch die Kommunistische Arbeiterzeitung herausgab, ist notiert: "EG, großes Fenster, normales Wohnhaus, Nazis verbieten." (Originalzitat).

Über 50 Adressen aus Nürnberg stehen auf dieser Liste, darunter neun Waffenhändler. Überhaupt Waffen: Kein solches Fachgeschäft in der Region, das den Rechtsterroristen entgangen wäre. Amberg oder Bamberg, Emskirchen, Erlangen, Leutershausen oder Rothenburg, nahezu jeder Einzelhändler mit Waffensortiment und Munition ist verzeichnet.

Er habe keine Ahnung gehabt, dass er markiert worden war, sagte Waffen-Spezialist Hubert Greger aus Neumarkt in der Oberpfalz verblüfft, als er vom NN-/BR-Rechercheteam davon erfuhr. Jedoch sei er gut gesichert, es sei unmöglich, sich bei ihm "etwas zu beschaffen".

Hans-Christian Ströbele ist empört

Wie er wissen viele Menschen bis heute gar nicht, dass sie in den Fokus der Rechtsterroristen geraten waren. Der frühere Grünen-Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele und Hans-Jürgen Papier, ehemaliger Chef des Bundesverfassungsgericht, haben erst vor kurzem davon erfahren und sind über die Sicherheitsbehörden empört.

Das ausgebrannte Wohnmobil, in dem Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos 2011 in Eisenach starben, steht in der Asservatenkammer des Bundeskriminalamtes.

Das ausgebrannte Wohnmobil, in dem Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos 2011 in Eisenach starben, steht in der Asservatenkammer des Bundeskriminalamtes. © Oliver Berg/dpa

Nicht ausgeschlossen werden kann, dass die Neonazis ursprünglich Attentate auf Politikerinnen und Politiker oder verschiedene Einrichtungen geplant hatten. Denn die Privatadresse des 2019 von einem Neonazi ermordeten CDU-Politikers und Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke findet sich auf der NSU-Liste.

Dagegen berichtet die frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Verena Künstel-Wohlleben dem Rechercheteam, dass sie 2011 vom damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer persönlich in Kenntnis gesetzt worden ist. Künstel-Wohlleben wohnte in den 2000er Jahren in Röthenbach im Nürnberger Land und war Mitglied des Bundestags-Verteidigungsausschusses.

Womöglich sei sie auf die Liste geraten, weil sie in Israel ein Krankenhaus betreut habe, mutmaßt die Politikerin. "Man hat nicht immer nur Freunde, wenn man Abgeordnete ist", kommentiert sie.

Womöglich ist sie aber Opfer der rechtsradikalen Praxis geworden, grundsätzlich alle Bundes- und Landtagsabgeordneten von Union und SPD mit ihren Adressen zu fixieren. Der Name der Fürther CSU-Landtagsabgeordneten Petra Guttenberger findet sich ebenso in den Daten wie der des Erlanger MdB Stefan Müller (CSU), von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) aus Erlangen und von der früheren Bundesfamilienministerin Renate Schmidt (SPD) aus Nürnberg.

Amerikanische Streitkräfte im Visier

Zudem sind der Bundeswehr-Fliegerhorst in Roth, die Bank of America in Bamberg, die Bundeswehr-Kaserne in Bayreuth oder die ehemalige Kaserne der amerikanischen Streitkräfte in der Fürther Südstadt genannt. Dazu die islamischen und türkischen Kulturvereine in der Region, viele Flüchtlingsberatungsstellen und die Adressen der Israelitischen Kultusgemeinden in Fürth, Nürnberg und Erlangen sowie der Landesverband Deutscher Sinti und Roma mit Sitz in Nürnberg.

Auch die diversen Dienststellen der katholischen Kirche in Bamberg findet man, das Ordinariat gleich mehrfach unter verschiedenen, teils falschen Bezeichnungen. Wie gefährlich war die Situation für die Betroffenen?

Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) in Köln, das die Adressenliste vom Bundeskriminalamt zugestellt bekam, hält im November 2011 in einer Aktennotiz an alle Landesämter fest, die dem Rechercheteam vorliegt: "Nach erster Einschätzung des BKA, die vom BfV geteilt wird, handelt es sich um eine Materialsammlung. Hinweise auf konkrete Planungen zu den jeweiligen Adressen liegen nach derzeitigem Kenntnisstand nicht vor."

Womöglich kannten die Sicherheitsbehörden da noch nicht das gesamte Material. Denn erst vier Monate später, im März 2012, sichtete das BKA einen weiteren dieser Datenträger, den man ebenfalls im Zwickauer Brandschutt gefunden hatte. Darauf befand sich ein Ordner mit der Bezeichnung "Killer" und ein Unterordner mit dem Titel "Datenbank Aktion wichtig!!!". Unter dem Dateinamen "nürn.bmp" entdeckten die Ermittler elektronische Kartenausschnitte aus den Nürnberger Stadtteilen St. Johannis, Altstadt/St.Lorenz, Gostenhof und St. Leonhard.

Auch griechisches Restaurant wurde markiert

Mit blauen Punkten und Sonnenbrille tragenden Smiley-Symbolen waren 12 Orte markiert, die sich auch auf der 10.000er Liste wiederfinden, darunter ein griechisches Restaurant und eine Wohngemeinschaft für Flüchtlingskinder. Abgespeichert waren die Adressen am 23. Mai 2005 worden.

Drei Tage später, am 26. Mai, kam eine 13. Adresse hinzu: die Imbissbude von Ismail Yasar. Knapp drei Wochen später ermordete der NSU Yasar in seinem Verkaufsstand.

Bekenner-Video an die DKP gesandt

Auch das Büro der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) taucht in diesem "Aktion wichtig"-Verzeichnis auf. Sieben Jahre später, nach der Selbstenttarnung des NSU, landete im Briefkasten der DKP am 12. November 2011 die Bekenner-DVD der Rechtsterroristen mit dem abscheulichen Paulchen-Panther-Video über die Mordserie. Das braune Kuvert trug eine Briefmarke. Fast zeitgleich kam eine solche DVD auch bei den Nürnberger Nachrichten an. Jedoch hatte ein Unbekannter hier den - unfrankierten - Umschlag persönlich abgegeben.

Auf Notizzetteln mit handschriftlichen Notierungen, die man im zerstörten Wohnhaus des Trios in Zwickau sichern konnte, findet sich ebenfalls ein direkter Bezug zu Nürnberg. So steht der Name eines leitenden Nürnberger Polizeibeamten darauf, mit dem Zusatz "Pl Nürnberg Vorgesetzter", mit großem "X" unter dem Namen. Desweiteren sind die Namen eines damaligen Staatsanwalts aus München sowie eines Leiters einer KZ-Gedenkstätte zu lesen.

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