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Ups, ein Pups . . .

Darüber spricht man nicht? Bestseller-Autorin Yael Adler plädiert für den entspannten Umgang mit Körpertabus - 12.10.2018 05:13 Uhr

Bestseller-Autorin Yael Adler. Foto: Thomas Duffe


Frau Adler, Tabus sind ihr Thema. Sie reden über Dinge, die andere am liebsten verschweigen. Warum?

Viele Patienten, die zu mir kommen, trauen sich nicht, offen über ihre Beschwerden zu reden. Lange Zeit schleppen sie ihr Leid still mit sich herum. Dazu nur ein Beispiel: In meine Praxis kam einmal ein Familienvater, der eine Analfistel hatte. Er hatte tagelang Schmerzen am Po. Erst sehr spät ließ er seine Frau auf den Po schauen, auf dem ein eitriges Ding prangte, genauer gesagt war das ein entzündeter Verbindungskanal, der sich vom Anus bis zur Haut gefressen hatte. Der Mann musste notoperiert werden. Hätte er nur einen Tag länger gewartet, wäre er für immer Stuhl-inkontinent geworden.

 

Also Hosen runter?

Ich fordere nicht, dass jeder alle Hemmungen verlieren muss. Natürlich gibt es Grenzen, und wir müssen uns nicht gegenseitig anpupsen oder vor dem anderen popeln. Aber wer zu viele Körpertabus hat, der kann Lebensqualität einbüßen. Denn schweigend vor sich hin zu leiden, kann zum großen Problem werden, ja zur chronischen Krankheit.

 

Sind wir wirklich so verzwickt?

Alle Themen, bei denen es um das perfekte Aussehen geht, sind in unserer Gesellschaft enttabuisiert. Aber alle anderen, wo es nicht ums Performen, ums Plastik-Image, um Pornos und um manipulierte Fotos geht, sind nach wie vor tabu. Weil uns Makel oder Krankheiten, die unseren Verfall andeuten, an die eigene Vergänglichkeit und an den Tod erinnern.

 

Bildet die körperbetonte Jugend da eine Ausnahme?

Nein. Bei den Jugendlichen spüre ich diesen Selfie-Wahn, die Selbstoptimierung um jeden Preis, den Druck unserer narzisstischen Gesellschaft, perfekt aussehen zu müssen. Aus Sicht vieler junger Menschen darf man weder Pickel, Leberflecke oder Fettpölsterchen haben, noch zu seiner Cellulitis stehen. Auch Dehnungsstreifen sind ein No-go. Viele Jugendliche entfernen sich von dem, was menschlich ist.

 

Ihr Appell lautet daher: Vergesst die ganzen Tabus?

Ich sage nur, ganz viel ist ganz normal: Kleine Brüste, große Brüste, krumme und gerade Penisse – alles darf sein. Körperliche Asymmetrien gehören dazu. Auch Leberflecke muss man sich nicht wegätzen mit einer Flüssigkeit aus dem Internet, die Narben hinterlässt. Es gibt auch keine Frau mit einem straffen Plastik-Po, egal wie dünn sie ist. Das heißt nicht, dass der Mensch alles und jede Krankheit aushalten muss. Dazu gehört aber, das Thema beim Arzt anzusprechen.

 

Okay, reden wir über Tabuthemen, zum Beispiel über die Intimrasur. Wie finden Sie, dass sich derzeit alle Welt enthaart?

Das Schönheitsideal ist momentan tatsächlich, keine Haare in den Achseln und im Intimbereich zu haben. Aber die Natur hat sich dabei etwas gedacht: Schamhaare dienen als natürliche Klimaanlage und verhindern, dass Haut auf Haut liegt und sich feuchte Kammern bilden. Das heißt, die Haut weicht weniger auf, sie ist gesünder und hat deshalb weniger Infekte. Auch der dezente Duft eines Menschen, der als erotischer Lockstoff fungiert, wird über die Schamhaare zerstäubt. Haare und Gerüche im Intimbereich sind also alles andere als ekelerregend, sondern gehören zum erotischen Selbstmarketing. Und die Haare schützen vor Infektionen.

 

Apropos Duft. Sie schreiben, Männer riechen nach Moschus, Sandelholz und Urin. Frauen dagegen nach Sauerrahm, Blumen, Hering und Zwiebeln. Klingt nicht so nett.

Das liegt daran, dass Männer und Frauen eine unterschiedliche Hormonausstattung haben und diese über die Duftdrüsen abgeben. Im Extrem hören sich diese Duftnoten unappetitlich an. Aber der Geruch ist das, was wir sehr anziehend finden, wenn wir einen Partner sexuell begehren. Über den Duft merken wir schnell, ob uns der Partner abstößt oder anzieht. Und ob er genetisch zu uns passt. Dazu muss man jedoch nicht stinken.

Stinken ist ein gutes Stichwort. Zu viel Waschen führt zu strengem Geruch, sagen Sie?

Ja, wenn man sich zu viel wäscht, macht man etwas wider die Natur. In der Steinzeit haben wir das ja auch nicht gemacht. Ich sage aber jetzt nicht, duscht euch nicht mehr. Man kann gern jeden Tag duschen, jedoch allenfalls mit Wasser und nur die Achseln, Leisten, Pofalte und Füße mit einem milden, sauren Duschgel waschen, um den Säureschutzmantel der Haut zu bewahren. Mit radikalen Reinigungsmaßnahmen sollten wir dagegen vorsichtig sein. Ein Zuviel an Hygiene bedeutet, man macht die Schutzbarriere kaputt, Stinkbakterien und Krankmacher vermehren sich, die Haut entzündet sich oder wird trocken.

 

Nächstes No-go: Pupsen. In Ihrem Buch erfährt man einiges zur Geschwindigkeit eines Furzes und vieles mehr. Ist Pupsen denn okay?

15 bis maximal 20 Mal Pupsen am Tag ist völlig normal. Püpse variieren natürlich auch. Es gibt laute und leise, mit unterschiedlichen Geruchsnoten.Manche sind mit 0,1 Stundenkilometer langsam, manche mit vier Kilometern pro Stunde schnell. Wer jedoch öfter als 20 Mal am Tag pupsen muss, sollte das abklären lassen. Dahinter kann eine Entzündung stecken, eine Unverträglichkeit, aber auch ein Tumor oder ein Reizdarm. Meist wäre dem Darm auch einfach schon mit einer gesunden Ernährung geholfen.

 

Sie schreiben über Erektionsstörungen und Sabbern im Schlaf, aber auch darüber, dass Menstruation Männersache sei. Das scheint erklärungsbedürftig.

Manche Männer finden die Periode unsexy, keimig oder sogar abstoßend, wollen keinen Sex, während ihre Frau die Tage hat. Insofern ist die Menstruation auch ein Männer-thema. Ich möchte mit diesen Mythen aufräumen. Denn Sex wäre in der Zeit durchaus erlaubt, wenn beide es wollen. Ich sehe aber auch, dass Frauen in unserer modernen Gesellschaft das Thema tabuisieren. Keine Frau läuft offen mit einem o.b. in der Hand zur Toilette. Eher nimmt sie ihr Tampon-Taxi, also ihre Handtasche.

 

Sie regen an, Tabuthemen auf Partys anzusprechen. Sie sind ja echt witzig!

Ja, das sind die lustigsten Gespräche auf Feiern überhaupt. Ich habe zum Beispiel mal im Freundinnenkreis über sexuelle Fantasien gesprochen. Nicht obszön, nicht unter der Gürtellinie, sondern mit viel Respekt vor unserem Körper. Da entwickelte sich eine extrem interessante Runde. Wochen später traf ich einen der Ehemänner auf der Straße wieder, der sich bei mir bedankte und sagte: "Ich weiß zwar nicht, worüber ihr geredet habt, aber es hat uns sehr gut getan."

 

 Yael Adler.....

. . . 45 Jahre alt, hat ein Faible für Tabuthemen. Nichts ist der Ärztin zu peinlich oder zu eklig, um darüber zu reden. Ihr aktuelles Buch: Darüber spricht man nicht. Weg mit den Körpertabus (Droemer). Hier hat die Ärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten schambesetzte Themen  versammelt, die ihr täglich in ihrer Berliner Praxis begegnen. Ihr erstes Buch hieß: Haut nah. Bereits damit hatte es die Expertin monatelang an die Spitze der Bestsellerliste geschafft. Sie ist Mutter von zwei Söhnen.  

Interview: Johanna Husarek

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