Kommentar

Viel Schaden, kaum Nutzen: Corona-Restriktionen in der Kultur sind fragwürdig und widersprüchlich

Nürnberg , am 03.07.2020..Ressort: Feuilleton Foto: Stefan Hippel ..i. Haus,  Redakteur Thomas Heinold, Mitarbeiterportrait
Thomas Heinold

Kultur/ Leben

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24.11.2021, 05:55 Uhr
Sind wegen Corona nur noch 25 Prozent Zuschauer bei Kulturveranstaltungen zugelassen, werden viele Bühnen von nun an erstmal wieder leer bleiben.

Sind wegen Corona nur noch 25 Prozent Zuschauer bei Kulturveranstaltungen zugelassen, werden viele Bühnen von nun an erstmal wieder leer bleiben. © Britta Pedersen/dpa

Zweifelsohne, die Corona-Lage im Land ist ernst, doch die neuen vom Freistaat erlassenen restriktiven Regeln für Kultur- und Sportveranstaltungen zäumen das Pferd von der falschen Seite auf und sind in sich widersprüchlich.

Wichtigstes Ziel wäre es derzeit, Kontakte zu reduzieren, Begegnungen zu vermeiden und letztlich dafür auch die Mobilität der einzelnen einzuschränken. Blickt man auf die Straßen, in die öffentlichen Verkehrsmittel, in die Geschäfte und Fußgängerzonen, sieht man jedoch, dass es derzeit so voll ist wie immer, dass das öffentliche Leben nach wie vor quirlig ist. Und auch das private Leben, das sowieso nicht kontrollierbar ist (und auch nicht sein soll), selbst wenn Bayern jetzt wieder Kontaktbeschränkungen für Ungeimpfte erlässt.

Theater- oder Opernaufführungen, Konzerte und Lesungen in ihrer Kapazität auf ein Viertel der Publikumsplätze zu beschränken, werden diese Mobilität nicht oder nicht merklich einschränken. Das gilt letztlich sogar für ein Fußballspiel wie FCN gegen St. Pauli am kommenden Sonntag, wo man dadurch lediglich ein gewisses Gedränge rund ums Stadion vermeidet.

Wieder zeigt sich in diesen Tagen: Die Kultur hat keinen hohen Stellenwert in der Corona-Krise. Politiker geben allenfalls Lippenbekenntnisse ab.

Wieder zeigt sich in diesen Tagen: Die Kultur hat keinen hohen Stellenwert in der Corona-Krise. Politiker geben allenfalls Lippenbekenntnisse ab. © imago images/Christian Ohde

Noch dazu verlangt man ab jetzt den Besuchern von Kultur- und Sportveranstaltungen die Einhaltung der 2Gplus-Regel ab. Zum Status „Geimpft“ oder „genesen“ muss nun noch der Nachweis eines Corona-Schelltests kommen. Plus das Tragen einer FFP2-Maske. Würden Staat und Gesundheitspolitiker dieser Kombination aus Präventions- und Schutzmaßnahmen wirklich trauen, dann bräuchten sie jedoch die Veranstaltungskapazitäten nicht auf 25 Prozent der möglichen Zuschauerzahlen beschränken.

Schmerzhafter Widerspruch

Hier klafft ein Widerspruch, den jene besonders schmerzhaft spüren, die sich auch deshalb impfen haben lassen, um Kultur – und Sport – endlich wieder erleben zu können, ohne dabei sich selbst und ihre Mitmenschen der Gefahr einer Ansteckung auszusetzen.

Ganz abgesehen davon, dass die 25-Prozent-Regel allen privaten Veranstaltern die ökonomische Grundlage entzieht. Kein Event, schon gar nicht der Auftritt eines „teuren“ Stars, lässt sich damit auch nur annähernd kostendeckend finanzieren.

So tobt das quirlige Leben draußen im Land trotz hoher Infektionszahlen uns starker Belastung der Kliniken erstmal weiter, während bei vielen Kultur- und anderen Veranstaltungen die Lichter wieder fast ganz ausgehen.
Das Infektionsgeschehen werden die neuen bayerischen Regeln für Kultur- und Sportveranstaltungen kaum positiv beeinflussen. Sie werden jedoch zumindest ökonomisch und auch psychologisch den in den angeschlagenen Branchen eh schon vorhandenen Flurschaden nochmals vergrößern.

Dass die Maßnahmen erstmal nur bis 15. Dezember befristet sind, ist da nur ein schwacher Trost. Sie sollten gar nicht erst in Kraft treten, diese Entscheidung wäre deutlich besser.

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