Donnerstag, 17.10.2019

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Was passiert, wenn man spricht

Missbrauch in der katholischen Kirche - 22.02.2019 20:53 Uhr

Sonnenuntergang hinter dem Bamberger Dom. Auch im Erzbistum Bamberg, zu dem zwei Drittel der katholischen Gemeinden in Nürnberg gehören, ist über Jahre hinweg sexueller Missbrauch durch Geistliche möglich gewesen. © Foto: Guido Bergmann/dpa


Claudia Mönius arbeitet als Coach und Autorin in Nürnberg. Als Mädchen wurde sie vom Pfarrer ihrer Nürnberger Gemeinde jahrelang missbraucht. Als sie ihn 2010 anzeigte, waren seine Taten verjährt. Die Kirche erteilte dem Priester ein Zelebrationsverbot. © Foto: Thomas Gauck


Ende Januar musste ich meinen früheren Psychotherapeuten um Hilfe bitten, zum ersten Mal seit Jahren. Nichts ging mehr. Vor allem wusste ich nicht mehr, in welcher Zeit ich mich befand: Schreiben wir das Jahr 1980 oder 2019? An konzentriertes Arbeiten ist schon länger nicht zu denken. Im November musste ich ein ganzes Hochschulsemester absagen. Statt meine Seminare zu halten, lag ich als Häuflein Elend zusammengerollt auf dem Sofa.

Ein hoher Preis für mein Reden in der Öffentlichkeit, zu hoch. Warum um alles in der Welt hatte ich der Aufarbeitungskommission der Bundesregierung bloß angeboten, beim öffentlichen Hearing zum Thema "Kirchen und ihre Verantwortung zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs" zu sprechen? Weil ich das Gefühl hatte, einen Beitrag leisten zu können. Zu einer Veränderung, zu echter Aufarbeitung, zum Hinschauen auf das, was war, um darauf aufbauend echte Prävention betreiben zu können. Prävention ohne Aufarbeitung ist eine Mogelpackung, feige und verlogen.

Die Veranstaltung war hervorragend organisiert und ich fühlte mich absolut in Sicherheit, der hochprofessionell arbeitenden Kommission sei Dank. Und doch war das Erleben grauenhaft. Nicht nur das Reden über meine eigenen Missbrauchserfahrungen und den inakzeptablen Umgang des Erzbistums Bamberg mit mir und meiner Geschichte. Auch die Erlebnisse der anderen Betroffenen, gleich welcher Konfession, die sie sich förmlich aus dem Leib schrien, waren nur schwer zu ertragen.

Immerhin: An diesem Tag rang ich Bischof Stephan Ackermann als dem Zuständigen der Deutschen Bischofskonferenz für Missbrauch das Versprechen ab, dass ich im Jahr 2019, dem Jahr des 90. Geburtstags des Täters, dessen Renommee von der katholischen Kirche bis heute bestens geschützt wird, keine öffentliche Laudatio in Pfarreiveröffentlichungen oder sonst wo ertragen muss. So war es fünf Jahre zuvor geschehen. Und der betreffende Pfarrbrief nebst Foto, auf dem zwei kleine Mädchen dem pädophilen Täter zum 85. Geburtstag gratulierten, stand bis dahin auf der Webseite der Pfarrei zum Download bereit. Ich hatte meine Bitte plakativ formuliert und verband damit die Forderung nach wirklicher Aufklärung und Herstellung von Transparenz auch in der Tätergemeinde. Ja, ich schreibe bewusst "Tätergemeinde", denn bis heute weigert sich der harte Kern der inzwischen hochbetagten Gemeindeglieder, die den Täter seit Jahrzehnten kennen, den Tatsachen ins Auge zu schauen. Missbrauch begehen kann ein Einzelner. Zum Vertuschen braucht es viele.

Die anschließende Aufarbeitung sah wie folgt aus: Bischof Ackermann verständigte seinen zuständigen Kollegen Ludwig Schick in Bamberg. Der wiederum gab die Angelegenheit an seinen Generalvikar weiter, der den jetzigen Pfarrer der Gemeinde einbestellte und ihn erstmals über die Verbrechen seines Vorgängers informierte – mehr als acht Jahre, nachdem ich das Geschehen beim Bistum angezeigt hatte.

Der Pfarrer wiederum sprach – ebenfalls unter der Hand und im Vertrauen – einzelne ehrenamtlich engagierte Gemeindeglieder an, mit der Bitte, dafür Sorge zu tragen, dass die bischöfliche Weisung umgesetzt würde: keine öffentlichen Gratulationen zum 90. Geburtstag des Täters! So läuft die Aufarbeitung von "Altfällen", zumindest im Bistum Bamberg.

Nach der Veranstaltung erschien ein ganzseitiger Artikel in der "Zeit" über meine Geschichte. Dieser Beitrag sowie eine Anfrage des RTL-Fernsehens in Bamberg führten dazu, dass ich auf einen Brief, der zwei Jahre lang unbeantwortet geblieben war, plötzlich Antwort erhielt: Sowohl die Missbrauchsbeauftragte des Bistums als auch besagter Generalvikar entschuldigten sich für das "bedauerliche Versäumnis", dessen Fehlerquelle man leider nicht mehr rekonstruieren könne.

Der Generalvikar spricht in seinem Brief zweimal von meinen "Anschuldigungen" dem Täter gegenüber, ein Wort, das man im Zusammenhang mit nicht bewiesenen oder gar falschen Unterstellungen verwendet, wie mir auch Bischof Ackermann bestätigte, dem ich das Schreiben zur Kenntnis weiterleitete. Sind solche Formulierungen schlicht gedankenlos oder haben sie System, um die Opfer weiter zu zermürben?

Im Januar schließlich erhielt ich Gelegenheit, diese Frage dem Bamberger Erzbischof selbst zu stellen. Knapp neun Jahre nach meiner Anzeige war ich zum persönlichen Gespräch geladen. Dass es ursprünglich ein "Vieraugengespräch" hätte werden sollen, das ich mit dem Hinweis ablehnte, Vieraugengespräche mit Klerikern wären mir in der Vergangenheit nicht gut bekommen, kann man als Randerscheinung werten. Man kann daran aber auch ablesen, wie sehr die Erlebnisse Betroffener heruntergespielt werden, so sehr, dass man sich nicht einmal Gedanken macht, wie ein einfühlsames, Sicherheit gewährleistendes Setting aussehen kann, in dem ein traumatisierter Mensch über seine Erfahrungen sprechen kann, ohne sich der Gefahr erneuter Verletzungen auszusetzen.

Ich kündigte an, dass ich in Begleitung meines Mannes käme und bat darum, die Präventionsbeauftragten des Bistums zu dem Gespräch einzuladen. Das, was ich zu sagen habe, betrifft in hohem Maße die Präventionsarbeit. Hier geht es nicht mehr um mein Erleben, sondern darum, künftige Generationen vor diesen Verbrechen zu schützen. Das zweistündige Gespräch mit dem Bamberger Erzbischof öffnete mir endgültig die Augen: Vor mir saß ein überfordert wirkender Mann, der offensichtlich weder die Dimensionen des Geschehens erfasste, noch verstand (oder verstehen wollte?), wovon ich sprach, wenn ich das Missbrauchsthema in einen größeren Kontext stellte.

Anders als in der sonstigen Begegnung mit Klerikern oder Ordensleuten war keine Wand der Abwehr zu spüren, keine Mauer, an der man sich mit jedem Aufprall erneut verletzt. Es war eine offene, zugewandte Gesprächsatmosphäre, in der ich meinen Fragenkatalog abarbeiten konnte, der in der jahrelangen Wartezeit beachtliche Ausmaße angenommen hatte. Aber sobald ich konkrete Maßnahmen ansprach, die über Pseudo- und Schein-Reförmchen hinausreichten, stieß ich doch wieder nur auf Abwehr oder Unverständnis.

Er trage, so der Bischof, die sieben Punkte mit, die die deutschen Bischöfe nach Erscheinen der von ihnen in Auftrag gegebenen Studie erarbeitet hätten. Darin heißt es unter anderem "Alle Selbstherrlichkeit von Amtsträgern der Kirche" müsse überwunden werden. Doch auf meinen Stoßseufzer, ich würde erst leise Hoffnung auf Veränderung schöpfen, wenn er in seinem Dom den hoch erhobenen Thron abbaute, erwiderte er nur, der stünde nun einmal seit 150 Jahren da und das könne er schließlich auch nicht ändern. Kunsthistorisch gesehen mag er recht haben. In dem Sinn, den ich meinte, leiden Menschen bereits seit vielen Jahrhunderten unter diesen goldenen und noch immer unangefochtenen Überhöhungen.

Diese vermeintlich hohen Herren haben überhaupt nichts begriffen. Wovon sprechen die eigentlich, wenn von (Selbst-)Überhöhung und Klerikalismus die Rede ist? Sie kapieren es einfach nicht. Sitzen in ihrem Elfenbeinturm und sind so unendlich weit weg von dem, worum es eigentlich geht und was grundlegend und dringend geändert werden muss. Vielleicht ist es das, was das Ganze so unglaublich anstrengend macht: Nach knapp zwei Stunden Gespräch, in denen ich mich emotional gut im Griff hatte und fundierte Fragen stellte, hatte ich das Gefühl, das alles sei völlig vergeblich gewesen, weil wir in verschiedenen Welten leben und komplett unterschiedliche Sprachen sprechen.

In diesem wenige Wochen zurückliegenden Gespräch hatte ich noch meine Mitarbeit angeboten. Ich dachte, wenn das Bistum eine Art Betroffenenrat gründen würde, könnte ich darin mitwirken. Damit sich etwas zum Besseren verändert. Inzwischen habe ich begriffen: Keinesfalls kann ich mich in dem Bistum oder gar der Pfarrei, in der ich den Missbrauch erlebt habe, engagieren. Mein ärztlicher Therapeut gab mir ein hilfreiches Bild mit auf den Weg: Das wäre, als würde man in einer forensischen Klinik zur Lösung struktureller Probleme als Berater oder Supervisoren die Opfer der dort behandelten Straftäter einsetzen.

Wie recht der Mann damit hat, wurde mir klar, als in den letzten Wochen vermehrt Menschen aus der Tätergemeinde mit mir Kontakt aufnahmen. Als Erstes wurde mir berichtet, der Pfarrgemeinderat habe eine Schweigeminute für mich abgehalten – mit anschließendem gemeinsamen Vaterunser. Als ob nicht lange genug geschwiegen worden wäre! Dann erfuhr ich, dem Täter sei von einem Informanten nahegelegt worden, freiwillig aus dem gemeindeeigenen Männerwerk – sozusagen ein Männerbund im Männerbund – auszutreten; das würde ihm den Ausschluss nebst Vermerk im Protokoll ersparen, der wohl nach Bekanntwerden der Ereignisse nun doch von einigen Mitgliedern gefordert wurde. Nachdem ich das erfahren hatte, nebst der Information, dass es auch einige Leute in der Pfarrei gebe, die kein gutes Haar an mir ließen, hatte ich erstmals nächtliche Albträume, die deutlich an dem Missbrauchsgeschehen der 80er Jahre anknüpften.

Besteht denn dieses System nur aus Leisetretern und Mitläufern? Nein, ein paar wenige Mutige wandten sich jetzt in einem offenen Brief an Kardinal Reinhard Marx und gaben ihm ihre Forderungen für die in diesen Tagen in Rom stattfindende Konferenz zum Thema "Konsequenzen aus dem Missbrauch" mit auf den Weg. Mutige Männer und Frauen, die Gesicht zeigen, und das, obwohl sie innerhalb des Systems Kirche stehen und etwas zu verlieren haben. Auch sie werden mitreden können bei der Frage "Was passiert, wenn man spricht?".

Ich selbst habe genug getan. Unzählige Pressegespräche von unterschiedlicher Qualität und Einfühlsamkeit, belastende Auftritte in Fernseh-Talkshows und Rundfunkinterviews, das Erkennen und Abwehren unseriöser oder kommerzieller Anfragen, die nervenzehrende Angst, von meinen Jugendfreunden aus der Pfarrei als Nestbeschmutzerin geächtet zu werden, die sich Gott sei Dank als unbegründet erwies. Und nun in oben erwähnter Therapiesitzung die Diagnose: "Retraumatisierung". Jetzt werde ich also doch schweigen, aber nicht, weil ich mich habe einschüchtern lassen vom Tätersystem und seinem Dreiklang "Verharmlosen, Verdrängen, Vertuschen", sondern aus reinem Selbstschutz. Weil meine psychische und physische Gesundheit wichtiger sind als jeder Beitrag, den ich für dieses verkommene und verlogene System Kirche jemals leisten könnte.

mClaudia Mönius: Feuer der Sehnsucht. Spiritualität einfach leben. Gütersloher Verlagshaus, 256 S., 20 Euro

Der Pfarrgemeinderat hielt eine Schweigeminute für mich ab, mit anschließendem Vaterunser. Als ob nicht lange genug geschwiegen worden wäre!

Das zweistündige Gespräch mit dem Bamberger Erzbischof öffnete mir endgültig die Augen: Vor mir saß ein überfordert wirkender Mann.

Claudia Mönius

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