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Wer schreit, schlägt stärker zu

Attacke von hinten: Kampfsport-Experte Peter Althof bringt gehörlosen Frauen Selbstverteidigung bei. VON ANETTE RÖCKL - 08.04.2019 18:11 Uhr

Wie man einen Angreifer mit einem gezielten Schlag gegen den Hals außer Gefecht setzt, demonstriert Kampfsport–Experte Peter Althof den gehörlosen Frauen hier an seinem Sparringspartner Ayhan Bostanci. Unterstützt wird er bei diesem Kurs von einer Gebärdendolmetscherin.


Selbstverteidigung ist für Frauen wichtig. Für gehörlose Frauen umso mehr, denn laut einer Studie erleben sie viel öfter sexuelle Gewalt als der weibliche Bevölkerungsdurchschnitt. Wie man am besten reagiert, lernen sie bei einem Kurs mit Kampfsport-Experte Peter Althof.

"Konzentration!", ruft Althof, Gebärden-Sprachdolmetscherin Sandra Blum tippt mit beiden Zeigefingern an ihre Stirn. Sie übersetzt den 14 Frauen, die auf den Matten im Boxstudio stehen, die Ansagen. Ohne sie würde der Kurs nicht funktionieren, auch wenn bei Selbstverteidigung viel ohne Worte geht. "Man muss es die Frauen mehr spüren lassen", sagt Althof. Und demonstriert mal an Boxtrainer Ayhan Bostanci, mal an einer Kursteilnehmerin, wie man den Angreifer, der von hinten kommt, so packt, dass ihm buchstäblich die Hände gebunden sind. Und wohin man schlägt: Kehlkopf, Solarplexus. Althof deutet auf die Stellen am Körper.

Besonders wichtig ist es für gehörlose Frauen, das Schreien zu üben. "Sie können ihre Stimme nicht kontrollieren. Und wissen nicht: Wie laut bin ich?", erklärt Judith Nothdurft von Deaf-Projekte. Von ihr stammt das Konzept zum Kurs, zum dritten Mal führt sie es mit dem Promi-Bodyguard durch. Um die Finanzierung kümmert sich Sarah Herberich von der Gehörlosenseelsorge.

Der Kurs wird von der Aktion Mensch gefördert, 40 Euro kostet er die Teilnehmerinnen trotzdem noch. Natürlich könnte sie auch mit Hörenden trainieren. Aber sie haben andere Probleme. Neben dem Stimmeinsatz ist auch das Überraschungsmoment anders. Denn sie hören den Angreifer nicht kommen. "Beim Hörgerät sind auf der Straße auch alle anderen Nebengeräusche lauter, wie der Autoverkehr. Man hört die Schritte also nicht", erklärt Nothdurft.

Die kleinen Tricks sind wichtig

"Ich war schon in einem Kurs mit Hörenden. Aber hier wird mir die Technik ganz genau erklärt. Auch die kleinen Tricks, die so wichtig sind. Deshalb ist der Kurs für mich so wertvoll", sagt die 33-jährige Doris Bednarek aus Fürth via Dolmetscherin.

Wichtig ist auch, dass die Frauen mit einem Mann trainieren. "Man muss eine ganz andere Hemmschwelle durchbrechen, wenn ein Kasten wie Peter vor einem steht", sagt Nothdurft.

Dass man auch den schnell zu Fall bringen kann, demonstrieren die Teilnehmerinnen. Krachend landet der Bodyguard auf der Matte. "Sie haben schon viel gelernt! ", sagt Althof und lacht. Spaß haben die Frauen, jüngere und ältere, bei dem Training sichtlich. Es wird gelacht. Und geschrien. Mit Boxhandschuhen über den Händen dreschen sie auf eine Matte ein. Und schreien dabei tatsächlich laut. Denn wer schreit, schlägt stärker zu. Und macht vor allem auf sich aufmerksam im Notfall. Danach gibt es den Applaus der Gehörlosen, mit erhobenen Händen in der Luft. 

Anette Röckl

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