Freitag, 10.04.2020

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Wie die Eisenbahn 1875 nach Roßtal kam

Neue Sonderschau im Museumshof zeigt historische Fotos, alte Pläne und Akten zu Bau und Entwicklung - 19.05.2013 10:00 Uhr

Die Signallaterne, die Werner Schläger zeigt, ist nicht ganz authentisch, sie war einst gasbetrieben. Eisenbahnhistorisch erleuchtender sind die vielen Infos in Text, Bild oder alten Dokumenten, die Schläger zusammengetragen hat. © Scherer


Historische Aufnahmen, angegilbte Baupläne zu Gleisanlagen und Bahnhöfen, alte Akten, sogar Kostenvoranschläge und den einen oder anderen Lohnzettel grub das Trio aus. Zu schade, um nur im Archiv zu lagern, befand Werner Schläger. Ergänzt um diverse Leihgaben und eingebettet in Informationen zur Vorgeschichte, in der über ein Jahrzehnt um die Linienführung gerungen wurde. ist daraus eine Sonderausstellung geworden, die die Eisenbahn in Roßtal auf der Zeitschiene von ihrer Jungfernfahrt am 15. Mai 1875 bis in die Gegenwart begleitet.

Schwer beeindruckt, allerdings im negativen Sinne, zeigt sich Schläger dabei von einem Plan, der heute nahezu in Vergessenheit geraten und in einer der Vitrinen zu sehen ist. Knapp hundert Jahre, nachdem Roßtal ins Schienennetz eingebunden war, sollte hier ein Rangierbahnhof entstehen. „Das war ein Projekt gigantischen Formats“, erläutert Schläger. Auf einer Länge von acht Kilometern und auf 400 Hektar Fläche sollten Gleisanlagen für 16000 Rangiermanöver pro Tag gebaut werden.

Heinz Raab, ehemals Kämmerer der Marktgemeinde, kann sich noch gut erinnern: „Für Roßtal wäre das fatal gewesen. Vom Gemeindegebiet wäre nur der nördliche Teil geblieben. Wir Roßtaler hätten gar nichts davon gehabt, keine Gewerbesteuer, keine Arbeitsplätze, nur einen Haufen Flächenverlust.“ Der Protest formierte sich in einem Bürgerkomitee. Landwirte weigerten sich, ihre Äcker herzugeben. „Wir hätten keine Chance gehabt“, meint Raab. Zum Glück aber habe es der Bahn letztlich am Geld gefehlt.

Daneben nehmen historische und aktuelle Fotos der Brücken und Bahnhalte, von denen es einst vier und nicht wie heute drei auf Gemeindegebiet gab, breiten Raum ein. In den Anfängen musste sich die Gleistrasse allerdings der Topographie anpassen: Abgesehen von zwei Brücken gab es nur schienengleiche Bahnübergänge. Die alte Wegbrücke am oberen Markt kam erst 1893 dazu, wurde allerdings 1972 erneuert. Die historischen Rundbögen waren der Last des modernen Zugverkehrs nicht gewachsen. Die Sandsteinquader formen heute einen laut Schläger „etwas unmotivierten Hügel bei Clarsbach“.

Im Krieg gesprengt

Die Winkelbrücke, die die Bahn über die Nürnberger Straße führte, und die in Raitersaich wurden im April 1945 kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs noch gesprengt. Bekanntlich stoppten derlei Aktionen der sogenannten Lähmkommandos die Amerikaner nicht. „Bewirkt hat das nichts“, so Schläger, „außer dass in Raitersaich, wo der Sprengstoff etwas hoch dosiert war, Dachziegel davonflogen und Fenster zerbarsten.“

Ausführlicher widmet sich die Schau dem Bahnhalt Clarsbach, den es heute nicht mehr gibt. Weil es vom Niveau her nicht passte, schüttete die Bahn auf dem Weg von Clarsbach nach Fernabrünst einfach einen Damm auf und kappte damit die Straße. Für die Landwirte und Bürger zog das erhebliche Umwege nach sich. Eine leidige Angelegenheit, der sich ein gewisser Bahnmeister Georg Leonhard Krauß 1902 annahm. Sein Kostenvoranschlag für die neue Brücke lag bei 10579 Mark und 27 Pfennigen. Und wo schon gebaut wurde, plante er gleich Bahnsteige mit. Dem Halt war allerdings keine Beständigkeit vergönnt. 1970, so Schläger, habe die Bahn beschlossen, dass er sich nicht rentiert, seitdem lässt sie ihn links liegen.

Aufgelockert werden die Dokumente mit Accessoires, die Eisenbahner wie Manfred Schampel mit hochbetagten Signallaternen, Modellzügen der Lokomotiven, die einst durch Roßtal schnauften, oder das DB Museum Nürnberg in Form alter Schilder zur Verfügung stellten. Schläger schildert die Ausstellung ohnehin als Gemeinschaftswerk vieler. Im Museumshof ist sie zwar nur bis Mitte August zu sehen, doch für Schläger hat sie ein offenes Ende: Auf der Homepage des Heimatvereins hat er das Thema ausführlich dargestellt, dort will er das Kapitel „Eisenbahn in Roßtal“ kontinuierlich fortschreiben. Schließlich, berichtet er, erfahre er im Gespräch mit Roßtalern ständig Neues.

Erst eine Anliegerin etwa machte ihn darauf aufmerksam, dass vom Wärterposten am Bahnübergang bei Clarsbach noch Reste zu sehen sind. Bemooste Steinstufen führen dort den Bahndamm hoch, von wo offensichtlich ein Bahnwärter überwachte, dass sich Pferdefuhrwerk und Zug nicht in die Quere kamen. Bei Bedarf kurbelte er per Hand die damals üblichen Drahtzug-Schranken herunter.

Wer darüber hinaus etwas zum Thema Eisenbahn in Roßtal beisteuern kann, den bittet Schläger, sich an den Heimatverein zu wenden. Vielleicht klärt sich so auch der Hintergrund eines Fotos, der sich Schläger nicht erschließt: Ein Trupp Frauen mit Arbeitsschürzen und Harken in den Händen posiert da auf den Gleisen, in deren Zwischenräumen im Gegensatz zu heute kein Grashalm wuchert. „Offensichtlich ein Putztrupp“, glaubt Schläger, doch belegt ist das nicht.

Der Museumshof ist jeden ersten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Internet: www.heimatverein-rosstal.de/

Sabine Dietz

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