EU plant Ausweitung der Herkunftsangaben

Wie Verbraucher beim Kauf von Milchprodukten getäuscht werden

22.10.2021, 05:55 Uhr
Milchprodukte von verschiedenen Herstellern stehen in einem Supermarktregal. Verbraucherschützer fordern, dass EU-weit Herkunftsangaben auf der Verpackung Pflicht werden.

Milchprodukte von verschiedenen Herstellern stehen in einem Supermarktregal. Verbraucherschützer fordern, dass EU-weit Herkunftsangaben auf der Verpackung Pflicht werden. © Sven Hoppe, dpa

Wer "Deutsche Markenbutter" kauft, geht eigentlich davon aus, dass die Zutaten aus Deutschland kommen. Doch dies ist nicht der Fall. "Immer wieder werden Verbraucher beim Kauf von Milchprodukten getäuscht", kritisiert die Verbraucherzentrale Bayern. "Der Rahm für Deutsche Markenbutter muss nicht aus Deutschland kommen", erklärt Daniela Krehl, Fachberaterin für Lebensmittel und Ernährung bei der Organisation.

Auch Begriffe wie "Weidemilch" oder "Alpenmilch" sind nicht geschützt. "Damit legt jeder Hersteller seine individuellen Kriterien für die Alpenmilch fest: Für einige genügt es, wenn der Stall der Kühe irgendwo südlich der Donau steht, andere haben strengere Anforderungen an die Region", so die Expertin.

Und auch, woher die Milch stammt, muss auf der Verpackung von Milch und daraus hergestellten Produkten - wie Butter oder Joghurt - nicht angegeben werden. Das ovale Identitätskennzeichen informiert nur darüber, wo innerhalb der Europäischen Union die Milch- und Käseprodukte zuletzt verarbeitet und verpackt worden sind.

Dass die Verbraucher getäuscht werden, dies will das zuständige Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) nicht bestätigen: "Bei der Bezeichnung Deutsche Markenbutter handelt es sich nicht um eine Herkunftsangabe hinsichtlich der Butter oder ihrer Zutaten. Vielmehr gibt dieses Gütesiegel Verbraucherinnen und Verbrauchern Aufschluss über die Qualität der Butter", erklärt das Ministerium. Das BMEL wolle sich auf EU-Ebene für eine weitere Stärkung der Herkunftskennzeichnung einsetzen.

Pläne, dass sich EU-weit etwas ändert, gibt es bereits seit Jahren. 2022 will die Kommission die Ausweitung der Ursprungs- und Herkunftsangaben vorschlagen. "Über die konkreten Produkte, die zukünftig eine Herkunftskennzeichnung tragen sollen, hat die EU-Kommission nach unserer Kenntnis noch keine Entscheidung getroffen. Allerdings werden in der Folgenabschätzung bereits Milch und Milch als Zutat diskutiert", erläutert das BMEL.

Industrie wehrt sich

Während Verbraucherschützer und der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) eine solche verpflichtende Herkunftskennzeichnung fordern, ist die Industrie davon nicht begeistert: "Dies würde die Kosten für getrennte Erfassung bis hin zu einer getrennten Verarbeitung für deutsche Molkereien erhöhen", erklärt Björn Börgermann vom Milchindustrie-Verband und fügt hinzu: "Wenn der Kunde dies wirklich wünscht und der Handel solche Produkte mit einer Deutschlandfahne haben möchte, so werden die deutschen Molkereien dies liefern – freiwillig und für einen höheren Preis, damit der zusätzliche Aufwand bezahlt wird."

"Wenn die Milch aus Polen oder woanders herkommt, muss das sichtbar sein", sagt dagegen Hans Foldenauer vom BDM. Und auch die Landwirte ärgert die bisherige Regelung: "Wir müssen hohe Auflagen erfüllen und dann wird in der Molkerei unsere Milch mit der aus dem Ausland gemischt", sagt einer.

Der Milchindustrie-Verband entgegnet: "Die Milcherzeuger in Europa unterliegen der gleichen Gesetzgebung." Doch Hans Foldenauer vom BDM ergänzt: "Die sozialen Standards - und damit die Entlohnung in der Milchviehhaltung - sind unterschiedlich." Und so könne in manchen Ländern einfach billiger produziert werden.

Fakt ist: Rund acht Prozent der in Deutschland verkauften Konsummilch kommen laut Verbraucherzentrale Bayern aus dem Ausland. Bei verarbeiteter Milch sei der Auslandsanteil höher. Innerhalb der EU ist Deutschland der größte Milcherzeuger. Der Markt ist laut BDM mit 117 Prozent überversorgt, das heißt, die Produktion in deutschen Molkereien übersteigt den hiesigen Bedarf um 17 Prozent, dennoch landet auch viel Milch aus dem Ausland in deutschen Supermarktregalen. "Rund 30 Prozent erhalten wir aus den Nachbarländern als Importe. Rund 50 Prozent der deutschen Milch wird in Form von Milchprodukten außerhalb Deutschlands konsumiert", nennt der Milchindustrie-Verband konkrete Zahlen.

Immer weniger Betriebe

Dass Milchprodukte in absehbarer Zeit knapp werden könnten, weil immer mehr Bauern aufhören, diese Gefahr sehen Experten aktuell nicht. Im Mai 2021 gab es in Deutschland noch 3,89 Millionen Milchkühe. Die Zahl der Betriebe sank im Vergleich zu November 2020 um 4,3 Prozent auf 55.829, knapp die Hälfte (25.748) davon sind in Bayern. Weil die Kühe immer mehr Leistung bringen, ist jedoch die Milchmenge laut Milchindustrie-Verband in Deutschland in den vergangenen Jahren sogar gestiegen, in Bayern ist sie leicht gesunken.