Montag, 26.10.2020

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Wieder an den Glauben glauben

Für die Nürnberger Autorin Claudia Mönius steht sich das Christentum mit seinem überkommenen Kirchenapparat selbst im Weg. - 20.09.2020 16:53 Uhr

Claudia Mönius

© Foto: Gordon Welters


Wer seinen Glauben weiter leben und teilen wollte, musste sich fragen, wen und was es dazu eigentlich braucht – und womöglich erfinderisch werden. Als hätte jemand das Anliegen der Nürnberger Autorin – welch skurrile Gleichzeitigkeit – live inszeniert.

So ganz stimmt das Bild freilich nicht. Auch Digitalgottesdienste bleiben erst mal systemtreu. Und die Amtskirche war ja nie ausgeschaltet, sondern nur auf Pause-Taste. Bei den Katholiken meldete sie sich im Juli schon wieder lautstark zurück mit einem Papier aus dem Vatikan, in dem Papst Franziskus den Gemeindepriester stärkt und Nichtgeweihte in die Schranken weist. Als gäbe es in seinen Ortskirchen weder Priestermangel noch Demokratiebewegung.

Solch konterkarierendes Management ist ein gutes Beispiel für das, was Claudia Mönius zu ihrer These von der Kirche als Religiositäts-Verhinderer treibt. Der Kirchenapparat, so ihre These, verstellt Christinnen und Christen den Zugang zum Schatz ihrer Spiritualität.

Diktatorisch, frauenfeindlich, homophob, lebensfern – mit seinem "Moralgedöns" zwinge das System die Gläubigkeit in einen "qualvollen Erstickungstod". Die Autorin formuliert stellenweise eine Kriegserklärung, ohne übrigens die evangelische Seite zu verschonen. Oft zitiert sie den abtrünnigen Theologen Eugen Drewermann, der bis heute vor dem "Enttäuschungs-Atheismus" warnt. So weit, so jahrhundertealt.

Was sie von vielen anderen Systemkritikern unterscheidet, ist ihr Blickwinkel. Die Kulturwissenschaftlerin ist keine Theologin, das dient nicht nur der Verständlichkeit ihrer Texte, sondern auch der Glaubwürdigkeit. Und sie ist keine Opponentin, sondern ein vorübergehend aus- und wieder eingetretenes, bestens informiertes Kirchenmitglied. Den Hintergrund dafür – als Jugendliche erlitt sie sexuellen Missbrauch durch den Priester ihrer Nürnberger Heimatpfarrei – machte sie 2018 öffentlich. Sie streift diesen Abgrund im Buch am Rande.

Für die Hadernden

Also spricht diese tief Gläubige für die ungezählten hadernden Sich-irgendwie-noch-zugehörig-Fühlenden. Sie erscheinen weder in den Kirchenvorständen noch im Gottesdienst, obwohl sie die frohe Botschaft mögen; irgendein seidener Faden hält sie drin, trotz der erlebten Schein-Heiligkeiten. Eine graue Masse? Für Claudia Mönius eine bunte Schicht, die sich selbst zu neuer Freude am Glauben erwecken kann.

In ihrem Buch stellt sie neuneinhalb Thesen auf (ein Zehntel der Lutherschen Anzahl von 95), wie eine ökumenische Reformation gelingen könnte. Rückbesinnung auf die Person Jesus lautet der zentrale Appell, zum Beispiel mit Hilfe von Rückübersetzungen der Bibelsprache ins Aramäische. Und klar, weg mit den Konfessionsgrenzen, mit Dogmen und mit der Machtverehrung, dem "Klerikalismus". Stattdessen brauche es Gleichberechtigung und gelebte Werte. Warum, fragt Mönius, steht in manch christlichem Seminarhaus noch täglich Fleisch und Fisch auf dem Speiseplan, wenn die Bewahrung der Schöpfung doch nach Ressourcenschonung verlangt? Warum stützen immer noch so viele Ehrenamtliche die ungerechten Strukturen, ohne aufzubegehren?

Mit welchen Ritualen so ein "erneuertes Christentum" zu feiern wäre, lässt Mönius offen. "Notfalls ganz allein." Sie schlägt Verfahren der Innenschau vor, Logotherapie, Sonnengebet, Atemmeditation, die Auseinandersetzung mit philosophischen Bewusstseinsmodellen.

Manche Leser werden solche Angebote als Bastelreligion missbilligen. Und: Ein Konzept ohne organisierte Traditionsweitergabe stirbt. Als Debattenbeitrag aber trifft das Buch ins Herz aller Zweifler. Denn es wirbt leidenschaftlich für die Beibehaltung der Religion als "Leitstern", nicht zuletzt für die Themen Schuld und Tod. "Einer rein ethischen Ausrichtung (. . .) fehlt es an heiligen Momenten, die wir in unserem Leben so dringend brauchen. (. . .) Religion dagegen kennt Begriffe wie Barmherzigkeit, Vergebung und Gnade."

Es ist nicht zu spät für die "Allverbundenheit" des Christ-Seins, so die Botschaft. Ob sie dafür nicht doch wieder austrete, sei aber noch nicht entschieden, schreibt Claudia Mönius zum Schluss.

InfoClaudia Mönius: Religion ohne Kirche.
9,5 Thesen für ein erneuertes Christentum. Claudius Verlag, 208 Seiten, 18 Euro. Die Autorin liest am Donnerstag, 1. Oktober, um 17.30 Uhr in der Buchhandlung Thalia, Karolinenstraße 53. Eintrittskarten zu 10 Euro unter (09 11) 9 92 08 84 (Lesung am 30. September bereits ausgebucht). Kontakt: www.mutmacherei.de

ISABEL LAUER

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