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Dem Lärm zuhause entfliehen: Vom Homeoffice ins "Hoteloffice"

Im Hotel haben Beschäftigte Ruhe, schnelles Internet und bekommen Essen aufs Zimmer - 08.03.2021 10:51 Uhr

Neues Konzept für die Hotelbranche: Manche Hotels bieten ihre Zimmer als Homeoffice an.

24.02.2021 © Fabian Strauch, dpa


Kein Kinderlärm, kein Partner, der schon wieder "kurz etwas fragen" möchte, kein Nachbar, der den Lockdown nutzt, um seine Wohnung zu renovieren. Stattdessen: schnelles Internet, Essen aufs Zimmer, und vor allem: Ruhe. Mit diesem verheißungsvollen Angebot locken manche Hotels in Corona-Zeiten Geschäftsleute.


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Das Hotel Reubel in Zirndorf vermietet seit dem ersten Lockdown im Frühjahr vergangenen Jahres Hotelzimmer als Homeoffice. "Das Angebot wird vielseitig genutzt", erzählt Seniorchefin Helga Reubel. "Wir hatten zum Beispiel Lehrer da, die wochenlang vom Hotelzimmer aus unterrichteten." Vor kurzem sei ein junger Mann da gewesen, der aufgrund des Lärms im Nachbarhaus bei sich zuhause ins Hotel geflohen sei. Oft schon habe sie gehört: "Daheim habe ich noch nie so viel geschafft, wie hier an einem Tag." Und trotzdem: "Die Einnahmen durch das Homeoffice-Angebot sind höchstens ein Tropfen auf den heißen Stein."

Das weiß auch Benjamin Förtsch, Geschäftsführer des Creativhotels Luise in Erlangen. Im Frühling 2020 gab es die Homeoffice-Möglichkeit in seinem Hotel noch. Doch jetzt hat das Haus komplett geschlossen. "Im ersten Lockdown war die Begeisterung größer. Da dachten die Leute noch, das sei vorübergehend und sind kurzfristig ins Hotel ausgewichen." Doch jetzt hätten sie sich langfristigere Lösungen geschaffen, erklärt Förtsch das abnehmende Interesse am "Hoteloffice". "Die Möglichkeit wurde einfach zu wenig in Anspruch genommen, um das Hotel dafür geöffnet zu halten."

Auch andere Hotels, die im ersten Lockdown ihre Hotelzimmer tagsüber an Büroangestellte vermieteten, haben das Angebot aufgegeben. Die Nachfrage sei schlicht zu gering, erklärt das Hotel Cristal in Nürnberg auf Anfrage. Und das Victoria Hotel in Nürnberg reagiert überrascht: Wir seien die ersten, die das anfragen, heißt es.

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Der ehemalige Geschäftsführer des Arivo-Aparthotels in Forchheim, Matthias Mösel, wirkte im Interview mit den Nordbayerischen Nachrichten im April vergangenen Jahres begeistert von der Idee. Was das Hotel jetzt schildert, klingt dagegen ernüchternd. Nur zwei Personen hätten das Angebot bisher genutzt. "Es gibt einfach keinerlei Nachfrage" sagt Susanne Bercker vom Arivo-Hotel.

"Die Idee wurde beschönigt", findet sie. "Ich kann mir vorstellen, dass so ein Angebot in Großstädten wie Berlin, wo die Menschen auf engem Raum leben, mehr Anklang findet. Aber hier am Land, wo die Leute über großzügigeren Wohnraum verfügen, wird das Angebot gar nicht angenommen." Bercker führt das auch darauf zurück, dass die Unternehmen in der Region den Mitarbeitern nach wie vor die Möglichkeit geben, im Büro zu arbeiten. "Und kein Arbeitgeber möchte für die Mitarbeiter ein Hotelzimmer als Homeoffice bezahlen."


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Der bayerische Hotel- und Gaststättenverband bestätigt den Eindruck: Es handle sich nur um vereinzelte Hotels, die eine Homeoffice-Möglichkeit anbieten. Zahlen für Mittelfranken oder Bayern gebe es jedoch nicht. Gerhard Engelmann, Bezirksgeschäftsführer Mittelfranken der Dehoga Bayern, findet: "Jedes Hotel muss für sich selbst entscheiden, ob sich das lohnt. Aber der große Renner ist es sicherlich nicht." Auch die wenigen Geschäftskunden, die die Hotels noch beherbergen dürfen, retteten die Branche nicht. Was die Hotels wirklich brauchen, so Engelmann, sei eine schnellstmögliche Wiederöffnung.

Sarah Schaller Redaktion Politik und Wirtschaft

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