Montag, 19.04.2021

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Der Konquistador der Deutschen Telekom

Gesichter der Wirtschaft: Martin Bordo kämpft sich durch den Dschungel der DSL-Probleme - 10.08.2010 12:03 Uhr

Kennt sich mit dem Kabelgewirr der Telekom-Server bestens aus: Martin Bordo, Aufbau- und Instandhaltungstechniker.

13.07.2010 © Horst Linke


Ach ja, Ärzte haben es gut. Erzählen sie von ihrem Alltag, dann ist ihnen die Bewunderung der Zuhörenden gewiss. Halbgötter in Weiß, die Leid lindern, Leben retten — das kommt an.

Martin Bordo ist so etwas wie der Anti-Arzt. Wenn der 45-Jährige seinen Arbeitgeber nennt, wird es schnell mal ungemütlich. Bordo ist Aufbau- und Instandhaltungstechniker bei der Deutschen Telekom.

Was, Telekom? Der Laden mit dem umständlichen Service, der nervigen Telefon-Hotline und dem Tarifangebot, durch das selbst erprobte Dschungel-Forscher nur mit Mühe durchsteigen? Bordo lächelt gequält, er kennt die Klischees. „Doch eigentlich ist das ungerecht. Wir haben eines der besten Netze der Welt, die Technik läuft im internationalen Vergleich sehr zuverlässig“, verteidigt er die frühere Bundesbehörde. Und wenn doch mal was nicht funktioniert, dann ist er ja da.

Die letzte Instanz

Der Nürnberger ist bei der Telekom praktisch die letzte Instanz. Jahrelang hat er mitgeholfen, das Land mit einem Geflecht aus DSL-Leitungen für schnelle Internet-Verbindungen zu überziehen. „Deutschland ist heute zu 95 Prozent abgedeckt, da wurde sehr viel Geld investiert.“ Jetzt arbeitet Bordo als Super-Experte für die Wartung.

Wenn die normalen Techniker vor Ort nicht mehr weiter wissen, flackert das Problem auf einem der zwei Bildschirme in seinem nüchternen Großraumbüro gleich neben dem Nürnberger Fernsehturm auf. Ein alter Club-Wimpel ohne den Pokalsieg 2007 über der Tür, ein noch älteres Poster von Claudia Schiffer an der Wand — viel mehr Ablenkung gibt es nicht und ist auch nicht gewünscht. „Wir müssen eine Störung lösen“, sagt Bordo, Betonung auf „müssen“. „Das kann mitunter schon kniffelig sein.“ Er greift zur Kaffeetasse.

Oberflächlich betrachtet passt der 45-Jährige mit dem langsam lichter werdenden Haar, der Brille und dem Drei-Tage-Bart, dem Karohemd und den Turnschuhe beinahe prototypisch in das Bild vom etwas eigenbrötlerischen Technik-Freak — doch der Eindruck täuscht. In seinen Beruf ist er eher zufällig geraten. „Ich war nach der mittleren Reife 1982 aus Sicht meines Vaters nicht einer der Fleißigsten“, sagt er offen. „Da hat er mir geraten, zur Bundespost zu gehen.“ Das Image seines Arbeitgebers, das er heute bekämpft, hat ihn erst zu ihm geführt — Bordo weiß um die Ironie.

Auf die Bewerbung für die Stelle zum Fernmeldehandwerker bekam er die erste Zusage — also wurde er das. „Mir war das egal, ich wollte eigentlich Fußballer werden“, erinnert er sich. Mit 13 Jahren fing er zudem an, begeistert Ballett zu tanzen und sich später auch für Opern zu interessieren. „Das galt zwar als ziemlich uncool.“ Doch die Leidenschaft war stärker.

Mit der Karriere als Profi-Fußballer ist es nichts geworden, obwohl er es immerhin bis in die Mittelfrankenauswahl schaffte. Die Liebe zur Kultur aber ist bis heute so lebendig, wie es die Opern- und Theaterszene Nürnbergs hergibt — in seinem zweiten Leben als Statist. Regelmäßig nach Dienstschluss verwandelt sich der Telekom-Techniker in blutrünstige spanische Konquistadoren, gierig-schürfende Zwerge oder auch simples mittelalterliches Fußvolk — je nachdem, was gerade gegeben wird.

Auftritt in der „Fledermaus“

Premiere hatte Bordo im Dezember 1988 in Strauss’ „Fledermaus“. „Ich durfte ein Kissen auf die Bühne tragen“, sagt er mit leuchtenden Augen „Das war total prickelnd, erhebend, Teil einer umjubelten Aufführung zu sein.“ Unzählige Rollen haben sich inzwischen angeschlossen, selbst das Fernsehen richtet immer mal wieder die Kamera auf ihn. „Wenn ein 1,76 Meter großer, sportlicher, blonder Typ gesucht wird, pass’ ich ins Raster.“ Das nächste Mal zu sehen voraussichtlich 2011, wenn RTL den Zweiteiler „Hindenburg“ mit Heiner Lauterbach ausstrahlt. „Darin spiel’ ich einen Fotografen.“

Gerade richtig in Fahrt, zwingt das renitente Büro-Telefon den gebürtigen Franken zurück in die Welt der trockenen Telekommunikationsnetze. „Ist nicht schlimm“, findet der Mittelfranke. „Meine beiden Jobs befruchten sich ganz gut gegenseitig.“ Bei der Technik sei das sachlich, nüchterne Denken bis ins letzte Detail gefragt, „auf der Bühne steht dagegen das Künstlerische, der gelungene Gesamtauftritt im Vordergrund“.

Kein Widerspruch. Wer hätte sich bei Ärger mit zickenden Internetverbindungen nicht auch schon einmal gewünscht, genau jetzt die Machete eines Dschungeleroberers zur Hand zu haben?

GREGOR LE CLAIRE

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