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Heinrich Mosler: Handwerker mit Leib und Seele

Kammerchef Mosler hat Abbruch des Studiums nie bereut — Stacheliges Hobby - 10.09.2010 14:00 Uhr

Kammerchef mit Faible für Stacheliges: Kakteen gehören zu den erklärten Lieblingen des Pflanzenfreundes Heinrich Mosler.

06.09.2010 © Michael Matejka


Er ist mit Leib und Seele Handwerker — zu dem Beruf ist Heinrich Mosler allerdings erst auf Umwegen gekommen. Seine Mutter, Chefin eines Dachdeckerbetriebs, hatte sich für ihren Sohn eine ganz andere Karriere vorgestellt. „Sie wollte, dass ich das Abitur mache und studiere“, erklärt Mosler.

Der heute 63-Jährige schnupperte ins Medizinstudium hinein, merkte aber schnell, dass dies nichts für ihn war. „Der erste Tag war noch okay“, erzählt Mosler und grinst, „doch am zweiten und dritten Tag mussten wir bei Operationen zuschauen“ — und seine Reaktionen waren offenbar eindeutig: „Die Oberschwester hat mich beiseite genommen und gesagt: Bub, das ist kein Beruf für dich.“

Mosler entschließt sich, Wirtschaftspädagogik zu studieren. Im vierten Semester erkrankt seine Mutter, die den Familienbetrieb seit dem frühen Tod ihres Mannes 1954 führt. Der Sohn wird in der Firma gebraucht — „und ich merkte, dass mir die Arbeit unheimlich Spaß macht“. Der Juniorchef sagt der Uni endgültig ade, macht mit 29 Jahren seine Gesellenprüfung als Dachdecker, danach den Meister — und ist glücklich: „Ich habe es keinen Tag bereut, mich fürs Handwerk und den Familienbetrieb entschieden zu haben.“

Die Sache mit Meister Eder

Die Dachdeckerfirma, die Mosler lange Jahre leitete, hat er 2005 seinem Sohn übergeben. Mosler selbst führt einen Facility-Management-Betrieb, den er 2001 gegründet hat. Unternehmer zu sein und direkten Kontakt zu Kunden zu haben, das ist ihm mit Blick auf seine Arbeit als Handwerkskammerchef wichtig. „Sonst weiß man doch gar nicht, wie es in der Praxis wirklich ausschaut“, erklärt er. An einer Stelle sieht es ziemlich düster aus: Dem Handwerk fehlen Lehrlinge und damit die Fachkräfte von morgen. Das Problem haben die Betriebe nicht allein, aber sie trifft es härter als zum Beispiel die Industrie. Denn viele Jugendliche haben das Handwerk und die vielfältigen Ausbildungsmöglichkeiten dort überhaupt nicht auf dem Schirm, wenn es um ihre berufliche Zukunft geht.

Dass dies so ist, daran trägt der Wirtschaftszweig mit Schuld, wie Mosler selbstkritisch einräumt: Das Klappern in eigener Sache wurde lange vernachlässigt. Mit weiteren fatalen Folgen, wie eine Umfrage des Forsa-Instituts 2008 ergab. Die Meinungsforscher wollten wissen, was die Bürger vom Handwerk wissen. „Das Ergebnis war erschreckend“, resümiert Mosler: Abgesehen vom Schreiner, Maurer und Maler kannten die Leute kaum einen der insgesamt 151 Berufe. „Und dass sie den Schreiner kennen“, sagt er trocken, „das haben wir Meister Eder und Pumuckl zu verdanken“ — und einem Werkstatt-Bild, das es so längst nicht mehr gibt.

"Gutes Image muss man sich erarbeiten"

Um die Bedeutung des deutschen Handwerks mit seinen rund eine Million Betrieben und 4,8 Millionen Beschäftigten bekanntzumachen und das Image aufzupolieren, startete der Wirtschaftszweig im Januar eine bundesweite Kampagne. So sehr Mosler die Aktion begrüßt, eine schnelle Wirkung erwartet er nicht: „Ein gutes Image muss man sich erarbeiten, und das dauert.“

Dass Veränderungen Zeit brauchen, das kennt der Kammerchef auch von einer anderen „Baustelle“. Mosler, der seit 1997 das Präsidentenamt bekleidet, hat es sich von Anfang an auf die Fahnen geschrieben, die Position der Frauen im Handwerk zu stärken. Von den 45 Köpfen der Vollversammlung, dem „Handwerkerparlament“, sind aktuell vier weiblich. Das sind drei mehr als bei Moslers Antritt, ihm aber definitiv noch zu wenige.

Dass das Thema Frauenförderung bei ihm kein leeres Gerede ist, bewies Mosler mit seinem frühen Engagement für die Belange der Meisterfrauen — Frauen, die in den Handwerksbetrieben ihrer Lebenspartner mitarbeiten und ihnen dort in Sachen Büro, Buchführung&Co. den Rücken freihalten. „Ohne sie geht nichts“, weiß der Kammerchef. Um diese Leistung ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken, rief er 2001 den Meisterfrauen-Preis ins Leben.

Manager in die Pflicht genommen

Auch Mosler konnte auf eine Meisterfrau bauen: Seine Gattin Christl, gelernte technische Zeichnerin, managte lange Jahre das Büro des Familienbetriebs und hilft bei ihrem Sohn noch heute aus, wenn Not am Mann ist. „Ohne meine Christl hätte ich meinen Job nicht machen können“, sagt Mosler schlicht.

Aus der Ruhe bringt den Nürnberger, der im Stadtteil Johannis geboren und aufgewachsen ist, so schnell nichts. Eines ärgert ihn allerdings richtig: dass Manager und Unternehmer oft in einen Topf geworfen werden. „Unternehmer sind für mich Menschen, die persönlich für ihr Tun haften“, lautet seine Definition. „Genau das aber ist bei Managern nicht der Fall“ — für Mosler ein Unding. Seiner Überzeugung nach sollten diese Spitzen-Führungskräfte auch finanziell für ihre Entscheidungen geradestehen — und zwar nicht nur dann, wenn es Boni einzustreichen gibt.

Seit 35 Jahren lebt Mosler in Nürnberg-Ziegelstein. 1975 war die Dachdeckerei hierher umgezogen. Sich neben seiner Arbeit als Handwerker und fürs Handwerk in seinem Stadtteil sozial zu engagieren, ist für den zweifachen Familienvater selbstverständlich — mehr noch: Es liegt ihm am Herzen. So leitete er lange den Diakonie-Verein. Und seit Jahren ist er beim „Freundeskreis der Gnadenkirche“ mit dabei, dessen Ziel es ist, dieses kleine Gotteshaus zu erhalten und weiter mit Leben zu erfüllen.

Allüren jedweder Art sind dem überzeugten Mittelständler fremd, er ist das, was man einen bodenständigen Menschen nennt. Er liest gerne, „und zwar querbeet, vom Roman bis zum politischen Buch“. Nach einem stressigen Tag an seinem Lieblingsplatz zu Hause — dem Wintergarten — „eine Flasche Wein öffnen, eine schöne Zigarre rauchen, das ist Entspannung pur“, sagt er, um gleich nachzuschieben: „Wein und Zigarre natürlich nicht jeden Tag“.

Denn Heinrich Mosler lebt maßvoll, seit vor gut zehn Jahren für ihn das Maß voll war: „Damals war ich gut 25 Kilo schwerer, Tendenz nach oben. Mir hat nichts mehr gepasst.“ Er begann abzunehmen, trieb mehr Sport. Heute gehören einmal pro Woche Yoga und der Besuch im Fitnessstudio fest zu seinem Rhythmus. Noch etwas hat sich Mosler angewöhnt: „Ich fahre nicht mehr Aufzug, ich gehe auch in den zwölften Stock zu Fuß“, erzählt er und nimmt einen Schluck Espresso. Den mag er ebenso gern wie japanisches Essen.

Und noch etwas mag er: Kakteen. In seinem gut 35 Quadratmeter großen Wintergarten — das eigentliche Wohnzimmer im Hause Mosler — und auf dem Balkon stehen etliche dieser stacheligen Gewächse. „Er liebt Kakteen, er hebt alle auf, auch wenn sie nicht mehr so schön sind“, erzählt seine Frau und lacht. Man spürt, die beiden mögen sich, verstehen sich, ergänzen sich. Heinrich Mosler spricht es aus: „Ich würde meine Frau sofort wieder heiraten.“

VERENA LITZ

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