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Kurioser Fall: Nürnberger erhält Amazon-Pakete ohne Bestellung

14.6.2021, 10:02 Uhr
Manchmal bekommt Huber sogar mehrere unbestellte Pakete pro Monat. 

Manchmal bekommt Huber sogar mehrere unbestellte Pakete pro Monat.  © imago images/STPP, NNZ

Der Pappkarton, den Hendrik Huber auf den Tisch stellt, ist randvoll. Der Inhalt: ein Sammelsurium aus chinesischer Billigware. Da sind Handyhüllen, Figuren, die bei Nacht leuchten sollen, Spielzeug für Katzen, allerlei Deko und mehrere Sexspielzeuge. Nichts davon hat Huber selbst bestellt.

Huber heißt in Wirklichkeit anders; seinen richtigen Namen will er nicht öffentlich machen. Nicht, dass er am Ende noch mehr unfreiwillige Post erhält. Davon hat er mittlerweile genug: Bereits seit 2019 erhält der 30-Jährige Pakete, ohne diese bestellt zu haben, mal kommen mehrere im Monat, mal passiert wochenlang nichts. Absender ist immer ein Amazon-Paketzentrum, ein Lieferschein liegt nicht bei. Eine Bezahlung wird von ihm nie gefordert.


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"Als das anfing, fand ich es ehrlich gesagt noch amüsant, aber mittlerweile ist es doch auch nervig," sagt Huber. "Und auch meine Eltern würden sich freuen, wenn diese Flut endlich aufhört." Tatsächlich kommen die Pakete nämlich gar nicht direkt zu ihm nach Nürnberg, sondern zu seiner alten Adresse - die seiner Eltern. Adressat ist aber immer er.

Verbraucherzentrale nennt mögliche Motive

Fälle, in denen Menschen Ware ohne Bestellung erhalten, tauchen seit Jahren immer wieder auf. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen befasste sich deswegen bereits mit dem Thema. Von Amazon selbst stammen die Pakete allerdings nicht, sondern von externen Händlern, die über Amazons "Marketplace" ihre Produkte vertreiben. Amazon ist nämlich sowohl der größte Online-Händler als auch einer der größten Online-Marktplätze. Was genau die Händler antreibt, ihre Produkte willkürlich an Amazon-Kunden zu verschicken, ist unklar. Auch die Verbraucherzentrale kann darüber nur Vermutungen anstellen.

Ein mögliches Ziel könnte demnach sein, die Produkte als eine Art Werbung zu versenden, in der Hoffnung, dadurch gute Kundenrezensionen zu bekommen, erklärt Iwona Husemann, die sich bei der Verbraucherzentrale NRW mit dem Thema beschäftigt. "Möglich ist aber auch, dass die Daten des Kunden für die Erstellung eines zweiten Accounts genutzt werden, unter dem dann Ware bestellt wird."

Ein mögliches Motiv dafür: Der Händler bestellt mit dem gefälschten Account eigene Produkte und kann dann nach dem Versenden durch Amazon selbst "verifizierte Bewertungen" für das Produkt abgeben. Kurzfristig könnte sich die Methode auch auszahlen: Denn je mehr positive Rezensionen ein Produkt bei Amazon hat, umso höher steigt es in in den Suchergebnissen, die den Kunden angezeigt werden. Erfährt Amazon allerdings von so einem Vorgehen, dann sieht es für den Händler nicht gut aus.

So auch bei Hendrik Huber. Auf Nachfrage unserer Zeitung hat sich Amazon näher mit seinem Fall beschäftigt. In der Antwort heißt es: "Wir gehen jedem Hinweis von Kunden nach, die unaufgefordert ein Paket erhalten, da dies gegen unsere Richtlinien verstößt." Die Verkaufspartner hätten in dem Fall weder Namen noch Adressen von Amazon erhalten, so ein Amazon-Sprecher. "Verkaufspartner, die gegen unsere Richtlinien verstoßen, werden gesperrt, die Zahlungen werden zurückgehalten und wir leiten entsprechende rechtliche Schritte ein."

Tatsächlich erhalten die über Amazon vertreibenden Händler die Adressen der Kunden meist gar nicht. Stattdessen geht die Bestellung direkt vom Amazon-Warenlager zum Kunden. Woher die Händler Hubers alte Adresse haben, bleibt deswegen reine Spekulation - sie könnte aus öffentlichen Quellen oder bei einem Datenleck abgefangen worden sein.


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Auch gegenüber Huber selbst bestätigt Amazon, dass es "Hinweise auf ungewöhnliche Aktivitäten in Bezug auf Ihre Adressnutzung gibt". Alle dabei verwendeten Kundenkonten seien gesperrt worden.

Empfänger dürfen Waren behalten

Doch was tun mit den zugesendeten Sachen? "Die kann der Kunde in diesem Fall behalten", klärt der Nürnberger Rechtsanwalt Günther Kreuzer auf. Das Ganze ist sogar in einem eigenen Paragraphen geregelt. Vereinfacht ausgedrückt, sagt der: "Ist die Ware nicht offenkundig für jemand anderen bestimmt oder ist der Absender irrtümlich von einer Bestellung ausgegangen, dann muss der Empfänger weder für die Sachen bezahlen, noch diese zurücksenden", so Kreuzer weiter. Er könne sie also nutzen, zerstören, entsorgen oder sogar weiterverkaufen.

Das hat auch Huber gemacht: "Das meiste, was ich bekommen habe, waren zwar Dinge, die ich nicht gebrauchen kann, aber es war auch mal ein Fön oder ein USB-C-Kabel dabei", erzählt er. "Das hab ich selbst genutzt. Wenn ich schon zur Müllhalde werde, kann ich daraus ja auch einen Nutzen ziehen." Einen Teil der Produkte will Huber nun vielleicht sogar weiterverkaufen, der Rest landet voraussichtlich in der Tonne.

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