Landwirte sind skeptisch

Mehr Discounterfleisch von glücklichen Tieren? Das steckt hinter Aldis Tierwohl-Offensive

Kerstin Freiberger

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So gut haben es die meisten Schweine nicht: Diese Tiere wachsen unter ökologischen Bedingungen in Freilandhaltung auf.

So gut haben es die meisten Schweine nicht: Diese Tiere wachsen unter ökologischen Bedingungen in Freilandhaltung auf. © Boris Roessler, dpa

Während viele Tierschutzorganisationen den Vorstoß von Aldi, dass ab 2030 nur noch Frischfleisch aus den Stufen 3 und 4 angeboten wird, begrüßen, sind etliche Landwirte skeptisch. Jürgen Dierauff, Schweinemäster im Landkreis Neustadt Aisch/Bad-Windsheim und Mitglied im Vorstand der Interessengemeinschaft der Schweinehalter in Deutschland (ISN), fragt sich: "Wo wollen die denn die Tiere herbekommen? Schweine sind kein Metall aus der Fabrik."

"Stehen zu unserem Wort"

Ausreichend Menge zu bekommen, sieht auch Aldi selbst als Herausforderung. Doch die Kritik, die in Gesprächen immer wieder auftaucht, dass es sich nur um eine Werbe-Aktion handelt, weist der Konzern zurück: "Wer Aldi kennt, weiß, dass wir zu unserem Wort stehen."

Der Stufenplan sieht vor, dass Aldi bereits in diesem Jahr, bezogen auf den Umsatz in Deutschland, 15 Prozent des Frischfleisch-Sortiments in den größten Nutztiergruppen Rind, Schwein, Hähnchen und Pute aus den Haltungsform 3 und 4 anbietet und die Anteile bis 2026 auf mindestens 33 Prozent steigert. "Bis 2030 soll dieser auf 100 Prozent steigen", erklärt der Discounter.

Probleme im Baurecht

Etliche Bauern, unter anderem auch Jürgen Dierauff, wären bereit, mitzumachen, doch es fehle die Planungssicherheit. Die aus Dehnberg bei Lauf stammende Agrar- und Ernährungspolitikerin der CSU im Europaparlament, Marlene Mortler, erklärt dazu: "Der Lebensmitteleinzelhandel bietet derzeit im Rahmen der Initiative Tierwohl für die Zuschläge für mehr Tierwohl eine Verlässlichkeit von gerade einmal drei Jahren. Auf dieser Basis kann kein landwirtschaftlicher Betrieb um- oder gar neu bauen. Investitionen in der Tierhaltung sind auf 15 bis 20 Jahre ausgelegt." Mortler kritisiert: "Der Lebensmitteleinzelhandel verlangt Standards auf Fünf-Sterne-Niveau, will aber nur für einen Stern bezahlen."

Aldi schreibt: "Landwirte, die mehr Tierwohl umsetzen, müssen hierfür auch entsprechend honoriert werden." Der Konzern fügt hinzu: "Allein über erhöhte Einkaufspreise werden die großen Investitionen, etwa in die Um- und Ausbauten der Ställe, jedoch nicht zu stemmen sein."

Dem Bauernverband fehlt ein Konzept: Nicht nur die Frage nach der Honorierung für die Landwirte bleibe offen, auch Probleme im Baurecht oder beim Emissionsschutz würden verschwiegen. "Gerade für Außenklimaställe gibt es hier massive Hindernisse", erklärt der Präsident des bayerischen Bauernverbandes Walter Heidl. Außerdem würde sich der Handel - so die Kritik des Bauernverbandes - maximale Bewegungsfreiheit erhalten, um billig einzukaufen.

Zum einen betrifft das Vorhaben nur Frischfleisch (mit einigen Ausnahmen), wie auch Aldi einräumt. Somit ist bereits über die Hälfte des verkauften Fleisches ausgenommen. Laut Verband der Fleischwirtschaft haben Privathaushalte 2020 etwas mehr als eine Million Tonnen Fleisch eingekauft, knapp die Hälfte davon (470.000 Tonnen) war Frischfleisch.

"Eine Frage der Glaubwürdigkeit"

Doch auch das komplette Frischfleisch-Sortiment soll nicht aus den Haltungsstufen 3 und 4 stammen. Ausgenommen sind internationale Spezialitäten. Heidl bezeichnet dies als "dreist und eine Frage der Glaubwürdigkeit". "Bekommen wir unser Rindfleisch dann zukünftig aus Südamerika?", fragt er.

Aldi hält dagegen: "Rund 85 Prozent der von uns verkauften Frischfleischprodukte stammen bereits von Lieferanten und Erzeugern, die in Deutschland ansässig sind." Der Konzern wolle jedoch weiterhin ausgewählte Spezialitäten (zum Beispiel Irish Beef, Iberico Schwein, Argentinisches Steak) anbieten, selbst wenn für diese Artikel noch keine Kennzeichnung bestehe, die mit der deutschen Haltungsform vergleichbar sei. Mengenmäßig würden diese Artikel jedoch nur einen sehr kleinen Teil des Aldi-Fleischangebots ausmachen. "Hier bewegen wir uns im einstelligen Prozentbereich", erklärt Aldi.

Fleischpreis wird steigen

Wie sich die Verkaufspreise für Frischfleisch entwickeln, dazu äußert sich der Konzern nicht konkret: "Frischfleisch der Tierwohl-Haltungsformen kann es nicht zum Preis von konventioneller Ware geben. Kunden von Aldi können sich jedoch auch künftig auf das beste Preis-Leistungs-Verhältnis am Markt verlassen", teilt der Discounter mit.

Und dann gibt es noch ein weiteres Problem. Die Verbraucherzentrale Bayern erklärt: "Schweine und Rinder bestehen nicht nur aus Schnitzeln, Filets und Steaks - und Hühner und Puten nicht nur aus Brustfilet. Um die geschlachteten Tiere möglichst weitgehend zu verwerten, sollten Verarbeiter und Händler verpflichtet werden, die übrigen Teilstücke in Wurst und anderen verarbeiteten Produkten zu verwenden und dabei ebenfalls die Haltungsform und Herkunft anzugeben."

Andere Handelsunternehmen ziehen mit

Bei der Aktion "Mehr Tierwohl" ziehen auch andere Discounter und Supermärkte mit oder haben bereits vorgelegt. Seit 2019 bietet zum Beispiel Kaufland nach eigenen Angaben an den Frischetheken Schweinefleisch, Puten- und Hähnchenfleisch ausschließlich aus der Haltungsform Stufe 3 "Außenklima" an.

Edeka plant "längerfristig auf die Haltungsstufe 2 bei Frischfleisch zu verzichten". Und auch bei Rewe soll bis 2030 das Frischfleisch der Eigenmarken aus den Haltungsstufen 3 und 4 stammen.

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