Zahlreiche Rückrufaktionen

Nach Jenke-Doku bei ProSieben: Wie gefährlich ist Ethylenoxid in Lebensmitteln?

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Kerstin Freiberger

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26.11.2021, 16:17 Uhr
Für ProSieben machte Jenke von Wilmsdorff auf das Problem mit Ethylenoxid aufmerksam. 

Für ProSieben machte Jenke von Wilmsdorff auf das Problem mit Ethylenoxid aufmerksam.  © ProSieben, dpa

Seit 25. September 2020 gab es auf der Seite www.lebensmittelwarnung.de, einem Portal der Bundesländer und des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL),über 60 Rückrufe wegen Ethylenoxid (beziehungsweise dessen Abbauprodukt 2-Chlorethanol). Für die Verbraucherorganisation Foodwatch sind diese Warnmeldungen jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Es gebe eine hohe Dunkelziffer, heißt es von dort. Für ProSieben machte Jenke von Wilmsdorff kürzlich in einer Doku auf das Problem mit Ethylenoxid aufmerksam.

Welche und wie viele Produkte in Deutschland mit Ethylenoxid verunreinigt seien, bleibe weiter unklar. Zudem würden in anderen EU-Ländern weitaus häufiger Lebensmittel, die mit Ethylenoxid belastet sind, zurückgerufen, wie foodwatch-Recherchen zeigen.

Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), eine wissenschaftlich unabhängige Einrichtung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), warnt: "Ethylenoxid ist erbgutverändernd und krebserzeugend. Einen Richtwert ohne Gesundheitsrisiko gibt es somit nicht und Rückstände des Stoffes in Lebensmitteln sind grundsätzlich unerwünscht." Entscheidungen dazu müssten aber die Bundesländer treffen.

Das zuständige Bayerische Ministerium für Umwelt und Verbraucherschutz sieht dies etwas anders: "Die bislang festgestellten Ethylenoxid-Rückstände in Lebensmitteln liegen in einem Bereich, in dem keine akuten Gesundheitsbeschwerden durch den Verzehr zu erwarten sind", teilt das Ministerium mit. Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) würde regelmäßig und risikoorientiert Lebensmittel auf Pflanzenschutzmittelrückstände untersuchen. "Zusätzlich zu den bekannten belasteten Erzeugnissen wie Johannisbrotkernmehl und Sesamkörnern, wollen wir auch verschiedene Gewürze und Gewürzmischungen sowie Lebensmittelzusatzstoffe untersuchen, die mit Ethylenoxid sterilisiert worden sein könnten", teilt die Erlanger Behörde mit.

In etlichen Drittstaaten erlaubt

Fakt ist: In etlichen Drittstaaten wird Ethylenoxid zur Bekämpfung von Pilzen und Bakterien eingesetzt. Vor rund einem Jahr wurden in Belgien bei einer Überprüfung von Sesamsaaten aus Indien hohe Gehalte von Ethylenoxid festgestellt. Vor allem für indische Sesamsaat gibt es laut BVL seitdem verstärkte Importkontrollen mit Blick auf das Pflanzenschutzmittel.

Doch nicht nur Sesam ist betroffen. Im Juni 2021 wurde Ethylenoxid in Johannisbrotkernmehl entdeckt. Der auch unter E 410 bekannte Zusatzstoff wird von der Industrie als Gelier- und Verdickungsmittel verwendet und steckt so in zahlreichen Produkten. "Mittlerweile machen Zusatzstoffe, wie Johannisbrotkernmehl (E 410) oder Guarkernmehl (E412), die für die Herstellung von Speiseeis, Fertigmahlzeiten, Milchgetränke, Marmeladen und Joghurts verwendet werden, einen Großteil der Meldungen aus", erklärt die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen und ergänzt: "Auch Nahrungsergänzungsmittel, Gewürzpulver und Pflanzenextrakte (z.B.Moringa) sind betroffen. In bio-zertifizierten Produkten ließen sich ebenfalls Rückstände des Pestizids nachweisen."

"Lebensmittelunternehmer sind verantwortlich"

Mehrere Verbraucherzentralen bestätigen, dass aktuell nicht abzuschätzen sei, welche Produktgruppen betroffen seien und wie hoch die daraus resultierende Belastung der Verbraucher und Verbraucherinnen tatsächlich sei. "Wer sicher gehen will, sollte auf Lebensmittel mit Johannisbrotkernmehl, das entweder als Johannisbrotkernmehl oder E410 gekennzeichnet ist, verzichten", rät Daniela Krehl, Ernährungsexpertin bei der Verbraucherzentrale in Bayern.

Dass mit Ethylenoxid belastete Produkte weiterhin im Handel sind, will das Münchner Umwelt-Ministerium nicht ausschließen. Ein Sprecher stellt jedoch klar: "Lebensmittel, die nicht sicher sind, dürfen nicht in Verkehr gebracht werden. Verantwortlich dafür ist nach den gesetzlichen Vorgaben primär der Lebensmittelunternehmer."

Auch wenn die rechtlichen Voraussetzungen für einen öffentlichen Rückruf nicht vorliegen, können laut Ministerium Lebensmittelunternehmer ihre Produkte freiwillig zurückrufen. Diese freiwilligen Rückrufe würden auf www.lebensmittelwarnung.de eingestellt. "Bei den Meldungen unter www.lebensmittelwarnung.de handelt es sich in der Regel um Hinweise der zuständigen Behörden auf eine Information der Öffentlichkeit oder eine Rückrufaktion durch den Unternehmer", ergänzt dazu das BVL.