Nach Angriff auf Ukraine

Obi, VW, Siemens, Adidas und Puma setzen Geschäfte in Russland aus

Redakteurin beim Verlag Nürnberger Presse
Jana Vogel

Volontärin Online-Redaktion

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7.3.2022, 19:21 Uhr
VW tritt auf die Bremse: Auch der Autobauer aus Wolfsburg hat sein Russland-Geschäft vorerst ausgesetzt.

© Igor Russak, dpa VW tritt auf die Bremse: Auch der Autobauer aus Wolfsburg hat sein Russland-Geschäft vorerst ausgesetzt.

Mit Siemens hat einer der größten Akteure am russischen Markt seine wirtschaftlichen Aktivitäten vorerst eingestellt. Nur vertraglich verarbeitete Wartungsarbeiten vor Ort sollen "unter strikter Einhaltung der Sanktionen" noch stattfinden, wie der Konzern bekanntgab. Auch Siemens Energy hat sein Neugeschäft mit Russland beendet und erklärt, man unterstütze "die Haltung der internationalen Regierungskoalition, die Sanktionen gegen Russland verhängt hat".

Auch die meisten anderen Firmen im Feld der Energieversorgung haben bereits Einschränkungen angekündigt. Die Obi Gruppe äußert sich in einer Pressemeldung "tief besorgt über die tragischen Entwicklungen und Folgen des Kriegs in der Ukraine." Daher gebe es für die Gruppe "keine andere Möglichkeit, als ihre Geschäftstätigkeit in Russland einzustellen". Auch BP zieht Konsequenzen und will seine knapp 20-prozentige Beteiligung am russischen Ölkonzern Rosneft verkaufen. Berichten von RP Online zufolge werden dafür Abschreibungen von bis zu 22 Milliarden Dollar in Kauf genommen. Wintershall Dea schreibt die Kredite über etwa eine Milliarde Dollar ab, die der deutsche Konzern für die umstrittene, mittlerweile auf Eis gelegte Gas-Pipeline Nord Stream 2 vergeben hatte.

Die britisch-niederländische Ölfirma Shell und die amerikanische Firma ExxonMobil wollen beide Beteiligungen an Öl- und Gasprojekten in Sibirien beenden. Zudem hat der italienische Konzern Eni erklärt, sich aus der Blue Stream Gaspipeline zwischen Russland und der Türkei zurückziehen zu wollen.

Rückzug der Energiefirmen

Dagegen hat der Energieversorger Uniper aus Düsseldorf bekanntgegeben, dass er sein Geschäft in Russland weiter verantwortungsvoll betreiben wolle: "Bestehende Verträge zur Strom- und Gasversorgung in Russland und Europa, für die russische Gasimporte eine wesentliche Rolle spielen, werden wir einhalten." Mit dieser Haltung gerät der Konzern allmählich unter Druck.

In der Logistik-Branche hingegen haben sich inzwischen so gut wie alle großen Player aus dem Russland-Geschäft zurückgezogen. So hat die in Deutschland führende Reederei Hapag Lloyd einen Buchungsstopp für Transporte verhängt. Nur noch Lebensmittel sollen geliefert werden.

Zuvor hatte schon die bis vor kurzem weltgrößte Reederei Maersk angekündigt, keine weiteren Frachtfahrten zu russischen Häfen durchzuführen. Ausgenommen seien nur Lieferungen von Lebensmitteln, medizinischen und humanitären Gütern. Auch die Cargo-Unternehmen MSC und ONE haben ihr Geschäft eingeschränkt. In Deutschland haben sowohl die Post als auch DB Schenker entschieden, keine Sendungen mehr nach Russland zu befördern.

Wirtschaftliche Schwierigkeiten könnten Russland zudem auch durch den zumindest teilweisen Rückzug der beiden großen Luftfahrtunternehmen Airbus und Boeing entstehen. Der US-Flugzeughersteller will eigenen Angaben zufolge die Lieferung von Teilen, die Wartung sowie den technischen Support für russische Fluggesellschaften einstellen. Schon zuvor hatte der europäische Konzern Airbus den Betrieb seines Trainingscampus bei Moskau beendet.

Boykott der Autobauer

Die deutschen Autobauer haben sich nach Moskaus Angriffskrieg ebenfalls dem Boykott angeschlossen. VW hat die Produktion von Autos in seinen Werken in Kaluga südwestlich von Moskau sowie im weiter östlich gelegenen Nischni Nowgorod am Donnerstag ausgesetzt. Zudem sollen keine Fahrzeuge mehr nach Russland eingeführt werden. Auch Mercedes Benz und BMW wollen weder Autos vor Ort produzieren noch nach Russland exportieren. Für alle drei Firmen bedeutet der Krieg in der Ukraine ohnehin einen Dämpfer für das Geschäft: Weil Komponenten aus der Westukraine nicht geliefert werden können, musste in mehreren Werken die Produktion reduziert und teils Kurzarbeit eingeführt werden.

Mehrere der größten Tech-Firmen aus den USA wollen ebenfalls keinen oder weniger Handel mit Russland betreiben. Apple hat die Lieferung von Geräten und den Service vor Ort eingestellt, so sind Zahlungen mit Apple Pay nicht mehr möglich. Der Apartment-Vermittler AirBnB zieht sich komplett aus Russland und dem als Aufmarschgebiet genutzten Nachbarstaat Belarus zurück. Der weltgrößte Hersteller von Computerchips Intel setzt alle Lieferungen an russische Kunden aus. Auch Google hat sein Anzeigengeschäft in Russland beendet. Die Plattformen des Unternehmens wie Google Maps und YouTube sollen aber weiter verfügbar sein.

Unabhängig davon, ob sie von westlichen Sanktionen gegen Russland direkt betroffen sind, haben auch weitere große Handelsunternehmen ihre Aktivitäten vor Ort beendet. Der mittelfränkische Spielzeughersteller Playmobil liefert wegen des Kriegs nicht mehr. Die beiden größten Sportartikelhersteller Deutschlands Puma und Adidas mit Sitz in Herzogenaurach haben ihre Partnerschaften mit Sportverbänden im größten Staat der Erde eingestellt. Puma kündigte darüber hinaus am Samstag an, seine mehr als 90 Läden in Russland "vorübergehend" zu schließen.

Der schwedische Möbelbauer Ikea hat seine Filialen mit etwa 15.000 Mitarbeitern in Russland ebenfalls geschlossen, nur seine Lebensmittelmärkte sollen aus humanitären Gründen geöffnet bleiben.

Für viele von ihnen würden wirtschaftliche Beziehungen nach und Investitionen in Russland angesichts der Sanktionen ohnehin schwierig. Mit dem Ausschluss aus dem Zahlungssystem SWIFT sind Abrechnungen nur noch schwer möglich, auch die Hermes-Bürgschaften des deutschen Staats für ausländische Investitionen sind ausgesetzt. Dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) zufolge haben etwa 40.000 Firmen allein aus Deutschland Geschäftsbeziehungen mit Russland. Viele weitere von ihnen könnten sich aus moralischen ebenso wie wirtschaftlichen und pragmatischen Erwägungen in der kommenden Zeit zurückziehen.

Dieser Artikel wurde am 5. März 2022 um 19:21 Uhr aktualisiert.

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