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Profectis macht dicht: Ein weiteres Stückchen Quelle stirbt

300 Mitarbeiter gekündigt - rund 100 arbeiten am Firmensitz in Nürnberg - 06.12.2019 05:23 Uhr

Im Jahr 2009, nach Verkündung der Quelle-Insolvenz, kämpften Mitarbeiter des Tochterunternehmens Profectis um ihre Jobs. Zehn Jahre später hat solch ein Streik keine Aussicht auf Erfolg mehr: Der Eigner Media-Saturn schließt das Unternehmen. © Archivfoto: Eduard Weigert


Zehn Jahre ist es her, dass ein Teil der damals 950 Mann starken Belegschaft der damaligen Quelle-Tochter Profectis auf die Straße ging. Im Zuge der Insolvenz des Versandriesen, der damals die Republik erschütterte, fürchteten die Mitarbeiter des 1969 gegründeten Reparatur-Dienstleisters um ihre Jobs. Damals konnte der mit der Quelle-Pleite beauftragte Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg mit der RTS Elektronik Systeme GmbH aus dem oberbayerischen Wolnzach einen Käufer finden und so zumindest 620 Arbeitsplätze erhalten. Eine Dekade später ist dieses Kapitel vorbei, Profectis schließt zum Jahresende. Alle verbleibenden 300 Mitarbeiter, 100 davon am Firmensitz mit zugehörigem Verwaltungs- und Lagerstandort in Nürnberg, sind gekündigt.

Bis zuletzt Mitarbeiter angeworben

"Für mich kam die Nachricht aus heiterem Himmel", sagt ein Mitarbeiter. Zuletzt seien sogar noch Angestellte anderer Firmen seitens der RTS abgeworben worden, von einer Krise, gar einem drohenden Aus, sei nicht die Rede gewesen. Auf seiner Internetseite beschreibt sich Profectis als "Full Service Vor-Ort Dienstleister rund um Haushaltsgeräte. Wir reparieren alle Geräte, beispielsweise Ihre kaputte Waschmaschine, Spülmaschine, Herd oder Kühlschrank. Und das für alle Marken." Ein sicheres Geschäft, so stellte es sich für Mitarbeiter dar, zumal RTS im Jahr 2015 von Europas größtem Elektrohändler Media-Saturn übernommen worden war. Für alle dort verkauften Marken von Elektrogroß- und Einbaugeräten, die keinen eigenen Kundendienst betreiben, war im Fall eines technischen Problems der Kunden innerhalb von Gewährleistung oder Garantiezeit Profectis zuständig.

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Weil die Umsätze der Nürnberger trotz dieses vermeintlich sicheren Konzepts über Jahre kontinuierlich zurückgingen, werde die Firma im Zuge des "Kosten- und Effizienzprogramms von MediaMarktSaturn", wie es seitens der Unternehmenskommunikation heißt, geschlossen. Umsatzzahlen nennt Media-Saturn nicht, spricht aber von einem "negativen Ergebnistrend".

Während sich Profectis-Geschäftsführer Karl Heinz Hoch nicht zu dem Vorgang äußern will, bedauert die Gewerkschaft Verdi die Entscheidung des Elektronikriesen, der Betriebsrat des Unternehmens spricht von einem "schmerzhaften Schritt".

"Mäßige Zahlungsmoral" der Kunden

Ein Grund für den Umsatzrückgang ist laut Betriebsrat Jürgen Frömming auch der Unwille vieler Kunden, ältere Geräte reparieren zu lassen. Ein Mitarbeiter präzisiert: "Wenn eine neue Waschmaschine 290 Euro kostet, wir für Anfahrt und Reparatur womöglich 250 Euro berechnen, winken viele ab." Rechnerisch nachvollziehbar, im Hinblick auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit aber "völliger Wahnsinn".

Die Sprecherin der MediaMarktSaturn teilt die Einschätzung des Betriebsrats. Die Mehrheit der Kunden sei nicht bereit, "Elektrogroßgeräte außerhalb der Garantie zu wirtschaftlich akzeptablen Preisen reparieren zu lassen". Die "sehr schwache Performance" der Profectis begründet sie aber auch mit der "mäßigen Zahlungsmoral" vieler Kunden und den daraus folgenden Forderungsausfällen. Auch sorge die Innovationsgeschwindigkeit der Hersteller für eine zusätzliche Komplexität im Reparaturprozess, die Verkehrsdichte und der Parkplatzmangel in den Innenstädten erschwerten zudem "die effiziente Ausführung einer Vor-Ort-Reparatur". Man habe sich mehrfach bemüht, das Unternehmen zu sanieren, sehe sich im Zuge der Entschlackung und Vereinfachung der Prozesse auf Seiten des Mutterkonzerns aber gezwungen, das Unternehmen zu schließen.

Der zitierte Mitarbeiter, der wie Hunderte andere im November seine Kündigung erhalten hat, muss nun in einem, wie er sagt, problematischen Marktumfeld, einen neuen Job suchen. "Leicht wird das nicht", sagt er, "zumal viele andere Dienstleister auf studentische Hilfskräfte und Leiharbeiter setzen." Da herrsche ein ganz anderes Lohnniveau. Bei der ehemaligen Quelle-Tochter, ergänzt er, habe man noch zu "vernünftigen Konditionen" gearbeitet. Das sei, da macht er sich nichts vor, nun aber vorbei.

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