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Quelle steht vor größter Umwälzung ihrer Geschichte

Vom Versandhändler zum Internetkaufhaus - Katalog verliert an Bedeutung - 11.09.2008

Das Quelle-Versandhaus in der Fürther Straße in Nürnberg. © Eduard Weigert


Herr Sommer, Sie sind angetreten, um die Versandsparte des damaligen KarstadtQuelle- und heutigen Arcandor-Konzerns zu sanieren. Wie sieht ihre Bilanz aus?

Sommer: Wir haben den Homeshopping-Bereich nach Jahren zweistelliger Umsatzrückgänge und dreistelliger Millionenverluste wieder auf eine tragfähige Basis gestellt. Das ist gelungen. Wir haben den Universalversand auf die Marke Quelle konzentriert und Neckermann verkauft. Wir haben das Geschäft auf die Wachstumsmärkte im deutschsprachigen Ausland und in Mittel- und Osteuropa sowie Russland fokussiert - eine Erfolgsstory. In der damals überdimensionierten Servicegruppe wurden die Strukturen angepasst und modernisiert. Und wir haben dem Spezialversand durch den Verkauf von sieben Unternehmen eine klare Ausrichtung gegeben. Die Homeshopping-Gruppe Primondo wächst seit 2007 wieder.

Und Sie haben 4.500 Stellen abgebaut ...

Sommer: Das war ein schmerzhafter, aber leider unvermeidbarer Prozess, weil wir bei den Dienstleistungen nicht mehr wettbewerbsfähig waren. Jetzt geht es darum, die Quelle in Deutschland im kommenden Jahr wieder in die schwarzen Zahlen zu führen. In zwei, drei Jahren soll die Homeshopping-Gruppe dann die Zielrendite von fünf bis sechs Prozent erreichen, die Marke Quelle einen Prozentpunkt weniger. Einzige Unwägbarkeit ist die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland. Aber ich gehe davon aus, dass wir die Ziele erreichen werden.

Wie wollen Sie die Quelle wieder in Schwung bringen?

Sommer: Quelle steht in den nächsten zwei, drei Jahren vor der wahrscheinlich größten Umbruchphase ihrer Geschichte: Wir werden das Unternehmen von einem stationär- und Katalog-basierten Versandhaus zum größten Internetkaufhaus im Land umbauen, und zwar mit sehr hoher Geschwindigkeit. Der Anteil des Internetgeschäftes, der heute bei 40 Prozent liegt, wird in wenigen Jahren zwei Drittel erreichen und das Wachstum im Onlinehandel den Rückgang im Kataloggeschäft überkompensieren. Aber dazu bedarf es eines immensen Kraftaktes.

Was heißt das konkret?

Sommer: Wir werden nicht mehr jedes Produkt selber einkaufen, dass in diesem Quelle-Internetkaufhaus angeboten wird. Stattdessen werden wir über fast alle Sortimentsbereiche hinweg verstärkt mit Partnern im Handel zusammenarbeiten, die dann ihre Produkte auf unserer Internet-Plattform und in Ergänzung teilweise auch in unseren Katalogen anbieten. Schon heute arbeiten wir mit WMF oder den Modemarken Esprit oder S.Oliver zusammen.

Mit welchen Konsequenzen für Ihr eigenes Sortiment?

Sommer: Warengruppen, die wir nicht rentabel anbieten, führen wir in der heutigen Form nicht weiter. Derzeit schauen wir uns ein Drittel unserer Sortimente unter diesem Aspekt genauer an. In wenigen Jahren kann der Anteil der Quelle-fremden Sortimentsartikel bei etwa der Hälfte liegen. Da können auch ganz neue Sortimentsbereiche dazukommen, beispielsweise Arzneimittel. Es gibt praktisch keine quantitative Begrenzung. Sie müssen sich das als großes virtuelles Einkaufszentrum vorstellen, das Millionen von Kunden betreten können und in dem erst einige wenige Verkaufsregale belegt sind. Der Slogan ,Erst mal sehen was Quelle hat‘, wird im Internetkaufhaus eine ganz neue Aktualität gewinnen.

Das kann nicht ohne Folgen für das Unternehmen bleiben.

Sommer: Richtig, wir werden neue Kompetenzen und neue Arbeitsbereiche aufbauen - beispielsweise im Partner-Management oder im Onlinemarketing. In anderen Bereichen dagegen werden auch Arbeitsplätze wegfallen. Wenn künftig ein Teil des Quelle-Sortiments nicht mehr von uns betrieben wird, kann das nicht ohne personelle Anpassungen beispielsweise im Einkauf geschehen, wo derzeit rund 500 Mitarbeiter beschäftigt sind. Das geschieht aber nicht im hau-ruck-Verfahren, sondern in einem geordneten Veränderungsprozess zusammen mit den Fachbereichen und Arbeitnehmervertretern über die kommenden 18 bis 24 Monate.

Wie passt das zu Ihrer Aussage vom Herbst vergangenen Jahres, als Sie ankündigten, es werde in der Region keine weiteren tiefen Einschnitte mehr geben?

Sommer: Ich habe damals gesagt, es wird keinen großen Personalabbau mehr im Zuge der Sanierung geben. Heute sind wir in einer ganz anderen Ausgangssituation. Jetzt geht es nicht um Sanierung, sondern um eine Transformation, mit der die Quelle zukunftsfähig und wirtschaftlich erfolgreich werden soll.

Wie viele Stellen werden wegfallen?

Sommer: In einigen Bereichen werden Stellen wegfallen, in anderen werden wir neue schaffen, wie zum Beispiel bei den neuen Medien. Wie der Saldo aussehen wird, ist noch offen. Zu dieser Frage gibt es erste Gespräche mit den Sozialpartnern. Wir wollen im Rahmen der Möglichkeiten auf jeden Fall auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten.

Sie fordern, dass jeder Vertriebsweg für sich wirtschaftlich arbeiten muss. Was heißt das konkret?

Sommer: Bei den derzeit noch 120 stationären Quelle-Technik-Centern, mit denen wir hohe Millionenverluste einfahren, besteht Handlungsbedarf. Wir werden deren Zahl weiter verringern und verbleibende Center neu ausrichten. Der Bereich steht strategisch nicht im Fokus der Quelle. Gleiches gilt für das Warenhaus in Nürnberg - auch dort fahren wir hohe Verluste ein. Wir halten an dem Standort fest, doch er muss profitabel werden.

Was bedeutet der Umbau für die Kataloge - das Symbol für den Versandhandel schlechthin?

Sommer: Kataloge wird es weiter geben, aber auch sie müssen sich rentieren. Deutlich mehr als die Hälfte aller Quelle-Neukunden gewinnen wir bereits über das Internet, und nur jeder zweite davon ist an der gedruckten Warenpräsentation interessiert. Wir werden daher die Umfänge in dem Maß reduzieren, wie das Kataloggeschäft zurückgeht - das sind jährlich fünf bis zehn Prozent. Die beiden jährlichen Hauptkataloge, Monats- und Spezialkataloge werden bleiben, aber sie werden schlanker ausfallen, die Auflage wird sinken.

Sommer ist neuer Aufsichtsrats-Chef

Wie das Unternehmen den Nürnberger Nachrichten bestätigte, wechselt Sommer mit sofortiger Wirkung an die Spitze des Aufsichtsrates der Quelle GmbH. Die Geschäftsführung des Versandunternehmens liegt künftig in Händen einer Doppelspitze: Neben Henning Koopmann, der bereits seit Januar 2007 neben Sommer an der Spitze steht, wird nun auch Konrad Hilbers die Quelle führen.

Hilbers war zuvor Geschäftsführer des Einkaufssenders HSE24 und dann Finanzchef der gesamten Versandsparte Primondo im Arcandort-Konzern. Diese Funktion wird jetzt zusätzlich Sascha Bopp übernehmen, der Chef der Primondo-Spezialversender ist und dort künftig von Matthias Siekmann als Mit-Geschäftsführer unterstützt wird. 

Interview: Klaus Wonneberger

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