Schnelle Lösung erzwingen

Tarifkonflikt spitzt sich zu: Lufthansa-Piloten drohen erneut Streiks an

6.9.2022, 13:25 Uhr

© Boris Roessler/dpa/Symbolbild

Vor der Drohkulisse einer zweiten, verschärften Streikwelle nehmen Lufthansa und die Piloten-Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) noch einen Anlauf zur Lösung des Tarifkonflikts. Die Parteien trafen sich am Dienstag am Frankfurter Flughafen zu Verhandlungen, für die Lufthansa am Morgen ein verbessertes Angebot angekündigt hat.

Die VC hatte in der Nacht eine zweite Streikwelle ab Mittwoch angekündigt, die nur noch durch ein "ernstzunehmendes Angebot" seitens der Lufthansa verhindert werden könne. Bei der Lufthansa-Kerngesellschaft sollte demnach am Mittwoch und Donnerstag gestreikt werden, bei der Lufthansa Cargo sogar noch einen Tag länger.

Die Verhandlungen sollten um 10.00 Uhr beginnen. Lufthansa muss nach eigenen Angaben bis spätestens 12.00 Uhr entscheiden, ob für die angedrohten Streiktage Flüge gestrichen werden. Dies sei sowohl für die Flugzeug- und Crew- Disposition als auch für einen zumindest minimalen Vorlauf für die betroffenen Fluggäste notwendig, teilte das Unternehmen mit.

Im Falle eines Streiks am 7. und 8. September sei erneut mit erheblichen Auswirkungen auf den Flugbetrieb der Lufthansa zu rechnen, so die Airline.

In einer ersten Reaktion sagte ein Lufthansa-Sprecher: "Wir bedauern sehr, dass die Gewerkschaft den Weg der Eskalation weitergeht." Dem neuerlichen Streikaufruf zufolge sollen die Abflüge der Lufthansa-Passagiermaschinen aus Deutschland am Mittwoch und Donnerstag bestreikt werden. Bei der Frachttochter Lufthansa Cargo ist der Streik von Mittwoch bis Freitag geplant. "Der angekündigte Streik kann nur durch ein ernstzunehmendes Angebot des Unternehmens abgewendet werden", erklärte dazu VC-Sprecher Matthias Baier.

Für die erneute Streikdrohung fehle jedes Verständnis, erklärte Lufthansa-Personalvorstand Michael Niggemann laut einer Mitteilung. "Der Weg der Eskalation ist auch deshalb falsch, weil wir wissen, dass auch unsere Pilotinnen und Piloten viel lieber fliegen als streiken." Man werde trotzdem alles daran setzen, auch unter Zeitdruck mit einem verbesserten Angebot zum Erfolg zu kommen.

Erster Streik am Freitag - 130.000 Passagiere waren betroffen

Zunächst müsse allerdings die VC ihre am vergangenen Freitag abgeänderte Tarifforderung erläutern, verlangte Niggemann. Die bisherige Forderung nach einem automatisierten Inflationsausgleich wurde vor dem Arbeitsgericht München ersetzt durch die Forderung nach einer jährlichen Tariferhöhung um 8,2 Prozent ab 2023 - zusätzlich zu einer Erhöhung in diesem Jahr um 5,5 Prozent. Lufthansa hat bislang pauschale Erhöhungen der Grundvergütung von 500 Euro zum 1. September 2022 und um 400 Euro zum 1. April 2023 angeboten. Das ergebe je nach bisherigem Gehalt Steigerungen zwischen 18 und 5 Prozent.

Konzernchef Carsten Spohr hatte am Vorabend gesagt, dass in Zeiten einer hohen Inflation deutliche Gehaltssteigerungen insbesondere in den unteren Gruppen "absolut angemessen" und manche einstmals ausgehandelten Einstiegsgehälter so nicht mehr haltbar seien. Spohr hatte betont: "Wir haben unsere Mitarbeiter nicht allein gelassen in der Pandemie, und wir werden sie auch nicht allein lassen in der Inflation."

"Wir hätten es uns anders gewünscht", erklärte VC-Tarifvorstand Marcel Gröls. "Doch leider sind die Beharrungskräfte bei der Lufthansa erheblich." Es sei jetzt wichtig, dass beide Verhandlungsparteien schnell und mit dem gebotenen Ernst an den Verhandlungstisch zurückkehrten.

Bei der ersten Streikwelle am vergangenen Freitag hatte die Lufthansa das gesamte Programm ihrer Kern-Airline abgesagt. Mehr als 800 Flüge mit 130.000 betroffenen Passagieren fielen aus, das Unternehmen erlitt nach eigener Aussage einen wirtschaftlichen Schaden von 32 Millionen Euro. Unter LH-Flugnummern waren neben einigen heimkehrenden Langstreckenjets nur noch die kleineren Flugzeuge der Lufthansa Cityline unterwegs, die nicht bestreikt wurde. Mit der Strategie der Komplettabsage erreichte Lufthansa am Samstag einen vergleichsweise reibungslosen Neustart.

Aus rechtlichen Gründen kann die VC nur Arbeitnehmer in Deutschland zum Arbeitskampf aufrufen. Bestreikt werden daher ausschließlich die Abflüge der Lufthansa-Kerngesellschaft sowie der Lufthansa Cargo von deutschen Flughäfen. Die Tochtergesellschaften Eurowings, Lufthansa Cityline und Eurowings Discover sind von dem Arbeitskampf nicht betroffen. Gleiches galt für ausländische Lufthansa-Töchter wie Swiss, Austrian, Brussels oder Air Dolomiti. Letztere ist insbesondere am Flughafen München präsent.

Vor dem Arbeitsgericht München hat die VC ihre Tarifforderung in einem Detail abgeändert. Weil auch die Richter rechtliche Bedenken gegen einen automatisierten Inflationsausgleich ab dem kommenden Jahr äußerten, wird nun ein "pauschaler" Inflationsausgleich in Höhe von 8,2 Prozent verlangt. Im laufenden Jahr sollen die Gehälter um 5,5 Prozent steigen. Dazu kämen eine neue Gehaltstabelle sowie mehr Geld für Krankheitstage, Urlaub und Training.

Laut Lufthansa würden die zusammengefassten Forderungen der VC die Personalkosten im Cockpit um 40 Prozent erhöhen. Dies sei selbst ohne Rücksicht auf die finanziellen Folgen der Corona-Krise außerhalb des Vertretbaren. Auf eine Laufzeit von zwei Jahren würde das eine Mehrbelastung von 900 Millionen Euro bedeuten, hieß es bei der Lufthansa.

Erst im Juli hatte die Gewerkschaft Verdi mit einem Warnstreik des Bodenpersonals den Flugbetrieb der größten deutschen Airline für einen ganzen Tag nahezu lahmgelegt. Die Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo will im Herbst für ihre Mitglieder verhandeln. Sie erklärte sich "ausdrücklich und uneingeschränkt solidarisch" mit dem Streik der Piloten.