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Verliert Erlangen Energie-Wissen?

Siemens-Campus fehlen Labore - 10.06.2020 21:14 Uhr

Der neue Siemens-Campus in Erlangen hat die modernsten Bürogebäude. Doch wo sind Testflächen?

© Foto: Harald Sippel


Die Ankündigung von Siemens, eine halbe Milliarde Euro für den Bau eines Campus ausgeben zu wollen, hatte einst für viel Freude in Erlangen gesorgt. Doch darunter mischt sich nun Angst: um die Bedeutung der Stadt als wichtiges Forschungs- und Entwicklungszentrum im Energie-Bereich.

ERLANGEN/MÜNCHEN — Es ist eine schöne neue Arbeitswelt, die in Erlangen bis zum Jahr 2030 entsteht: ein "lebendiger Stadtteil mit attraktiver Campusstruktur, zeitgemäßen Gebäuden, moderner Büroinfrastruktur sowie großzügigen Grünflächen", wie Siemens ankündigt. Davor steht allerdings auch, dass dies auf dem "derzeitigen Siemens-Forschungsgelände" geschieht. Das sorgt nicht nur seit langem für Unmut, sondern zunehmend für Angst um Erlangen als Forschungs- und Entwicklungs-Standort – vor allem im Energiesektor. Die Beschäftigten von Framatome bangen sogar ganz um die Zukunft des deutschen Standortes.

Denn die zahlreichen Testflächen und Labore, die sich bislang großflächig und über mehrere Standorte innerhalb Erlangens verteilten, sucht man auf dem neuen Siemens-Campus künftig vergebens, kritisieren Vertreter der Belegschaft der Siemens-Sparten Energie, Mobility, Healthineers sowie von Framatome und der IG Metall. Um den Erhalt von Technologie-Knowhow am Standort Erlangen kämpfen sie nun mit einer Online-Petition, die sich vor allem an die Firmenleitungen wendet.

Besonders im Bereich Gas & Power (GP) , der im September als Energy an der Börse durchstarten soll, fürchtet man nun um die Leistungsfähigkeit des Unternehmens. "Es hat sich bereits zu Beginn herauskristallisiert, dass unsere Labore, Werkstätten, Lager und Testflächen auf dem neuen Gelände keinen Platz mehr finden werden", kritisiert Isabella Paape, Betriebsrätin bei GP. Dafür seien weder die Zufahrten zum Gelände ausgelegt noch die elektrischen Anschlüsse.

Wo künftig geforscht und entwickelt werden solle, dazu habe Siemens Real Estate (SRE) als Bauherr und künftiger Vermieter des Campus bislang keine klare Antwort gegeben. Dies will man bei der anderen Siemens-Einheit so nicht stehen lassen. "Wir haben ein Laborgebäude in Planung und sind dazu mit den Beteiligten in einer permanenten konstruktiven Diskussion", erklärt ein Sprecher von SRE. Das Laborgebäude soll neben dem Modul 2 voraussichtlich bis 2022 entstehen, der Spatenstich sei für diesen Herbst geplant. "Es entspricht dem Bedarf, der uns von Siemens Corporate Technology an Forschungsräumlichkeiten übermittelt wurde", so der Sprecher weiter.

 

Arbeitsabläufe werden erschwert

 

Dem widerspricht Paape wiederum. Das Laborgebäude sei eben vor allem für den Bereich Corporate Technology (CT) ausgelegt, der darin unternehmerisch-strategisch forsche. "Wir erhalten dort zwar eine Etage", so Paape, "aber nur für einen Teilbereich". Kein Vergleich zu den jetzigen Kapazitäten, die allein in Erlangen über neun Gebäude verteilt seien und eine Gesamtfläche von deutlich über 6000 Quadratmetern einähmen. Es seien die größten Labor- und Testflächen innerhalb von Siemens.

Der neue Siemens-Campus in Erlangen hat die modernsten Bürogebäude. Doch wo sind Testflächen?

© Foto: Harald Sippel


Im günstigeren Fall, so hofft man bei GP, würden Ausweichflächen an weniger kostenintensiven Standorten innerhalb der Metropolregion gesucht und gefunden. Doch allein das würde die Abläufe massiv zerreißen, die Arbeit ineffizienter machen und erschweren. "Forschungs- und Testgebäude an andere Orte zu verlagern, greift empfindlich in die Produktionsabläufe ein."

Die deutlich ungünstigere Auslegung der wegbrechenden Forschungs-Kapazitäten wagt man bei GP in Erlangen, wo laut Betriebsrat über 6000 Menschen beschäftigt sind, noch nicht mal laut zu denken: Dass die Entwicklung und praktische Anwendung ganz vom weltweit größten Standort der Siemens-Energiesparte abgezogen werden soll. Schließlich werden Investoren nach dem geplanten Börsengang im September mit Argusaugen über die Profitabilität des dann nahezu eigenständigen Siemens-Bereiches wachen.

Und obwohl es bis dahin nicht einmal mehr vier Monate dauert, steht der Hauptsitz von Energy noch nicht fest – zumindest nicht offiziell. Könnte also der Plan sein, mehr Forschung- und Entwicklungskapazitäten am künftigen Hauptsitz anzusiedeln? So baut Siemens am politik-nahen Standort Berlin ebenfalls einen Campus – für sogar 100 Millionen Euro mehr und auf der Größe von 100 Fußballfeldern. Auch hier sollen vor allem die Sparten Gas und Energie, Mobilität sowie intelligente Infrastruktur ihren Platz finden, heißt es.

Am Erlanger Standort von Framatome sind die Ängste indes noch ein ganzes Stück größer. Framatome hat seine Ursprünge wie GP in der einstigen Kraftwerksunion, die Siemens Ende der 1960er Jahre mit AEG gründete und 1977 ganz übernahm. Nach Abspaltung des Nuklarteils und eines Joint Venture mit Areva gehört sie heute zur Gänze dem französischen Atomriesen, der nun Framatome heißt. Hier bangen die Arbeitnehmer in Erlangen gleich ganz um den Verbleib ihres Standortes. Denn die Gebäude, die Framatome bewohnt, sollen für den Campus weichen.

 

Framatome-Mitarbeiter bangen um ihre Zukunft

 

Damit in Gefahr seien besondere Versuchsstände und Labore, mit denen etwa der Primärkreislauf eines Kernkraftwerkes nachgebildet wird. Schon Ende 2022 soll Framatome aus den "Gebäuden 51 und 52" ausziehen – und damit wohl eher als erwartet. Das nun vorgelegte Tempo von Siemens überrasche.

Hart könnte es den Amaturenprüfstand für Kraftwerksanlagen treffen. Abgesehen von dem Problem, ein passendes Gebäude zu finden, würde ein Umzug dessen "einen zweistelligen Millionenbetrag kosten", wie Arbeitnehmervertreter erklären. Sie befürchten, dass die Mutter in Paris nicht bereit sei, noch so viel Geld für den deutschen Standort in die Hand zu nehmen. Der Ausstieg Deutschlands aus der Atomenergie bis Ende 2022 habe die Arbeit an den drei deutschen Standorten aus Sicht der Franzosen nicht gerade attraktiver gemacht – "obwohl wir von Erlangen aus zu über 80 Prozent an ausländischen Projekten arbeiten".

Eine weitere Sorge gilt dem radiochemischen Labor, das so heute sicher nicht mehr genehmigt werden würde. Hier seien zwar nur rund 50 der insgesamt knapp 2500 Mitarbeiter in Erlangen tätig. "Von diesen Testanlagen gibt es aber nur wenige auf der Welt – sie machen den Standort besonders", heißt es seitens des Betriebsrates. Aufträge bis 2026 seien vorhanden. Der SRE-Sprecher zeigt sich allerdings auch hier verwundert. Bereits seit 2014 sei man dazu in Gesprächen.

Für GP-Betriebsrätin Paape ist auch die Stadtspitze ein wichtiger Adressat des Anliegens der Siemens- und Framatome-Beschäftigten: "Alle Arbeitsplätze, die im Bereich Forschung und Entwicklung wegfallen, sind für Erlangen verloren".

Anja Kummerow

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