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Warum die Arbeitslosigkeit in Städten höher ist als auf dem Land

IAB-Experte: Hohe Erwerbslosenquote nicht automatisch ein schlechtes Zeichen - 27.02.2020 05:56 Uhr

Erforscht Phänomene auf dem Arbeitsmarkt: Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. © Susanne Stemmler


Auf die Frage, warum die Arbeitslosigkeit in Städten höher ist als auf dem Land, gibt die Forschung seit Jahrzehnten dieselbe Antwort: In den Städten gibt es mehr Jobs als auf dem Land, die noch dazu besser bezahlt sind - das veranlasst Erwerbslose, ihr Glück in der Stadt zu suchen. "Die Wahrscheinlichkeit, einen guten Job zu finden, ist wegen des umfassenderen Stellenangebots in der Stadt größer“, sagt Professor Wolfgang Dauth vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

IAB-Experte Wolfgang Dauth © privat


Für viele Zugezogene erfüllt sich diese Hoffnung auf einen Job allerdings nicht - was auch an deren Profil liegt: "Arbeitslose, die auf dem Land leben, unterscheiden sich von Arbeitslosen, die in der Stadt leben“, sagt Dauth. "Arbeitslose in der Stadt haben es aufgrund soziodemographischer Merkmale - weil sie zum Beispiel einen Migrationshintergrund haben oder alleinerziehend sind - schwerer, eine Beschäftigung zu finden.“ Die Folge: höhere Arbeitslosenquoten in der Stadt.


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Deutschlandweit hat Gelsenkirchen die rote Laterne: Die Arbeitslosigkeit liegt dort bei 13,4 Prozent. In Bremerhaven sieht es mit 13,1 Prozent kaum besser aus. Die bundesweit geringste Arbeitslosigkeit gibt es auf dem Land: In Eichstätt liegt die Quote gerade einmal bei 1,7 Prozent. In Neumarkt oder dem Kreis Erlangen-Höchstadt ist sie mit 2,2 Prozent kaum höher. "Den süddeutschen Städten, auch Nürnberg, geht es im Vergleich zu Städten des Ruhrgebiets oder Bremen aber prächtig“, sagt IAB-Experte Dauth. In Nürnberg liegt die Arbeitslosenquote derzeit bei historisch niedrigen 5,4 Prozent.

"Klassisches Beispiel ist das Silicon Valley"

Dauth warnt davor, eine höhere Arbeitslosenquote automatisch mit einem wirtschaftlichen Niedergang gleichzusetzen. "Eine höhere Arbeitslosenquote in der Stadt kann auch ein Signal dafür sein, dass dort eine höhere wirtschaftliche Dynamik herrscht und die Menschen sich von einem Zuzug Perspektiven versprechen. Deswegen müssen wir uns neben der Arbeitslosenquote auch weitere Kennzahlen wie die Abwanderung oder die Zuwanderung aus anderen Regionen ansehen.“

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Warum sich Firmen vorrangig in Städten ansiedeln und dort folglich viele Arbeitsplätze entstehen, hat der Ökonom Alfred Marshall bereits 1890 erklärt. "Seine Paradigmen sind weiter gültig und werden von der Wissenschaft immer wieder bestätigt“, sagt Dauth. Marshall führte drei Gründe an: Erstens machen eine gute Infrastruktur und kurze Wege zu Produzenten und Kunden Städte für Unternehmen attraktiv, zweitens sind dort mehr Arbeitskräfte verfügbar. Marshalls drittes Argument: informelle Netzwerke, die den Wissensaustausch zwischen Unternehmen erleichtern. "Das klassische Beispiel ist das Silicon Valley“, sagt Dauth. Auch dort tauschen sich Informatiker von Google und Facebook sicher mal auf dem Spielplatz über die Arbeit aus.“

Geht die Strategie überhaupt auf?

Doch ist es für Arbeitslose tatsächlich die richtige Strategie, in die Städte zu ziehen? Eine neue Studie weckt daran Zweifel. Im Schnitt benötige ein Erwerbsloser in der Stadt mehr Zeit als auf dem Land, wieder eine Beschäftigung zu finden, schreiben die Arbeitsmarktforscher Peter Haller und Daniel F. Heuermann im Journal of Regional Science. Sie glauben, dass dies mit der höheren Konkurrenz unter Arbeitslosen in der Stadt zu tun habe.


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Dauth nennt die Ergebnisse überraschend, weil sie der gängigen Lehrmeinung widersprächen. Ein möglicher Erklärungsansatz sei, dass die Studie nur untersucht habe, wie viele Menschen einen Job fanden, nicht jedoch, um welche Art von Job es sich handelte. "War es dann auch der passende Job?“, fragt der IAB-Experte. Die Wahrscheinlichkeit, eine den eigenen Qualifikationen angemessene Stelle zu finden, sei in der Stadt wohl nach wie vor größer.


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