Freitag, 16.04.2021

|

zum Thema

Wie ein Mittelfranke dem Nobel-Autokonzern Jaguar half

"Sir Ralf" aus Roth: Speth brachte es in England zu Reichtum, Ruhm und Titel - 11.09.2020 05:55 Uhr

Ein zufriedener Chef: Auf der Frankfurter Automobilmesse im Jahr 2013 präsentierte Ralf Speth den Jaguar C-X17, das erste SUV-Modell, das der Konzern jemals baute. Inzwischen ruhen große Hoffnungen auf dem Modell I-Pace, dem ersten vollelektrischen Jaguar-SUV.

09.09.2020 © Foto: G. Schober /BrauerPhotos


Der Franke bleibt dem Unternehmen aber weiter als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender verbunden.

Nach zwanzig Jahren bei BMW und dem darauffolgenden Jahrzehnt als Boss des größten englischen Kfz-Bauers bleibt für Speth "die Automobilsparte die komplexeste Industrie der Welt, mit dem komplexesten Konsumprodukt der Welt – dem Auto". Und bei Fragen zur Zukunft seiner Branche lächelt er fränkisch-hintersinnig: "Es stehen viele neue Herausforderungen an, und niemand hat bisher die Antworten darauf, weder in Europa, noch in den USA, noch in China".


Förderung, Reichweite, Lieferzeit: So klappt der Kauf eines E-Autos


Herausforderungen hat Speth wohl immer auch als Chance begriffen. Daran erinnerte jetzt Natarajan Chandrasekaran, der Leiter des indischen Multikonzerns Tata, der 2010 Jaguar und Land Rover von Ford übernahm und Speth für die Sanierung des angeschlagenen Unternehmens anheuerte. "Wir danken Ralf, der mit seiner Leidenschaft und seinem Engagement JLR von einem britischen Nischen-Fabrikanten zu einem angesehenen, technologisch führenden, globalen Premium-Unternehmen gemacht hat."

In den Ritterstand erhoben

Ein Kult auf vier Rädern: Der Jaguar E-Type wurde von 1961 bis 1975 gebaut und ist eines der am meisten bewunderten Autos der Welt.

09.09.2020 © Foto: Jaguar/dpa/tmn


Tatsächlich fuhr JLR bereits im zweiten Geschäftsjahr unter Speths Führung einen Rekordgewinn von eineinhalb Milliarden Pfund ein. Die Expansion schuf 8000 neue Arbeitsplätze in Großbritannien und Fabriken in China, Irland, den USA, Österreich, der Slowakei und Brasilien. Die traditionellen Prestigemarken von Land Rover und Jaguar wurden quasi zum Symbol eines neuen industriellen Aufschwungs des Königreichs.

Als Anerkennung dafür bekam Speth das Kürzel "KBE" hinter dem Namen. Es steht für "Knight Commander of the Most Excellent Order of the British Empire", ein Ritterorden, der für besondere Verdienste verliehen wird, obwohl das Imperium schon lange aufgelöst ist. Verbunden mit dieser Auszeichnung ist die Erhebung in den Ritterstand, und so wurde aus Ralf Dieter Speth schlicht "Sir Ralf".

Bilderstrecke zum Thema

Ente, Käfer und Co.: Diese Autos wurden zu Legenden

Sie bewegten Millionen wie der Opel Kadett und der VW Käfer. Oder sie kosten Millionen wie heute der Mercedes-Benz 300 SL "Flügeltürer". Während die meisten Automodelle irgendwann sang- und klanglos aus dem Straßenbild verschwinden, avancieren andere zu absoluten Kultmobilen. Wir haben die 30 legendärsten Kultautos der letzten Jahrzehnte zusammengestellt.


Das erspart einem bei der Anrede auch den Professorentitel, den Speth ehrenhalber von der Universität Warwick bekam. Hier hatte Speth, der an der Universität in Rosenheim als Wirtschaftsingenieur ausgebildet wurde, neben der Berufstätigkeit noch seinen Doktor gemacht.

"Mobilität ist ein grundlegendes Menschenrecht"

Der höchste Ruhm, der Ralf Speth bislang zu Teil wurde, ist jedoch die Aufnahme in einen der exklusivsten Clubs der Welt: "FRS", die zweite Buchstabengruppe hinter seinem Namen verkündet, dass er Mitglied der "Royal Society" ist. Diese wurde 1660 von Gelehrten zur Förderung der Wissenschaften gegründet und zählte Newton, Darwin, Einstein und Hawking zu ihren Mitgliedern. Bei seiner Aufnahme letztes Jahr befand sich Speth in Gesellschaft von sechs Nobelpreisträgern.

Bilderstrecke zum Thema

Mobil in der Region: Wie, wann und wie oft wir unterwegs sind

Wir sind immer unterwegs: Ins Büro, zum Einkaufen, abends in Richtung Kino... Mal steigen wir dafür ins Auto, mal bringt uns die Straßenbahn schneller ans Ziel. Für diese Bilderstrecke haben wir tief im Zahlen-Archiv der Stadt, des VGN oder beim Landesamt für Statistik gegraben - und interessante Zusammenhänge gefunden.


Die "Royal Society" belohnte damit Speths Engagement für Lehre und Forschung und die Förderung des Schulunterrichts in naturwissenschaftlichen und technologischen Fächern. Besonders stolz ist Speth auf das von JLR finanzierte Nationale Forschungs- und Entwicklungszentrum für die Automobilindustrie, das Prinz Charles diesen Februar an der Universität Warwick eröffnete. Es war ein Lichtblick in der düsteren Geschäftsentwicklung der letzten Jahre, die JLR besonders hart zusetzten.

Die weltweite Kontroverse um Dieselfahrzeuge, die Stagnation auf dem chinesischen Markt – dem drittstärksten nach Großbritannien und den USA – und das andauernde Brexit-Schlamassel brachten allein im letzten Quartal des Jahres 2018 einen Verlust von 3,4 Milliarden Pfund. Der wäre wahrscheinlich noch höher ausgefallen, wenn Speth nicht schon einen harten Sparplan in Gang gesetzt hätte, dem 4500 Arbeitsplätze zum Opfer fielen.

Autoindustrie vor Herausforderungen

Eine leichte Erholung für die prekäre Finanzlage scheiterte an der Corona-Krise. Der Verkauf von JLR-Fahrzeugen ging im Vergleich zum Vorjahr um 43,4 Prozent zurück. "Die Autoindustrie steht aktuell vor enormen Herausforderungen", sorgt sich Speth. "Sie muss die weltweiten Auswirkungen der Corona-Krise meistern und gleichzeitig enorme Investitionen in zukünftige Technologien tätigen."


Corona-Krise kostet Autobranche weltweit Milliarden


In Dieselabschwung, weltweiten Klimaprotesten und dem Corona-Lockdown könnte man die Apokalypse für das Auto sehen. Doch Sir Ralf aus Roth trabt wie Dürers Ritter ungeachtet von Tod und Teufeln, die der Autoindustrie den Garaus machen wollen, in eine glückliche Zukunft. "Mobilität ist das Lebenselixier einer florierenden Gesellschaft. Wir müssen anerkennen, dass Mobilität von wesentlicher Bedeutung für Beschäftigung, Bildung, Gesundheitsversorgung und Handel ist", meint der Herr über die englischen Nobelkarossen, die bis zu 120.000 Euro kosten. Mobilität ist für Speth "ein grundlegendes Menschenrecht, und die Autoindustrie, gemeinsam mit Politik, mit Bildung und Wissenschaft muss unsere Zukunft sicherstellen".

Sehnsucht nach der fränkischen Küche

Speths Zukunftshoffnung für Autos ist die dreifache Null. Er prägte den Begriff "Destination Zero" für die Vision bei Jaguar Land Rover, das heißt: null Emissionen, null Staus und null Unfälle. "Daran arbeiten wir seit Jahren. Sie ist richtungsweisend für unsere Kunden." Mit dem Jaguar I-Pace glaubt sich Speth diesem Ziel ein Stück näher. "Es ist ein vollelektrischer SUV, der mit dynamischer Leistung, hoher Reichweite und schneller Ladefähigkeit glänzt. Dieses Modell wurde mit allen renommierten Autopreisen ausgezeichnet. In diesem Jahr sind alle neuen Jaguar- und Land-Rover-Modelle mit einem elektrifizierten Antrieb erhältlich. "Auch mit umweltverträglichen Materialien wie recyceltes Aluminium, recyceltes Plastik oder vegane Stoffausstattungen leisten wir unseren Beitrag für eine verantwortungsbewusste Mobilität".


E-Scooter-Unternehmen in der Krise: Metz Mecatech insolvent


Während des langen Streits um den Brexit warnte Speth unermüdlich vor den gefährlichen Konsequenzen des EU-Austritts für die britische Wirtschaft und besonders für seine Branche. Nach dem Sieg Boris Johnsons und der harten Brexit-Befürworter bei den Wahlen plädiert der deutsch-britische Wirtschaftsingenieur nun für einen "Deal, der Unternehmen unterstützt – dies ist besonders wichtig, wenn wir aus der Covid-Pandemie herauskommen und ihre Nachbeben oder potenzielle zweite Wellen steuern", sagt er. "Die Vermeidung von Zöllen auf Fahrzeuge und Teile, die Minimierung von Reibungsverlusten an den Grenzen und die Vermeidung zusätzlicher Bürokratie durch Rechtsangleichung sind von entscheidender Bedeutung, damit wir Großbritannien und die EU global wettbewerbsfähig halten, Arbeitsplätze schützen und die wirtschaftliche Erholung unterstützen können".

Die Wettbewerbsfähigkeit von Jaguar/Land Rover zu stärken ist von Mitte September an die Aufgabe von Thierry Bolloré. Der Franzose war bis letzten Oktober Geschäftsführer von Renault.

Obwohl Speth weiterhin JLR und dem indischen Mutterkonzern im Aufsichtsrat verbunden bleibt, hat er wohl jetzt mehr Zeit für die Heimkehr zu seinen Wurzeln: "Das Frankenland ist und bleibt meine Heimat", schmunzelt der FCN-Fan. "Wenn ich in Süddeutschland unterwegs bin, fahre ich bewusst immer die längere Strecke über mein Elternhaus in Roth in der Hoffnung auf Begegnungen aus meiner Schulzeit. Ich mag den freundlichen Dialekt, der mich überall auf der Welt als Franken identifiziert und natürlich das fränkische Essen."


Verpassen Sie keine Nachricht mehr!

In unserem neuen täglichen Newsletter "Mittags um 12 - Zeit für die Region" erfahren Sie alles Wichtige über unsere Region. Hier kostenlos bestellen. Montags bis freitags um 12 Uhr in Ihrem Mailpostfach.

Hendrik Bebber

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Wirtschaft