Pandemie verändert Arbeitswelt

Wie viel Homeoffice bleibt nach Corona?

Stefanie Banner
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Politik und Wirtschaft

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8.8.2021, 05:55 Uhr
Auch nach der Pandemie wollen einige Unternehmen an mobiler Arbeit - wie hier am Küchentisch - festhalten. Allerdings sollte auch zu Hause Gesundheits- und Arbeitsschutz gelten.

Auch nach der Pandemie wollen einige Unternehmen an mobiler Arbeit - wie hier am Küchentisch - festhalten. Allerdings sollte auch zu Hause Gesundheits- und Arbeitsschutz gelten. © imago images/YAY Images, NNZ

"New normal" - Neue Normalität - heißt es bei Siemens ab Herbst. Bis dahin plane das Unternehmen eine schrittweise Rückführung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die Büros, so eine Sprecherin. Das heißt aber nicht, dass dann wieder alle im Büro arbeiten; vielmehr sollen die Beschäftigten in ihren Teams entscheiden, an welchen Tagen Meetings in Präsenz stattfinden und an welchen Tagen mobiles Arbeiten möglich ist.

Siemens hält laut der Sprecherin eine Mischform für das bevorzugte Optimum und macht die Möglichkeit, zwei bis drei Tage mobil zu arbeiten, weltweit zum Standard. Aus diesem Grund würden die "Räume aktivitätsbasiert umgestaltet", erzählt die Siemens-Sprecherin. "In unserer Zentrale in München etwa gibt es künftig verschiedene Zonen in den Büroräumen. Wenn die Menschen ins Büro kommen, finden häufig Meetings statt, dafür braucht es anders gestaltete Flächen. Es wird aber auch weiterhin Zonen für Stillarbeit geben."

Adidas begrüßt wieder Mitarbeiter auf dem Campus

Wie Siemens denken auch andere Unternehmen über die Zukunft des mobilen Arbeitens nach. Adidas hat im Juli zwar - auf freiwilliger Basis - seine ersten Mitarbeiter wieder auf dem Campus in Herzogenaurach begrüßt. "Alle haben sich riesig gefreut, dass sie ihre Kolleginnen und Kollegen wiedergesehen haben und auch die Sportmöglichkeiten nutzen konnten", so die Sprecherin.

Doch die Kapazität sei noch beschränkt: Von den 5300 Beschäftigten dürften sich in der "World of Sports" momentan 2000 aufhalten. Alle anderen arbeiten weiterhin mobil. "Auch vor Corona durften bereits 20 Prozent der Arbeitszeit von zu Hause erbracht werden, ob sich daran etwas ändert, entscheiden wir erst, wenn die Pandemie überstanden ist", sagt die Adidas-Sprecherin.

Arbeitsmarktforscher sieht viele Veränderungen

Dass sich das Arbeiten durch die Pandemie stark verändert hat, hat auch Ulrich Walwei, Vizedirektor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit, festgestellt - in dreierlei Hinsicht: Die Digitalisierung wurde beschleunigt, was auch bedeutet, dass sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter digitale Fähigkeiten aneignen mussten. Arbeits- und Gesundheitsschutz rückten stärker ins Bewusstsein und zeigten Problemstellen auf.

Und schließlich spielte das zeit- und ortsflexible Arbeiten eine größere Rolle als das bisherige Modell "9 to 5". Walwei ist sich sicher, dass all diese Dinge nach der Pandemie "nicht auf ihr Vorstadium zurückgehen. Vielmehr gehen sie in eine neue Arbeitswelt über, in der man das Beste aus beiden Welten zusammennimmt, um die Produktivität und Zufriedenheit der Mitarbeiter zu bewahren", sagt er.

Wie wirkt sich mobile Arbeit aus?

Aus Befragungen weiß der Arbeitsmarktforscher, dass die Mehrheit der Beschäftigten einen Wechsel zwischen Bürotätigkeit und mobilem Arbeiten bevorzugt. "Zwei bis drei Tage Präsenz im Unternehmen ist für die Mehrheit erstrebenswert", erläutert er, mit der Einschränkung, dass die Art der Arbeit dies zulasse. Momentan könnten 40 bis 50 Prozent aller Beschäftigten mobil tätig sein, "durch die Digitalisierung werden es eventuell noch mehr".


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Doch wie wirkt sich das Arbeiten von zu Hause aus? Als Chance des Homeoffice sieht Walwei besonders die Möglichkeit, die eigene Work-Life-Balance - je nach Lebenslage - zu unterstützen. Zudem spare man sich die Fahrzeiten und produziere weniger CO2. Er sieht aber auch Risiken: "Vor allem die zufällige Kommunikation geht verloren, wenn alles nur über verabredete Termine läuft", sagt er. Und mancher Beschäftigter fühle sich womöglich abgehängt, allein gelassen, weil er den Kollegen und Chefs nicht mehr begegnet. "Das Gefüge darf nicht auseinanderbrechen", mahnt Walwei.

Dienstreisen werden seltener

Beim Thema Dienstreisen werde man genauso eine Abwägung treffen wie beim Homeoffice - mit den Fragen: Wen treffe ich? Macht die Reise aus wirtschaftlicher und ökologischer Sicht noch Sinn? "Im Ergebnis werden es wohl weniger", so Walwei. Dem stimmt auch die Siemens-Sprecherin zu. "Wir haben sogar Anlagen bei Kunden virtuell in Betrieb genommen oder Züge gewartet. Das könnte auch weiterhin so gemacht werden", ergänzt sie. Bei Adidas habe man auch vor Corona schon die Notwendigkeit der Reisen überprüft, sagt die Sprecherin.

Was den Rückbau von nicht genutzten Büroflächen betrifft, geht Arbeitsmarktforscher Walwei von einem langsamen Prozess aus: "Wenn der Mix aus mobiler und Büro-Arbeit Realität wird, muss man sich überlegen, wie man die Büros umgestaltet", sagt er. "Teilen sich Mitarbeiter künftig einen Schreibtisch?"

"Arbeitsbedingungen müssen auch zu Hause passen"

Allerdings gibt er auch zu bedenken, dass die Arbeitsbedingungen zu Hause passen müssen, wenn Arbeitgeber überlegen, Büroflächen zu reduzieren. Denn auch hier gelte der Arbeits- und Gesundheitsschutz. "Bei diesem Thema werden - wenn es wirklich akut wird - aber auch die Betriebs- und Personalräte noch ein Wörtchen mitsprechen", so Walwei.

Sogenannte Tele-Arbeitsplätze, bei denen die Beschäftigten von ihrem Arbeitgeber zu Hause wie im Büro ausgestattet sind, gibt es bei der Universa-Versicherung in Nürnberg seit vielen Jahren. Auch nach Corona stehe die Flexibilität der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Vordergrund, sagt Sebastian Wolff, Leiter Personalbetreuung. "Unsere jetzige Betriebsvereinbarung wollen wir dahingehend aktualisieren, indem wir schauen, wie wir das Home-Office noch weiter ausbauen." Wichtig sei jedoch, dass das soziale Miteinander und das Gemeinschaftsgefühl erhalten bleibe.