Digitalisierung

Zum Meeting in den Park: Wie neue Technologien unseren Arbeitsalltag verbessern

11.6.2021, 05:55 Uhr
Statt im Konferenzraum sitzend, das Meeting mit den Kollegen spazierend und an der frischen Luft durchführen: Einen kleinen Teil unserer Arbeit in bewegtere Formen zu übertragen, hat viele Vorteile.

Statt im Konferenzraum sitzend, das Meeting mit den Kollegen spazierend und an der frischen Luft durchführen: Einen kleinen Teil unserer Arbeit in bewegtere Formen zu übertragen, hat viele Vorteile. © imago images/Danita Delimont, NN

Wir tippen, scrollen und (video-)telefonieren: Vom Schreibtisch bewegen wir uns während eines Arbeitstages in einem klassischen Büro-Job kaum weg, noch weniger nach draußen. Im Homeoffice ist das selten anders. Und das, obwohl vermutlich die meisten wissen, dass regelmäßige körperliche Aktivität für die Erhaltung unserer Gesundheit eine wichtige Rolle spielt.

Diese Tatsache jedenfalls ist alles andere als neu - und wird auch in den von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg 2016 herausgegebenen "Nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung“ bekräftigt, die in Gemeinschaft mit dem Bundesgesundheitsministerium entstanden sind.

Die Autoren empfehlen Erwachsenen eine wöchentliche Mindestaktivität von 150 Minuten in moderater Intensität, um die Gesundheit zu erhalten und zu fördern. Lange Zeiten des Sitzens sollten immer wieder aktiv unterbrochen werden. Innerhalb eines Arbeitstages kommt das häufig aber zu kurz. Die Gründe sind vielfältig, liegen aber vor allem an einem Faktor: unseren Arbeitsgeräten. Zwar sind wir mit Laptop und Handy mittlerweile mobil, das Sitzen aber bleibt uns in den meisten Fällen erhalten.

Der immer gleiche Arbeitsplatz

Albrecht Schmidt beschäftigt sich damit, wie neue Technologien den Arbeitsalltag bewegter und gesünder machen können.

Albrecht Schmidt beschäftigt sich damit, wie neue Technologien den Arbeitsalltag bewegter und gesünder machen können. © Joas Strecker

Albrecht Schmidt, der seit 2017 als Professor für Informatik am Lehrstuhl Human-Centered Ubiquitous Media an der Ludwig-Maxilimans-Universität (LMU) in München arbeitet, beschäftigt sich im Rahmen eines Forschungsprojekts mit dieser Thematik: "Wenn man einen Blick zurückwirft, ist es eigentlich absurd“, stellt er fest. "Der Schreibtisch wurde bereits vor mehreren Jahrhunderten, zum Beispiel im Kloster benutzt. Zum Schreiben und Lesen von Büchern, für die man gewissen Platz brauchte. Seitdem haben sich unsere Arbeitsgeräte so enorm verändert und weiterentwickelt, unser Arbeitsplatz selbst sich aber nur minimal.“ Das sei die Motivation seiner Forschung gewesen: zu überlegen, wie es neue Technologien ermöglichen können, auch außerhalb des Schreibtischs produktiv zu arbeiten, digitale Stressfaktoren zu reduzieren und den Arbeitsalltag damit zum Besseren zu verändern.


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Es klingt ein wenig paradox, wenn Schmidt, der sich vor allem mit dem Themenschwerpunkt Mensch-Computer-Interaktion beschäftigt, von zukünftigen Technologien spricht und gleichzeitig davon, einen Schritt zurückzumachen: Die Medaille der Digitalisierung, die das Arbeitsleben einfacher mache, habe zwei Seiten. Denn die intensive Nutzung digitaler Technologien könne uns auf lange Sicht schaden - körperlich wie mental. Wenn Bewegung, persönlicher Kontakt mit Kollegen oder Abwechslung zur immer gleichen Umgebung fehlen, führe das häufig zu einem verstärkten Stress-Empfinden bei Arbeitnehmern. "Wir müssen uns fragen, mit welchen Technologien sich beides verbinden lässt – die effiziente Verrichtung unserer Arbeit und die Wahrung unserer Gesundheit auf lange Sicht“, fasst Schmidt zusammen.

Mit einem Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den Fächern Psychologie, Medienwissenschaften und den Informatik-Bereichen der Mensch-Computer-Interaktion sowie der Künstlichen Intelligenz (KI) hat er zwei Hypothesen aufgestellt. Die eine: Der Stress rühre daher, dass bei der Berufsausübung im Büro und vor dem Computer Bewegung, Sonnenlicht, frische Luft und Abwechslung fehlten. Die andere: Durch das digitale Arbeiten werde der Arbeitsfortschritt und -erfolg weniger sichtbar, was wiederum Frustration und Stress auslösen könne.

Konferenz „to go“

Schmidts Team gehört seit 2019 zum bayerischen Forschungsverbund „ForDigitHealth“ und führt aktuell vor allem Studien zu sogenannten Walking Meetings durch: Konferenzen, die nicht im Büro vor dem Laptop sitzend, sondern gehend - an der frischen Luft - durchgeführt werden, zum Beispiel mit einem Kollegen oder am Telefon. "Bisher war der limitierende Faktor dafür die Tatsache, dass man sich während eines Meetings Notizen machen muss", erläutert Schmidt. "Aus Forschungsperspektive ist für uns sehr spannend, für welche Art von Meetings es funktioniert, wenn das Gespräch aufgenommen, automatisch transkribiert und anschließend zusammengefasst wird. So umgeht man das Problem, schriftlich mitnotieren zu müssen, kann sich auf das Gespräch selbst statt auf das Mitschreiben konzentrieren und ist zugleich in Bewegung.“ Mit dem Drücken eines Knopfes könne eine Situation im Gespräch markiert werden, um beim Lesen des Transkripts schnell zu diesem Moment springen zu können.


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Der Technik voraus

Noch ist die Technologie noch nicht so weit, Schmidt aber schätzt, dass sie in fünf bis sieben Jahren nutzbar sein wird: "Die Qualität von Spracheingabe, Transkription und auch das Vorlesen-Lassen auf Basis von KI-Methoden wird immer besser, im Englischen funktioniert das bereits ganz gut.“ Der Informatiker spinnt die Idee weiter: "Denkbar ist auch, dass unser Kalender uns dabei zukünftig unterstützt. Er erkennt, wenn ein eingetragener Termin beispielsweise ein Treffen mit dem Kollegen aus dem dritten Stock ist und schlägt uns nach einem Abgleich mit der aktuellen Wetterlage vor, diesen doch draußen spazierend durchzuführen.“ Wegen der aktuell noch fehlenden Technologie in diesem Bereich simulieren die Wissenschaftler die zukünftigen Methoden, indem eine Transkription manuell vorgenommen wird, oder sie entwickeln Anwendungen, die eine Simulation ermöglichen.

Das Erfolgsgefühl bleibt aus

Hinsichtlich der zweiten Hypothese - die fehlende Sichtbarkeit des Arbeitserfolgs - stellen Schmidt und sein Team einen Vergleich auf: Ein Schreiner beginnt am Morgen seine Arbeit mit einem Stück Holz, das er zu einem Stuhl verarbeiten möchte. Während des Prozesses fallen Späne, er sieht die Veränderung des Gegenstandes und hält nach einer gewissen Zeit das fertige Möbel in der Hand. "Der Arbeitserfolg in diesem Beispiel ist sicht- und greifbar“, erklärt Schmidt. "In den Berufen, in denen heute vorrangig digital gearbeitet wird, fehlt das physisch vorliegende Endergebnis. Das kann zu dem Gefühl führen, nichts geschafft zu haben und auf Dauer frustrieren.“


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Ein weiterer Fokus des Projekts liegt daher auf der Frage, wie Arbeitserfolge in digitalen Berufen sichtbarer gemacht werden können. Experimentiert wird mit Visualisierungen, die beispielsweise anzeigen, wie viel Kommunikationstext an einem Tag produziert wurde. Auch testet das Team die Wirkung von im Abstand von zehn Sekunden aufgenommenen Screenshots, die am Ende des Tages zu einem vierminütigen Stop-Motion-Film zusammengeschnitten werden und die verrichtete Arbeit so verbildlichen.

„Den Schreibtisch nicht ersetzen“

„Wir wissen noch nicht, was funktioniert“, fasst Schmidt zusammen. "Aber gerade da setzt unsere experimentelle Forschung an. Wir probieren verschiedene Sachen aus, bauen Technologien und führen Messungen mit Versuchspersonen durch, um herauszufinden, wie sich diese potenziellen Möglichkeiten auf die Nutzer auswirken.“ Es ginge auch nicht darum, den Schreibtisch gänzlich zu ersetzen, bekräftigt der Informatiker. "Unser Ziel ist es, einen kleinen Teil der Arbeit in neue, bewegtere Formen draußen zu übertragen. Unsere Vorstellung eines zukünftigen Arbeitsplatzes beinhaltet, dass dieser die mentale und körperliche Gesundheit unterstützt und der Job als etwas Angenehmes wahrgenommen wird: Dazu gehört eine mensch-gerechte Umgebung mit Bewegungsmöglichkeiten, Interaktion mit anderen Menschen und einem sichtbaren Arbeitserfolg.“

Die Nürnberger Nachrichten sind Medienpartner des Nürnberg Digital Festivals vom 9. bis 19. Juli. Alle Infos und das Programm gibt es unter nuernberg.digital

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