Letzte Ruhestätte der Juden

Zeckern: Ein Friedhof für die Ewigkeit

RESSORT: Lokales / Sonstiges..DATUM: 05.10.2016..FOTO: Roland Fengler..MOTIV: Mitarbeiterporträt / Mitarbeiterportrait: Jeanette Seitz..ANZAHL: 1 von 1..Veröffentlichung nur nach vorheriger Vereinbarung
Jeanette Seitz

Nordbayerische Nachrichten Herzogenaurach/Höchstadt

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6.11.2021, 10:20 Uhr
Ein Rundgang über den jüdischen Friedhof in Zeckern.

Ein Rundgang über den jüdischen Friedhof in Zeckern. © Jeanette Seitz, NN

Das schmiedeeiserne Tor schwingt lautlos auf. Es herrscht tiefe Stille, nur die Vögel zwitschern. Leise knirscht das Herbstlaub unter den Füßen. Vor dem Betrachter erstreckt sich ein rund 15 000 Quadratmeter großes Areal mit hohen Bäumen, dazwischen zahllose moosbewachsenen Grabsteine. 800 sind es an der Zahl, jedoch sind über 1500 Grabstellen zu verzeichnen. Angehörige von rund 60 Familien über mehrere Generationen hinweg sind hier beigesetzt. All das weiß Christiane Kolbet, die von Frühjahr bis Herbst Führungen über diesen und andere jüdische Friedhöfe anbietet.

Aus einem Umkreis von 25 Kilometern

Wir wenden uns zuerst dem südöstlichen, ältesten Teil des Gottesackers zu, der zum Weiher hin leicht abfällt. "Ab 1515 gab es Juden in Adelsdorf und Aisch, nachdem sie aus den markgräflichen Residenzstädten vertreiben worden waren", erläutert Kolbet. Ende des 16. Jahrhunderts war die Zahl der Juden so angestiegen, dass eine Synagoge und eben auch ein Friedhof vonnöten wurden. Also überließen die Dorfherren der jüdischen Gemeinde das Gelände bei Zeckern auf Pachtbasis. Aus einem Umkreis von 25 Kilometern wurden die Toten hierher gebracht, also beispielsweise auch aus Weisendorf, Mühlhausen oder Uehlfeld.

Der älteste Grabstein ist auf den 18.5.1600 datiert.

Der älteste Grabstein ist auf den 18.5.1600 datiert. © Jeanette Seitz, NN

Kolbet deutet auf den ältesten, noch zu entziffernden Grabstein. Frau Hendelen fand am 18.5.1600 hier ihre letzte Ruhestätte. Die Toten wurden in einem weißen Gewand direkt in die Erde gelegt, der Grabstein mit Blick nach Osten wurde erst ein Jahr nach dem Tod aufgestellt. Särge bürgerten sich erst im 18. Jahrhundert ein.

Areal gehört dem Landesverband

Freilich hat die jüdische Gemeinde das Areal irgendwann gekauft, heute gehört es dem Landesverband der israelitischen Kultusgemeinde in Bayern. Jedes Jahr stattet ein Vertreter des Landesverbands dem Friedhof in Zeckern einen Besuch ab und schaut nach dem Rechten, unter dem Jahr kümmert sich Familie Krause aus Hemhofen schon in der dritten Generation um das Areal.

Christiane Kolbet zeigt die interessantesten Grabsteine; hier den von Baile Marschütz, deren Urenkel Carl die Herkules-Fahrrad-Werke in Nürnberg gründete.

Christiane Kolbet zeigt die interessantesten Grabsteine; hier den von Baile Marschütz, deren Urenkel Carl die Herkules-Fahrrad-Werke in Nürnberg gründete. © Jeanette Seitz, NN

Christiane Kolbet läuft ein Stück weiter, zwischen Bäumen hindurch. "Früher war das freies Gelände, das Wäldchen ist erst später aufgegangen", erklärt sie. Dann macht sie Halt an einem Grabstein, der mehr Verzierungen aufweist als die anderen. Generell nämlich sehen sich die alten Grabsteine mit ihrer halbrunden Form sehr ähnlich. "Die gleichen Grabsteine symbolisieren, dass im Tod eben alle gleich sind", so Kolbet. Manche aber seien wohl doch "ein bisschen gleicher".

Eine Zierde der Familie

Dieser Grabstein gehört Baile Marschütz, die am 2.4.1847 mit 77 Jahren verstarb. Sie war die Tochter eines Rabbiners, ihr Mann war Kantor, sie hatte zehn Kinder und entsprach ganz dem Bild einer frommen jüdischen Frau. Kolbet: "Sie war ein angesehenes Mitglied, eine Zierde der Familie." Ihr Urenkel Carl Marschütz gründete später in Nürnberg die Herkules-Fahrrad-Werke.

Mit nur 21 Jahren starb Frieda Strauß 1903. Ihrer ist der auffälligste Grabstein.

Mit nur 21 Jahren starb Frieda Strauß 1903. Ihrer ist der auffälligste Grabstein. © Jeanette Seitz, NN

Der jüngste Teil des Friedhofs liegt im Nordwesten, der letzte Grabstein datiert auf Oktober 1936, die mutmaßlich letzte Beerdigung fand 1942 statt. Hier sind die Gräber etwas prunkvoller, oft im neogotischen Stil. In jüngeren Jahren reisten sogar Nachkommen der jüdischen Familien Rindsberg und Stühler aus den USA und Israel an, um die Gräber ihrer Vorfahren zu besuchen.

Abgebrochene Säule als Symbol

Christiane Kolbet deutet auf das wohl prachtvollste Grab. Ein auffälliger Grabstein in Form einer abgebrochenen Säule ragt in die Höhe. "Das soll einen frühen Tod symbolisieren", erklärt Kolbet. Denn hier liege Frieda Strauß, die Tochter eines Getreidehändlers, die mit nur 21 Jahren starb (1882-1903).

Ein Gedenkstein erinnert an die im Holocaust ermordeten Juden.

Ein Gedenkstein erinnert an die im Holocaust ermordeten Juden. © Jeanette Seitz, NN

Zum Abschluss des Rundgangs machen wir noch Halt an einem Gedenkstein, der 1998 errichtet wurde. 31 Namen sind darauf verzeichnet. "Dieser Stein erinnert an all die Adelsdorfer und Weisendorfer Juden, die hier ihre letzte Ruhestätte gefunden hätten, also alle, die im Holocaust deportiert und ermordet wurden, darunter sechs Kinder", erläutert Kolbet. Doch der jüdische Friedhof wird überdauern, denn in jüdischen Gemeinden werden die Gräber nicht irgendwann aufgelassen. "Ein Judenfriedhof ist für die Ewigkeit."

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