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Robert Böhm und sein Blindenhund Spike sind ein eingespieltes Team - 01.09.2017 20:26 Uhr

Robert Böhm und sein Blindenhund Spike — hier beim Freilauf — haben ein denkbar enges Verhältnis zueinander. © Foto: Diana Schmid


"Spike gibt mir ein Stück Lebensqualität zurück." Robert Böhm hat eine enge Beziehung zu seinem Blindenführhund Spike, der seit März 2015 bei ihm lebt. Das schnelle, entspannte Laufen spiele dabei eine große Rolle. An Tagen etwa, an denen die Gehwege mal wieder von Mülltonnen zugestellt sind. Spike führt ihn sicher drum herum. Mit einem Langstock — also ohne Hund — müsste der Halter erst aufs Hindernis stoßen, um es dann überwinden zu können. Mit Spike kann Böhm beides, sicher und entspannt unterwegs sein.

Robert Böhm, heute 50 Jahre alt, konnte bis zu seinem 23. Lebensjahr sehen. Der Größenwahnsinn beim Klettern hatte ihn allerdings getrieben. Er war nicht gesichert, damals, als er aus 21 Metern Höhe beim Walberla abstürzte. Vier Wochen im Koma folgten. Jeder Morgen in der neuen Lebenssituation ist von Bedeutung. Böhm zählt alle Tage mit, berichtet von seinem "Jubiläum". Dass er schon ganze 27 Jahre blind ist, also deutlich länger blind als sehend.

Die Unfallspätfolgen ließen ihn 2005 seinen Masseur-Beruf nicht mehr ausüben. Er ist auf den Hund gekommen. Sein erster Führhund "Frodo" hatte ein Hüftleiden, durfte nicht bleiben. Dann kam "Django", der sich jetzt im Ruhestand befindet und bei einer Familie in Berlin lebt. Bei Spike sei ein "Sofort-Draht" da gewesen. Der Labrador-Golden-Retriever-Mix ist heute vier Hundejahre alt. Beide sind eher der ruhige Typ.

Ein Führhund wird acht bis zwölf Monate lang ausgebildet. Anschließend folgt eine dreiwöchige Einarbeitung mit der blinden Person. Mit einem Vierbeiner an der Seite besteht eine ganz andere Möglichkeit der Fortbewegung. Mit Langstock war Böhm bis maximal Brusthöhe geschützt. Der Hund hingegen plant die Körperhöhe des Halters mit ein und weicht aus. Vor Treppen oder unüberwindbaren Hindernissen bleibt der Vierbeiner stehen. Die Kommunikation mit Spike läuft via Hör- oder Handzeichen. Der Hund reagiert auf italienische Hörzeichen, das sei vokalbetonter und Spike kriegt das besser mit. "Lampada such" bedeutet für Spike, dass er eine Ampel suchen soll.

Sich selbst beschreibt Böhm als "durchgeknallten Saxofonisten mit dem Wunsch nach mehr Ruhe". Innere Ruhe und Gelassenheit seien es, die Spike charakterisieren. Hund und Herrchen führen eine Fernbeziehung mit Partnern in Marburg. Außerdem eint die beiden ihre Vorliebe zum Laufen in der Natur.

Böhm hat auch Karriere gemacht: Er ist seit 2008 Referent für Führhund-Angelegenheiten für den Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund e. V. (BBSB). Beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband e. V. (DBSV) hatte er von 2011 bis März 2017 parallel das Amt des Bundessprechers inne. In dieser Zeit lernte er seine heutige Partnerin, ebenso blind, kennen. In "Malou", ihrer Blindenhündin, hat sich Spike verguckt.

"Spike hat das gelernt mit dem Führen, das macht er gerne." Ein Traumjob für den Hund, sagt Böhm. Die Rundumbedingungen stimmen: artgerechte Haltung, gutes Futter, Pflege. Viermal am Tag rausgehen, davon mindestens eine Stunde Freilauf. Spike darf dann einfach Hund sein, spielen, mit Artgenossen herumtollen. Böhm ist dabei ebenso gefordert: Gerade beim Freilaufen beschäftigt er sich aktiv mit dem Hund, macht Spiele, fordert ihn. Damit er weiß, wo der Hund ist, trägt dieser ein Glöckchen. Ist das anstrengend, der Freilauf mit dem Hund? "Es ist einfach schön. Und wir tun was zusammen."

Wenn ein Blindenhund im Dienst ist, trägt er ein Führgeschirr: einen Sattel, an dem ein Führbügel befestigt ist. Als Passant muss man dem Hund dann aus dem Weg gehen. Man darf ihn weder ansprechen noch anfassen oder füttern.

Der 50-Jährige spielt in einer Band, kümmert sich aktiv um Spike, pflegt seine Fernbeziehung. Auch blind klettert er noch, im abgesicherten Modus. "Sich selbst kann man verzeihen." Der Unfall bedeute keinen Abbruch von Lebenslust. Er wünscht sich, dass die Aufklärung in blinden und sehenden Kreisen besser wird. Deshalb engagiert er sich in Verbands- und Öffentlichkeitsarbeit. Erleben heißt für ihn orientieren. Mit Spike sind für ihn neue Wege vorstellbar.

DIANA SCHMID

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