Von 260 Weichen und harten Fakten rund um einen Bahnhof

27.6.2018, 18:32 Uhr
Das Tor zur Welt: Durch die drei Eingänge auf der Bahnhofsvorderseite (hier der zur Mittelhalle) strömen jeden Tag zigtausende Menschen.

Das Tor zur Welt: Durch die drei Eingänge auf der Bahnhofsvorderseite (hier der zur Mittelhalle) strömen jeden Tag zigtausende Menschen. © Martin Regner

Ganz begeistert von "ihrem Bahnhof" zeigt sich Claudia Gremer. Sie ist die Bahnhofsmanagerin und nicht nur dafür zuständig, dass am Nürnberger Hauptbahnhof alles rund läuft: Unter ihrer Obhut stehen noch 184 weitere Bahnstationen in ganz Mittelfranken. Claudia Gremers Helfer sitzen am Info-Schalter in der Bahnhofsmittelhalle und beraten Reisende, die ihren Anschlusszug verpasst haben, und Verzweifelte, die ihren Laptop mit der Doktorarbeit im Zug vergessen haben. Ab und zu stehen auch wirklich hilfsbedürftige Menschen am Info-Schalter, wie jener verwirrte ältere Herr, der einmal mitten in der Nacht gegen 23 Uhr in die Bahnhofsmittelhalle kam, und nach einem Friseur fragte. 

Hülya Ataseven: Hilft in allen Lebenslagen

"Man muss zuhören und versuchen, den Leuten Möglichkeiten anzubieten", sagt Hülya Ataseven. Die Beraterin am Info-Schalter hat ein offenes Ohr für alle möglichen und unmöglichen Notlagen der Bahnreisenden. © Martin Regner

An diese Begegnung kann sich Kundenberaterin Hülya Ataseven noch gut erinnern. "Da muss man Fingerspitzengefühl haben und auf die Details achten", meint sie. Der Mann, der da nachts um 23 Uhr vor ihr stand und zum Friseur wollte, hatte zum Beispiel kein Gepäck dabei und auch keinen Fahrschein für eine Bahnfahrt. Also sah sich Ataseven nicht nach einem Friseur auf Nachtschicht um, sondern danach, ob der Mann irgendwo von seiner Familie oder in einem Altersheim vermisst wurde. 

20.000 Quadratmeter Ladenfläche und 1800 Rangierfahrten am Tag - der Nürnberger Hauptbahnhof beeindruckt auch durch seine großen Zahlen.

20.000 Quadratmeter Ladenfläche und 1800 Rangierfahrten am Tag - der Nürnberger Hauptbahnhof beeindruckt auch durch seine großen Zahlen. © NN-Redaktionsservice

Ein anderer Kunde von Ataseven "hatte seinen Laptop mit der Doktorarbeit im ICE nach München liegen gelassen. Der hat gezittert und fast geweint. Da habe ich erst mal versucht, ihn zu beruhigen und ihm ein Glas Wasser angeboten." Ein Anruf von Ataseven beim Zugbegleiter im ICE löste das Problem des Doktoranden: Der nahm den Laptop an sich, der Kunde reiste seinem Laptop nach München hinterher und die Geschichte nahm ein gutes Ende. 

Vor Hülya Ataseven stehen aber auch oft genervte, frustierte oder einfach nur wütende Kunden. Kunden, die wegen einer Verspätung ihren letzten Anschlusszug nach Hause verpasst haben. Kunden, die einen dringenden Termin wie etwa ein Vorstellungsgespräch oder eine Prüfung nicht mehr erreichen. Oder Kunden, die einfach nur nicht lange warten, sondern schnell weiter wollen. Was macht man, wenn so jemand vor einem steht und nur noch am Schimpfen ist? "Ausreden lassen", sagt Ataseven: "Man muss zuhören und versuchen, den Leuten Möglichkeiten anzubieten. Wenn kein Zug mehr nach Hause fährt, bieten wir zum Beispiel Hotelübernachtungen oder Taxifahrten an. Am Ende sagen mir die Leute auch ganz oft: 'Sie können ja nichts dafür.' Dann haben sie den Dampf abgelassen." 

Und auch auf Menschen, die die deutsche Sprache nicht beherrschen, ist die Kundenberaterin vorbereitet: "Ich kann ein bisschen Französisch, Türkisch, Spanisch und Italienisch. So die Grundkenntnisse: Wann fährt ein Zug und auf welchem Gleis." Englisch bezeichnet Ataseven als "Grundvoraussetzung, um diesen Beruf zu machen." Und wenn alle Stricke reißen? Dann ruft sie auch mal auf die Schnelle eine private Freundin an, die perfekt Spanisch spricht, wenn ein Muttersprachler aus Spanien vor ihr steht und nicht weiter weiß. 

Norbert Kinsch: Behält den Überblick

Norbert Kinsch kennt jedes Gleis, jede Weiche und jede Zugbewegung. Als Fahrdienstleiter im Stellwerk behält er den Überblick darüber, was auf den Schienen los ist.

Norbert Kinsch kennt jedes Gleis, jede Weiche und jede Zugbewegung. Als Fahrdienstleiter im Stellwerk behält er den Überblick darüber, was auf den Schienen los ist. © Martin Regner

Mehr mit technischen als mit menschlichen Problemen beschäftigt sich Norbert Kinsch. Ihn bekommen die Reisenden im Gegensatz zu Hülya Ateseven auch kaum zu Gesicht: Kinsch sitzt hoch oben im vierten Stock des Zentralstellwerks, von dem aus der gesamte Zugverkehr im Bahnhofsbereich gesteuert wird. Und der ist größer, als man vermuten könnte: Aus Sicht des Stellwerkers ist der Nürnberger Hauptbahnhof rund vier Kilometer lang. Denn gemessen von der Mitte der Bahnsteige stehen die Einfahrtssignale für den Bahnhof jeweils rund zwei Kilometer west- und ostwärts. Auf den vier Kilometern dazwischen liegen unzählige Meter Gleis und 260 Weichen, die vom Stellwerk aus bedient werden. 

Den Überblick behält Norbert Kinsch dabei nicht nur dank eines großen Panoramafensters, das einen beeindruckenden Ausblick auf den gesamten Bahnhof gewährt. An einer breiten, grauen Wand vor ihm ist schematisch jedes Gleis, jede Weiche und jedes Signal verzeichnet. Kleine Lampen zeigen in gelb an, wo die einprogrammierten Fahrwege für die nächsten Züge durch den Bahnhof verlaufen. In rot leuchtet es an Stellen, wo gerade Züge unterwegs sind. "Die Lampen an der Schautafel brauche ich eigentlich aber gar nicht", meint Kinsch: "Die Zugstraßen habe ich alle im Kopf." 

Eine beeindruckende Leistung, schon in Anbetracht der nüchternen Zahlen: "Wir haben rund 1.000 Zugbewegungen am Tag", erklärt Kinsch. Dazu kommen noch einmal rund 1.800 Rangierfahrten. Das kann alles sein vom durchfahrenden Güterzug, dem Wechsel der Lok an einem Intercity bis zum Wenden einer S-Bahn, die dafür auf ein spezielles Wendegleis manövriert wird. Dass nicht jeder Zug an jeden Bahnsteig fahren kann, macht die Arbeit von Kinsch und seinen Kollegen im Stellwerk nicht einfacher: "Da kommt es zum Beispiel auf die Bahnsteiglänge an. Ein 400 Meter langer ICE kann nicht an einem Bahnsteig halten, der nur 200 Meter lang ist." Auch die Höhe der Bahnsteigkante über dem Gleis spielt eine Rolle, denn die verschiedenen Zug-Bauarten von der neuen S-Bahn bis zum alten Doppelstock-Waggon haben ganz unterschiedliche Ausstiegshöhen. 

Kevin Schätzlein: Sitzt an der Zugspitze

Das Leben von Kevin Schätzlein verläuft gewissermaßen

Das Leben von Kevin Schätzlein verläuft gewissermaßen "wie auf Schienen": Er ist Lokführer und steuert täglich sechs bis acht Züge in den Bahnhof hinein und wieder heraus. © Martin Regner

In den Stoßzeiten von 7 bis 9 und von 14 bis 17 Uhr dirigiert Norbert Kinsch ein paar hundert Züge durch den Bahnhof. Die Lokführer können nur dorthin fahren, wohin er und seine Kollegen die Weichen gestellt haben. Einer, dessen Weg an den Bahnsteig und von dort nach Roth, Ansbach und Forchheim auf diese Art quasi "von oben" vorgegeben wird, ist Kevin Schätzlein - seit 2016 Lokführer der Nürnberger S-Bahn. Obwohl er jeden Tag sechs bis acht Mal in den Nürnberger Hauptbahnhof hinein und anschließend wieder hinaus fährt, kommt bei Schätzlein keine Langeweile auf: "Das ist nie gleich. Jeder Tag ist anders: Mal regnet's, mal schneit's, mal fahren hinten Clubfans mit und dann wieder Besucher von der Bergkirchweih. Langweilig wird es mir da nie." 

Für Schätzlein ist der Nürnberger Hauptbahnhof aber nicht nur deswegen ein Mittelpunkt im Leben, weil er von hier zu seinen täglichen Dienstfahrten startet und zum Dienstschluss wieder hierhin zurück kehrt. In den Restaurants im Nürnberger Bahnhof isst er zu Mittag, in den Läden im Bahnhofsgebäude kauft er ein. "Man kann hier alles machen, was man braucht. Grad vorhin war ich bei der Post und habe ein paar Briefe aufgegeben." Und welchen Weg durch den Bahnhof nimmt eigentlich der Lokführer zu seinem Zug? "Der Lokführer läuft da durch, wo es den Kaffee gibt", meint Schätzlein lachend: "Also durch die Ost- oder die Westhalle."

Claudia Gremer: Hütet 185 fränkische Bahnhöfe

Regelrecht ins Schwärmen gerät Bahnhofsmanagerin Claudia Gremer, wenn man sie auf

Regelrecht ins Schwärmen gerät Bahnhofsmanagerin Claudia Gremer, wenn man sie auf "den größten und schönsten" Bahnhof ihres Zuständigkeitsbereichs anspricht. © Martin Regner

Dafür, dass ein Ansprechpartner für die auf rund 20.000 Quadratmetern im Bahnhofsgebäude untergebrachten Bäckereien, Läden und Restaurants da ist, sorgt Bahnhofsmanagerin Claudia Gremer. Außerdem dafür, dass die über 80 blauen, digitalen Anzeigetafeln in der Bahnhofshalle und an den Bahnsteigen funktionieren und immer die aktuellen Reiseinformationen zeigen. Dafür, dass der Info-Schalter in der Mittelhalle immer besetzt ist. Dafür, dass regelmäßig ein Sicherheitsdienst nach dem Rechten sieht und dafür, dass Reinigungskräfte die Bahnsteige und die Bahnhofshallen sauber halten. 

Auf der Bahnhofsrückseite, die sinnigerweise

Auf der Bahnhofsrückseite, die sinnigerweise "Hinterm Bahnhof" heißt, bietet sich dem Betrachter manches reizvolle Eisenbahn-Motiv. © Martin Regner

Der Nürnberger Hauptbahnhof ist die größte Bahnstation unter Gremers Obhut, aber nicht die einzige: Insgesamt kümmern sie und ihre Mitarbeiter sich um 185 Bahnhaltepunkte in Franken. Für den "größten und schönsten" schwärmt die Bahnhofsmanagerin mit sicht- und hörbarer Begeisterung: "Leidenschaft für meinen Bahnhof entwickle ich, wenn ich sehe, wie viele Menschen hier unterwegs sind. Oder wenn mich einer im Aufzug anlächelt. Wenn ich jemandem helfen kann, den Koffer die Treppe runter zu tragen." Manche Menschen kämen auch gar nicht in den Bahnhof, weil sie wohin fahren wollen: "Die brauchen einen Ort, wo sie nicht alleine sind. Bahnhöfe sind Orte, wo sich Menschen treffen, wo sich Menschen begegnen, wo sich Menschen austauschen." 

Start und Ziel seit dem 19. Jahrhundert

Mit seinen 26 Gleisen und 22 Bahnsteigen, die an der breitesten Stelle parallel im Nürnberger Hauptbahnhof liegen, gehört er zu den größten Durchgangsbahnhöfen in Europa.

Mit seinen 26 Gleisen und 22 Bahnsteigen, die an der breitesten Stelle parallel im Nürnberger Hauptbahnhof liegen, gehört er zu den größten Durchgangsbahnhöfen in Europa. © Martin Regner

Ein zentraler Treffpunkt und Start und Ziel vieler Reisen ist der Nürnberger Hauptbahnhof nicht erst seit gestern: Schon in den 1840er-Jahren entstand an der Stelle, an der heute das Empfangsgebäude steht, ein Bahnhof. Am Ende des Zweiten Weltkriegs legten alliierte Bombenangriffe den Nürnberger Hauptbahnhof in Schutt und Asche. Der Wiederaufbau konnte Mitte der 1950er-Jahre abgeschlossen werden. In den 1970ern erreichte die U-Bahn erstmal das Bahnhofsgebäude, dazu fanden umfangreiche Arbeiten unter den Bahnhofshallen statt. Bei einem großangelegten Umbau rund um die Jahrtausendwende erhielt der Bahnhof sein heutiges, helles und lichtdurchflutetes Gesicht. Bei dieser Gelegenheit schuf die Künstlerin Iris Rauh drei bunte Wandmosaike mit den Titeln "Verbindung der Nationen”, “Bewegende Zeitreise” und "Zugkunft – Peters Traum”. 

In Nürnberg enden die Bahnlinien von Würzburg und von Bamberg (die sich schon in Fürth treffen), von Ansbach und von Roth. Deren Gleise führen von Westen her in den Nürnberger Hauptbahnhof. Im Osten münden die Bahnstrecken von Bayreuth, Weiden in der Oberpfalz, Schwandorf, Regensburg und München in den Nürnberger Hauptbahnhof. Insgesamt verlaufen parallel 26 Gleise im Nürnberger Hauptbahnhof, damit ist er gemessen an dieser Zahl einer der größten in Europa. 

Wo der Nürnberger Hauptbahnhof zu finden ist

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