Samstag, 14.12.2019

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Eine Chance, absoluter Kitsch oder Gigantomanie?

Was ist von der bei Wassertrüdingen geplanten Christus-Statue zu halten? Meinungen aus Politik und Kirche - 07.03.2009

55 Meter hoch soll die Christus-Statue bei Wassertrüdingen werden. © dpa/Matejka


«Nachhaltigkeit bedeutet, große Visionen für Wassertrüdingen vor Augen zu haben und im Rahmen unserer Möglichkeiten kleine Schritte in die richtige Richtung zu setzen.» Dieser Leitsatz findet sich auf der Internet-Homepage der Stadt Wassertrüdingen unter der Begrüßung von Bürgermeister Günther Babel (CSU). Babel sieht in dem Projekt eine Chance, Wassertrüdingen überregional bekannt zu machen. Er sieht Synergieeffekte für die Belebung der Altstadt und erhofft sich mehr Tourimus und ortsnahe Arbeitsplätze. Außerdem müssten sich Christen beim Bau von Monumenten nicht hintanstellen, so Babel in der Fränkischen Landeszeitung.

Interessant in diesem Zusammenhang: Babel hat auch die Planungen für ein großes Center-Parc-Feriendorf bei Wassertrüdingen sehr positiv kommentiert. Der Wassertrüdinger Bürgermeister sieht auch hier «Synergieeffekte» für seine Stadt, wenn, wie geplant, auf 150 Hektar Fläche nördlich von Wassertrüdingen rund 800 Ferienhäuser und zentrale Einrichtungen wie Schwimmbäder, Restaurants, ein Wasserpark und ein Wellenbad gebaut werden sollten.

Monika Breit (CSU), 2. Bürgermeisterin von Wassertrüdingen: Das Projekt «war mir von Anfang an wirklich nicht sympathisch».

Philipp Gutmann, CSU-Stadtrat: Die Entscheidung im Stadtrat sei «all zu schnell» getroffen worden. Bisher sei das Projekt «viel zu hektisch und euphorisch» begleitet worden. Nun brauche es Mut, die Entscheidung «noch einmal besonnen zu überdenken». Er lehne es ab.

Theo Mitskolavas, Vorsitzender der Werbegemeinschaft in Wassertrüdingen: Das Gewerbe sei «Feuer und Flamme» für das «zukunftsweisende Projekt» und hoffe auf eine wirtschaftliche Belebung.

Das katholische Bistum Eichstätt hält dagegen nichts von dem Plan. Das Christusbild stütze sich nicht auf solche monumentalen Statuen, sondern auf den gelebten Glauben, sagte Generalvikar Johann Limbacher. Der Glaube zeige sich durch das Zeugnis im Alltag wie etwa durch tätige Nächstenliebe. Limbacher verwies auch auf die Erzdiözese München-Freising. Diese hatte im Sommer 2008 abgelehnt, dass dieselben Organisatoren die Mega-Statue auf dem 1614 Meter hohen Predigtstuhl bei Bad Reichenhall errichten. Der für die Tourismusseelsorge zuständige Referent des Erzbistums, Domkapitular Josef Obermaier, hatte damals die Statue als zu riesig für die bayerische Gebirgslandschaft bezeichnet. Stattdessen schlug er vor, besser das heimische Brauchtum zu stärken. Außerdem wurde den Initiatoren vorgehalten, ihr Vorhaben sei vorwiegend kommerziellen Interessen geschuldet. Eichstätts Bischof Gregor Maria Hanke wollte sich selbst nicht zu dem Thema äußern.

Dr. Christian Löhr, katholischer Pfarrer von Wassertrüdingen und kath. Dekan des Dekanates Herrieden: «Das Projekt scheint mir kurz vor dem Abgrund zu stehen. Um es vor diesem Fall zu bewahren, müsste aus meiner Sicht eine breite Öffentlichkeit überzeugend den religiösen ,Mehrwert’ einer solchen Christusstatue darlegen. Als Christen können und werden wir keine Zustimmung zu einem Missbrauch Jesu Christi für kommerziell/touristische Zwecke geben. Das Projekt kann wohl nur gerettet werden, wenn ein dezidiert religiös motivierter Ruck durch die Stadt geht, mit dieser Christusfigur und ihrer späteren Betreibung ein unübersehbares Glaubenszeugnis für Jesus Christus abzulegen.»

Johannes Friedrich, Landesbischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern: «Es ist gute Sitte in der evangelischen Kirche, dass alle Dinge, die vor Ort von den dort zuständigen Gremien entschieden werden können, auch dort entschieden werden. Dass der Landesbischof der oberste Wächter der Kirche ist, der sagt: so geht’s und so geht’s nicht, ist nicht evangelisch. Deswegen meine ich, dass das keine Frage ist, bei der der Landesbischof gefordert ist. Da müssen sich der Dekanatsausschuss in Wassertrüdigen, der Dekan und gegebenenfalls noch der Regionalbischof damit beschäftigen. Das tun sie auch, das haben wir auch so abgesprochen. Die werden ihre Fragen daran stellen und ihre Bedenken gegebenenfalls äußern, wenn welche da sind. Ich denke, das ist dort auf der richtigen Ebene gut angesiedelt und es nicht nötig ist, dass der Landesbischof dazu Stellung nimmt.»

Hermann Rummel, erster Pfarrer und evangelischer Dekan von Wassertrüdingen, in der Fränkischen Landeszeitung: «Wir wollen die Sache kritisch begleiten, stellen uns aber nicht in den Weg.» Die Entscheidung liege bei der Stadt. Die Stadtentwicklung könne sicher von dem Projekt profitieren. Allerdings stelle sich die Frage, ob die Statue zu monströs sei und in dieser Hinsicht dem Grundverständnis der evangelischen Kirche widerspreche. Aus theologischer Sicht spreche aber nichts gegen das Projekt.

Pfarrer Gunther Reese (Mönchsroth), regionaler Kunstbeauftragter der evangelischen Kirche: Die Statue sei «absoluter künstlerischer Kitsch». «Sie vermittelt ein völlig absurdes Christusbild, das mit protestantischer Identität absolut nichts zu tun hat.» Wassertrüdingen würde zur «Lachnummer der Nation» werden. Er appelliert an den Wassertrüdinger Stadtrat und den Bürgermeister, «uns vor dieser Imagekatastrophe zu bewahren».

Bernd Reuter, Leiter des Evangelischen Bildungszentrums auf dem Hesselberg: «Ich bin gegen jede Gigantomanie. Und in unsere Gegend passt so eine Figur schon gar nicht.»

Olaf Seifert, Geschäftsführer des Tourismusverbandes Franken: «Bisher liegen uns keine Details zu dem Projekt vor. Eine Bewertung eventueller touristischer Effekte ist daher zur Zeit nicht möglich. Unabhängig hiervon wären für nachhaltige touristische Impulse (Steigerung der Tourismuszahlen) sicherlich flankierende Maßnahmen erforderlich.»

Dr. Andrea Kluxen, Bezirksheimatpflegerin: «Ich habe leider keine rechtlichen Mittel, um das Projekt zu verhindern. Als Bezirksheimatpflegerin kann ich nur argumentieren, überzeugen und an den gesunden Menschenverstand appellieren.» Sie habe zwar Verständnis, dass der Wassertrüdinger Bürgermeister vor dem Hintergrund des demografischen Wandels versucht, die Attraktivität seiner Stadt zu steigern, aber dennoch könne sie das Projekt nicht akzeptieren. «Ich glaube, dass sanfter Tourimus langfristig nachhaltiger wirkt.» In die fränkische Region gehörten Kappellen und Flurdenkmale, aber nicht Figuren monströsen Ausmaßes.

Initiator Harry Vossberg: Er hält Wassertrüdingen für den idealen Standort für die Christus-Statue; dabei verweist er auf die Nähe zum Fränkischen Seenland, den Limes und die Center-Parc-Pläne. «Ich bin angenehm überrascht, was sich in Mittelfranken tut.»

Gerhard Wägemann, CSU-Landtagsabgeordneter: «Meine momentane Sicht: Meines Erachtens muss zuerst klar sein, ob die örtliche Bevölkerung das Projekt, das ja aus zwei Bestandteilen besteht (der Statue und dem Hotel) tatsächlich haben will. Nur wenn es von einer breiten Mehrheit getragen wird, sollte es weiter verfolgt werden. Zudem ist mir auch die Meinung der beiden großen christlichen Konfessionen wichtig. Der Freistaat und der Landtag ist in der jetzigen Situation nicht – oder noch nicht – gefragt. Aus rein wirtschaftlichen Gründen wäre das Projekt – sofern beide Teile verwirklicht werden – sicher sinnvoll. Es sollte aber nicht ausschließlich wirtschaftlich betrachtet werden.»

Christa Naaß, SPD-Landtagsabgeordnete: «Ich persönlich meine, dass wir schon schauen müssen, wie wir ein strukturschwaches Gebiet wie West-Mittelfranken attraktiver machen können. Aber dabei muss man schon aufpassen, dass das, was angeboten wird, in die Region passt. Ich finde, eine so überdimensionierte Statue passt nicht in diese Region. Ganz grundsätzlich behagt mir auch nicht, dass Christus in dieser Form dargestellt werden soll. Anders verhält es sich meiner Meinung nach mit den Center-Parc-Planungen, wenn die Umwelt- und Raumordnungsprobleme gelöst sind.»

Renate Ackermann, Landtagsabgeordnete der Grünen: «Die Statue passt in die Landschaft wie die Faust aufs Auge.» Sie würde das Landschaftsbild «dauerhaft zerstören».

SPD-Bundestagskandidatin Helga Koch zufolge entbehre das Projekt historischer Wurzeln, außerdem sei die Finanzierung unklar.

NZ

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