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Erdbeergeschmack durch Schimmelpilze und Holzspäne

Aromastoffe aus dem Labor: Mehr Klarheit bei der Kennzeichnung von Lebensmitteln — Einfluss auf Geschmacksempfinden - 23.02.2011 07:20 Uhr

Beim Einkauf von Lebensmitteln sollte man die Zutatenliste genau lesen. © Michael Matejka


Frau Wöbking, seit Ende Januar dürfen die Hersteller die Bezeichnung „naturidentisches Aroma“ nicht mehr verwenden. Was steckt dahinter?

Anke Wöbking: Die Lebensmittelindustrie bewarb bislang Aromen in ihren Produkten als „naturidentisch“; der Begriff hat oftmals für Verwirrung gesorgt. Denn es handelt sich dabei um Aromen, die zwar in der Natur vorkommen, die aber lediglich synthetisch im Labor nachgebaut werden.

Und was steht jetzt auf den Verpackungen?

Ökotrophologin Anke Wöbking berät bei der Verbraucherzentrale.


Wöbking: Die „naturidentischen Aromastoffe“ und die „künstlichen Aromastoffe“ — das sind im Labor erfundene Aromen ohne Verwendung von natürlichen Ausgangsstoffen — laufen fortan unter der Kategorie „Aroma“. Und so stehen beispielsweise bei einem Fruchtjoghurt „Aroma“ oder „Erdbeeraroma“ auf der Verpackung.

Bleiben wir beim Erbeerjoghurt: Wie wird der Geschmack hergestellt?

Wöbking: Beim Erdbeeraroma handelt es sich um einen chemisch definierten Stoff. Wenn „natürliches Aroma“ auf der Verpackung steht, bedeutet das jedoch nicht, dass es von Früchten stammt, sondern dass es sich lediglich um natürliche Ausgangsstoffe handelt. Der Erdbeergeschmack wird vielmehr mit Hilfe von Schimmelpilzkulturen und Holzspänen produziert. Bei der Bezeichnung „natürliches Erdbeeraroma“ weiß der Verbraucher, dass zur Herstellung des Aromas tatsächlich Erdbeeren verwendet wurden.

Und wie viel?

Wöbking: Bei einer Fruchtzubereitung ist der Erdbeeranteil minimal, deshalb wird mit billigen Aromen und viel Zucker nachgeholfen. Bei hochwertigen Joghurts steht die tatsächliche Fruchtmenge auf der Verpackung. Es gibt wenige Anbieter — in der Regel aus der Bio-Branche —, die ganz auf Aromazusätze verzichten. Das spiegelt sich natürlich im Preis wider. Ein Rechenbeispiel von meinen Hamburger Kollegen: Mit Himbeeraroma für sechs Cent können 100 Kilogramm Joghurt aromatisiert werden. Echte Himbeeren würden mit rund 30 Euro zu Buche schlagen. Das gilt auch für Vanilleschote im Vanille-Eis — hier setzen die Hersteller in den meisten Fällen ebenfalls auf billige Aromen.

Welche Folgen hat der zunehmende Einsatz von Aromen?

Wöbking: Sie gelten als appetitanregend, eine Folge kann also Übergewicht sein. Oft sind Lebensmittel überaromatisiert, das hat Einfluss auf unser Geschmacksempfinden. Naturbelassenes schmeckt insbesondere Kindern nicht mehr. Auch fehlen wertvolle Bestandteile: Erdbeeraroma aus dem Labor verfügt natürlich über keine Vitamine.

Worin befinden sich überall Aromastoffe?

Wöbking: Die Palette ist groß. Vordergründig befinden sie sich in verarbeiteten Lebensmitteln — von Schokolade und anderen Süßigkeiten über Energydrinks und Fertiggerichten.

Wie können Verbraucher solche Täuschungen umgehen?

Wöbking: Indem sie möglichst unverarbeitete Lebensmittel kaufen, sich beispielsweise einen Fruchtjoghurt oder eine Bananenmilch selbst herstellen, und auf die Bio-Branche setzen.

Worauf sollten Nürnberger beim Einkauf von Lebensmitteln achten?

Wöbking: Frei nach dem Motto „Nicht überall, wo Früchte drauf sind, sind auch Früchte drin“ sollten sie nicht den Abbildungen auf der Verpackung trauen, sondern lieber die Zutatenliste genau studieren. Hierbei gilt: Die erstgenannte Zutat ist mengenmäßig am meisten enthalten. Leider ist das häufig — vor allem bei Fertigprodukten— Zucker. 

Claudia Beyer E-Mail

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