Das Museum Industriekultur vor dem Umbau

Alles muss raus! Und vieles wird anders

18.10.2023, 13:42 Uhr
Prototyp eines e-Porsche, 2009

© Erika Moisan Prototyp eines e-Porsche, 2009

Seit Anfang des Jahres die Mittel für die Sanierung des Museums Industriekultur freigegeben wurden, ist die Hölle los. „Es war früh klar, dass wir das Museum ausräumen müssen: Für die Sprinkleranlage müssen Rohre verlegt werden und es wird mit Wasser hantiert, außerdem entsteht beim Bauen immer Staub“, erklärt Museumsleiterin Monika Dreykorn. Das bedeutet: 6000 Quadratmeter und zehntausend(e) Ausstellungsobjekte ziehen um.

Ihr Team organisiert seit Monaten parallel zum Museumsbetrieb und der Begleitung der Bauplanung – auch Türen und Fluchtwege müssen angepasst werden – den Umzug. Was kann im Museum bleiben? Wer packt? Welche Umzugsunternehmen werden beauftragt? Wo findet sich ein geeignetes Depot? Was passiert mit den Dauerleihgaben?

Für letztere beispielsweise müssen alle Leihgeber, und das sind viele, angeschrieben werden. Ohne ihr Einverständnis darf nichts bewegt werden. Andere Baustellen sind, ganz buchstäblich, größer: Die MAN Tandem-Dampfmaschine mit ihren hundert Tonnen Gewicht verbleibt im Museum, der ehemaligen Schraubenfabrik des Eisenwalzwerks Julius Tafel, und muss eingehaust werden. Auch die Druckwerkstatt mit den historischen Pressen und unzähligen Setzkästen muss abgedichtet und gesichert werden.

Dann gibt es Exponate wie die Litfaßsäule im Eingang, „eine echte Nürnbergerin“, die geschätzt vier bis sechs Tonnen wiegt, 3,50 Meter hoch ist und zum Transport umgelegt werden muss. Oder die Planeta-Druckmaschine, ebenfalls kein Leichtgewicht, deren empfindliches Planetengetriebe beim Transport in der Waage bleiben sollte. Und natürlich die Einrichtungen des Kolonialwaren-Ladens, der Fahrradwerkstatt und des Friseurgeschäfts mit all ihren Einzelteilen und -teilchen von der Keksdose über die Fahrradklingel bis zur Haarklemme.

„Die Ladeneinrichtungen werden wir selbst einpacken, und wir transportieren einiges vorab“, berichtet Monika Dreykorn. Dinge wie das unscheinbare Notbrot, 1915 im Ersten Weltkrieg gebacken und inzwischen beinahe versteinert, die unwiederbringlich sind. Oder wie das Volksfestmodell, das besonders fragil ist. Alles andere wird von Kunstspeditionen verpackt und in luftgefederten Lkw transportiert, robustere Gegenstände werden von normalen Transportunternehmen bewegt, deren Arbeiter von Museumsmitarbeitern geschult und begleitet werden. Ein Depot ist nach langer Suche – auch hier müssen Sicherheit und klimatische Bedingungen stimmen – gefunden worden. So dass „der rasante Ritt“ des Umzugs Ende November, Anfang Dezember beginnen kann.

Parallel dazu überlegen Monika Dreykorn und ihre Mitarbeiter, wie das 1988 eröffnete Museum Industriekultur neuen Schwung gewinnt. Zwar wurde die Dauerausstellung immer wieder erweitert, doch manche Einheiten sind noch im Urzustand. Es gibt keine einheitliche Beschriftung und vor allem keine englische Übersetzung. Die erzählte Zeit endet Anfang der 2000er Jahre und seither hat sich viel getan in der Arbeits- und Lebenswelt.

Ein Grobkonzept liegt vor, nach dem Umzug soll es mit Vollgas an die Verfeinerung gehen. „Wir wollen die Ausstellung in die Jetzt-Zeit fortschreiben“, erklärt Dreykorn. Sie soll „mehr Nürnberg“ bieten und die Auswirkungen der Industrialisierung auf die Menschen stärker thematisieren. „Zusätzlich zur baulichen Maßnahme entwickeln wir einen neuen roten Faden, der spannend und erlebnisorientiert sein wird“, sagt sie. Zum Neuen gehören beispielsweise ein großer Eingangsraum, der Besucherinnen und Besucher auf das Museum und seine Facetten einstimmt, und ein interaktives Forum mit Fragen am Ende des Rundgangs. „Wir lassen aber auch viel, weil es großartig ist und gut funktioniert.“ Niemand muss fürchten, dass Schätze wie die Arbeiterwohnung oder das Historische Klassenzimmer verschwinden. Aber es wird ausgewählt und nicht mehr jedes Rad und jedes Motorrad wird nach dem Umzug dauerhaft zurück ins Museum kommen. Die wertvollen Maschinen ruhen dann im Depot und werden nach Dreykorns Vorstellung bei Sonderausstellungen einen attraktiven Rahmen und gebührende Beachtung finden.

https://museum-industriekultur.de

Nürnberger Litfaßsäule, Herstellter: MAN, ca. 1905.

Nürnberger Litfaßsäule, Herstellter: MAN, ca. 1905. © Erika Moisan

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