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Donnerstag, 03.12.2020

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Auf den Spuren historischer Grenzen

Interview mit Hobbyforscher Jürgen Nickel - 29.04.2020 19:23 Uhr

Einer der Steine, den Jürgen Nickel ausfindig machte, ist der Hohenzollern-Grenzstein in Puschendorf. Er steht bereits unter Denkmalschutz.

29.04.2020 © Foto: Jürgen Nickel


Herr Nickel, woher kommt Ihr leidenschaftliches Interesse an Grenzsteinen?

Jürgen Nickel: Bei einem Waldspaziergang in Schillingsfürst bin ich im wörtlichen Sinne über einen Grenzstein gestolpert. Mich interessierte, was die Buchstaben darauf zu bedeuten haben. So fing es an. Ich recherchierte, begann, eine Internetseite zu veröffentlichen, und fand immer tiefer in das Thema.

Aktuell suchen Sie nach den Marksteinen der Hohenzollern in Franken. Aber das ist nicht Ihre erste Grenze, der Sie nachspüren. Dazu haben Sie den Verein "Projekt Historische Grenze" gegründet. Welche anderen Grenzverläufe haben Sie schon nachvollziehen können?

Nickel: Die Preußensteine im Fichtelgebirge, die 1803 die Grenze zwischen dem Königreich Preußen und dem Fürstentum Pfalz Baiern markierten. Die Lage der 183 Steine entspricht heute fast noch genau dem Grenzverlauf zwischen Oberfranken und der Oberpfalz. Oder die Fraischsteine bei Obertrubach im heutigen Landkreis Forchheim. Davon sind noch 16 erhalten. Sie markierten zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Grenze zwischen der Freien Reichsstadt Nürnberg und dem Hochstift Bamberg. Fraisch steht für den Hinweis, welcher Herrscher hier die Blutgerichtsbarkeit ausüben durfte.

Jürgen C. Nickel lebt in Zirndorf. Schon als Schüler hat er sich für Geschichte interessiert, insbesondere für die Zeit vor 1806, als es noch das sogenannte Heilige Römische Reich Deutscher Nation gab. Der 55-Jährige hat den Verein Historische Grenze 2015 gegründet. Von Beruf ist er Diplom-Verwaltungswirt.

29.04.2020 © Foto: privat


 Wie muss man sich das ganz praktisch vorstellen? Laufen Sie mit Spaten und Hacke durch den Wald und graben nach Steinen?

Nickel: Nein, als Ausrüstung genügt ein Smartphone, und ich brauche eine Internetverbindung. Zuhause recherchiere ich mögliche Positionen der Grenzsteine und trage sie in unserer Internet-Karte ein. Dann suchen wir die Standorte mit den entsprechenden Geodaten. Meist bin ich am Wochenende mit meiner Partnerin unterwegs, an Stellen, an denen wir den Verlauf einer historischen Grenze vermuten. Graben müssen wir nicht. Auch nach teilweise bis zu 500 Jahren sind die Steine noch gut sichtbar, teils markieren sie auch noch heute gültige Grenzverläufe. Wenn sie versetzt wurden oder irgendwo verbaut, dann wird es schwierig. Sehr wichtig ist es dann, mit Ortskundigen zu reden, sie geben oft wertvolle Hinweise.

Und wie weit sind Sie mit den Hohenzollern gekommen?

Nickel: Hier ist die Quellenlage schwierig. Bei vielen Grenzsteinen gibt es ein Setzungsprotokoll. Zu den Hohenzollernsteinen habe ich aber noch keine gefunden. Allerdings ist das Staatsarchiv Nürnberg wegen Renovierungsarbeiten geschlossen, so dass ich dort nicht recherchieren konnte. Auskünfte aus dem Archiv des Hauses Hohenzollern habe ich angefordert, aber nie eine Antwort bekommen. Es gibt aber historische Karten der Vermessungsämter, die man einsehen kann und die eine Orientierung möglich machen. 20 bis 25 Steine der rund 85 Kilometer langen Grenze haben wir gefunden.

Der Verein Historische Grenze

Wie verlief die Grenze?

Nickel: Sie beginnt beim Vacher Schloss, danach führt sie durch die Landkreise Fürth, Erlangen-Höchstadt und Neustadt/Aisch und endet in Windelsbach im heutigen Landkreis Ansbach. Sie ist jedoch mehrfach unterbrochen.

Wieso das?

Nickel: Ganz einfach, es kamen immer wieder andere Herrschaftsgebiete dazwischen, beispielsweise bei Wilhermsdorf, wo die Reichsritter von Seckendorff ihren Machtbereich hatten.

Woher kennen sie das Alter der Steine, wenn darüber nichts aufgezeichnet ist?

Nickel: Das lässt sich an der Art der eingeschlagenen Zeichen erkennen. Bestimmte Schreibweisen lassen sich bestimmten Zeiten zuordnen, beispielsweise die Ziffer 2 sah um das Jahr 1600 wie ein Z aus. Weitere Hinweise sind die Ortsbezeichnungen. Auf den Hohenzollernsteinen steht BO für Brandenburg-Onolzbach, heute Ansbach, und BC für Brandenburg Culmbach. 1604 wurde der Herrschaftssitz nach Bayreuth verlegt und der Name entsprechend geändert.

Sie sind so eine Art Schatzsucher. Was machen Sie, wenn Sie einen Stein entdeckt haben?

Nickel: Ich melde das dem zuständigen Mitarbeiter beim Landesamt für Denkmalpflege. Dazu liefere ich den historischen Hintergrund und was durch die Archive belegt werden kann. Fast immer werden die Steine unter Denkmalschutz gestellt.

Welchem Stein sind Sie aktuell auf der Spur?

Nickel: Im Vacher Schloss soll ein alter Grenzstein ausgestellt sein. Die Nummer 1 in dieser Linie, der aber aktuell vermisst wird. Ob das richtig ist, konnte ich noch nicht herausfinden.

 

Info: Wer an dem Thema interessiert ist, kann sich unter www.historische-grenze.de informieren und Jürgen Nickel bei seinen Recherchen unterstützen. Wer einen Stein kennt, kann das unter der Mail-Adresse projekt@historische-grenze.de melden.

 

INTERVIEW: BEATE DIETZ

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