Mit Hightech-Ausrüstung im Forst

Auf streng geheimer Mission: So wird Bayerns Wald vermessen

RESSORT: Lokales / Sonstiges..DATUM: 31.08.16..FOTO: Michael Matejka ..MOTIV: Mitarbeiterporträt: Martin Müller..ANZAHL: 1 von 1..Veröffentlichung nur nach vorheriger Vereinbarung
Martin Müller

Redaktion Metropolregion Nürnberg und Bayern

E-Mail zur Autorenseite

Mehr als ein Jahr lang sind Rainer Fuchs (links) und Dirk Wahl Tag für Tag im Wald unterwegs, um Daten über Bayerns Forst zu erfassen. Hier messen sie den Durchmesser einer Kiefer in einem Privatwald bei Cadolzburg. Das Maßband ist natürlich nicht Hightech, wohl aber GPS-Empfänger und Ultraschall-Höhenmessgerät.

Mehr als ein Jahr lang sind Rainer Fuchs (links) und Dirk Wahl Tag für Tag im Wald unterwegs, um Daten über Bayerns Forst zu erfassen. Hier messen sie den Durchmesser einer Kiefer in einem Privatwald bei Cadolzburg. Das Maßband ist natürlich nicht Hightech, wohl aber GPS-Empfänger und Ultraschall-Höhenmessgerät. © Martin Müller

Wie die Schatzsucher streifen Rainer Fuchs und Dirk Wahl durch den Wald bei Cadolzburg. Im Gepäck: Hightech-Geräte, die jeden Geocacher neidisch machen würden. Doch ihr Ziel ist nicht wie bei der GPS-Schnitzeljagd ein Behälter mit wertlosen Tauschgegenständen. Ihr Ziel ist einer von knapp 8000 Inventurpunkten für die Bundeswaldinventur.

Waldbesitzer dürfen nichts wissen

Fuchs und Wahl sollen gemeinsam mit sechs anderen Trupps der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) Bayerns Wald vermessen. Wo sie dies tun, ist streng geheim. Kein Waldbesitzer darf wissen, wo genau die Eisen vergraben sind, die die Inventurpunkte kennzeichnen.

„Sonst könnte es sein, dass sie an dieser Stelle entweder gar nichts mehr machen – oder eben etwas ganz Besonderes, was sie sonst nicht tun würden“, verdeutlicht Landesinventurleiter Wolfgang Stöger. Das würde das Ergebnis verfälschen.

Die Bundeswaldinventur soll möglichst genau zeigen, wie sich Holzvorrat, Baumartenzusammensetzung, Anteile von Totholz und Biotopbäumen oder forstlich bedeutsame Arten wie Adlerfarn, Brennnessel, Heidel- oder Brombeere entwickelt haben. Die Ergebnisse sollen danach einen guten Überblick nicht nur für Deutschland, sondern auch für Bayern oder Wuchsgebiete wie etwa Spessart, Steigerwald oder Frankenwald geben. „Nur für einzelne Gemeinden haben die Ergebnisse durch eine Handvoll Messpunkte keine Aussagekraft“, betont Stöger.

1,6 Milliarden Bäume in Bayern

Alle zehn Jahre wird eine solche Inventur durchgeführt. Die letzte Inventur hat ergeben, dass etwa 987 Millionen Kubikmeter Holz mit 1,6 Milliarden Bäumen aus der oberen Baumschicht in Bayerns Wäldern steht. Der Holzvorrat im Freistaat ist seit Jahrzehnten stetig gewachsen, ebenso wie die Waldfläche (zuletzt waren es 2,6 Millionen Hektar, 7400 Hektar mehr als bei der vorherigen Inventur).

„Es wird viel spekuliert über den Zustand des Waldes und die Folgen des Klimawandels. Wir erfassen die Fakten und können danach ganz genau sagen, wie sich der Wald entwickelt hat“, betont Stöger. Strenge Vorgaben haben die Mitarbeiter beim Eingeben von rund 150 Parametern pro Inventurpunkt. Nichts soll Interpretationssache, alles soll messbar sein.

Die neuesten Ergebnisse ihrer Arbeit sollen bis 2024 vorliegen. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Rainer Fuchs und Dirk Wahl gehen jeden Tag mindestens 10.000 Schritte davon. In diesem Jahr durch den vielen Regen besonders oft durch matschiges Gelände, was besonders an den steilen Hängen der Fränkischen Schweiz eine echte Herausforderung ist. „Manchmal müssen wir uns auch mit der Machete den Weg durch die Brombeeren freischlagen“, erzählt Fuchs.

So wird das Eisen gefunden

Zunächst müssen sie die Eisen finden, die bei den vorherigen Inventuren im Waldboden versenkt wurden. Dafür wurde ein vier mal vier Kilometer großes Raster über Deutschland gelegt. Befindet sich so ein Rasterpunkt im Wald, wird er ausführlich erfasst. Dazu gehören auch drei weitere, mit Eisen markierte Punkte, die zusammen mit dem ersten Punkt ein 150 mal 150 Meter großes Quadrat bilden.

Aber Fuchs und Wahl müssen erst einmal den ersten Punkt finden. Dafür laufen die beiden mit Laptop und großem, an einer langen Stange befestigten GPS-Empfänger durch den Wald und pirschen sich langsam an ihr Ziel heran.

Bis auf wenige Meter genau können sie das Eisen finden. Dann kommen ihnen die vorherigen Inventuren zu Hilfe. Mit Hilfe von markanten Bäumen, bei denen Winkel und Entfernung zum Zielpunkt genau erfasst wurden, nähern sie sich dem Eisen. Mit einem Metalldetektor spüren sie dieses dann auf und legen es frei.

Auch Zutritt zum Truppenübungsplatz Grafenwöhr

„Hier ist das einfach. Wenn wir aber eine Situation haben wie im Frankenwald und durch den Borkenkäfer fast keine Bäume mehr auf dem Untersuchungsgebiet stehen, dann ist es eine echte Sisyphusarbeit, das Eisen zu finden“, sagt Wahl. Für die Bundeswaldinventur haben Fuchs und Wahl überall Zutritt, niemand darf sie zurückweisen. Auch wenn Waldflächen bei privaten Schlossanlagen von hohem Stacheldraht umgeben sind, müssen die Eigentümer sie einlassen. Und auch die Truppenübungsplätze in Grafenwöhr und Hohenfels werden erfasst.

„Da muss dann aber natürlich ein Termin ausgemacht werden, damit nicht zur gleichen Zeit geschossen wird. Da gehen wir dann mit mehreren Trupps gleichzeitig rein, damit wir das möglichst schnell durchziehen“, erklärt Stöger.

Aber zurück nach Cadolzburg. Nicht jeder Baum wird hier vermessen. Ausgewählt werden die Bäume nach einem komplizierten Verfahren, der Winkelzählprobe. Fuchs blickt dabei durch ein Spiegelrelaskop genanntes Gerät und dreht sich im Kreis. Bäume, deren Brustdurchmesser dicker sind als die in der Linse eingeblendete Skala, werden ausgewählt und erfasst.

Baumhöhe wird mit Ultraschall gemessen

Um den Holzvorrat zu errechnen, wird bei diesen in 1,30 Metern Höhe der Durchmesser gemessen. Dann muss die Höhe herausgefunden werden. „Die Höhenmessung ist das Schwierigste und Ungenaueste“, räumt Stöger ein. Sie erfolgt mittels Ultraschall, indem zunächst ein in Brusthöhe am Baum befestigtes Gerät angepeilt wird und dann die Baumspitze.

Nicht nur die dicken Stämme gehen in die Bundeswaldinventur ein, auch wenn schon allein dafür in Bayern mehr als 100.000 Bäume vermessen werden. Auch die ganz kleinen Nachwuchs-Bäumchen, die sogenannte „Verjüngung“, finden in der Statistik Niederschlag – und zwar nach einem ganz ausgefeilten System.

Vom Eisen geht man dafür fünf Meter nach Norden und zählt dort im Umkreis von zwei Metern die kleinen Bäumchen, schaut, wie hoch sie sind und welche Biss- und Fegeschäden zu erkennen sind. Zusätzlich werden alle Bäume bis vier Meter Höhe gezählt, aber eben nicht in allen Parametern erfasst wie die dicken Stämme.

Spätestens Ende 2022 sollen die Trupps fertig sein. Bis dahin sind sie mehr als ein Jahr lang Tag für Tag im Wald unterwegs. Eine harte Arbeit, doch Rainer Fuchs und Dirk Wahl sind eben nicht nur auf der Suche nach wertlosen Tauschgegenständen, sondern nach handfesten Ergebnissen.

1 Kommentar