Donnerstag, 21.11.2019

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Bildung unter ständiger Bedrohung

Jesuitenmission betreibt Schulen in Afghanistan - 26.09.2019 20:16 Uhr

Auch in Herat, der zweitgrößten Stadt Afghanistans, betreibt die Jesuitenmission eine Schule. Gerade für Mädchen ist die Situation schwierig. © Foto: JRS Afghanistan


Immer wieder kommen Zivilisten und Sicherheitskräfte bei Bombenanschlägen ums Leben. Die Bundespolizei hat ihr Ausbildungsprojekt vorerst ausgesetzt. Kann Afghanistan Ausländern noch ein Minimum an Sicherheit bieten?

Stan Fernandes: Wir leisten seit fast 15 Jahren humanitäre Hilfe in und für Afghanistan. Die allgemeine Sicherheitslage hat sich in letzter Zeit definitiv verschlechtert. Vor allem in Kabul und vor allem seit 2014, als die internationale Gemeinschaft begonnen hat, stationierte Truppen aus dem Land abzuziehen und den lokalen Behörden die Kontrolle übergab. Das hat den Einfluss der Taliban gestärkt. Ein tiefer Einschnitt war die Entführung unseres indischen Mitbruders Alexis Premkumar im Juni 2014, der acht Monate festgehalten wurde.

Wie gewährleisten Sie Ihre Sicherheit und die Ihrer Mitarbeiter?

Silvia Käppeli: Nachdem Prem entführt wurde, haben wir uns viele Gedanken gemacht. Ich wurde von einem Experten des Jesuiten-Flüchtlingsdiensts als Sicherheitsbeauftragte ausgebildet. Außerdem haben die EU, die Schweiz und Norwegen eine Sicherheitsagentur gegründet, bei der sich alle NGOs gratis registrieren lassen können, und die uns täglich mit wertvollen Hinweisen für alle Landesregionen versorgt: Wo gab es Explosionen, Entführungen, Gefechte? Wo vermuten die Behörden Angriffe? Generell lassen wir uns nicht verrückt machen: Die meisten bewaffneten Angriffe gelten Vertretern lokaler regierungstreuer Behörden.

Silvia Käppeli © Foto: Jesuitenmission


Trotzdem sind Sie als Mitarbeiter einer ausländischen NGO ständig im Visier der Taliban

Käppeli: Das stimmt, aber unser größtes Risiko ist nicht, in die Luft gejagt, sondern entführt zu werden; oder Opfer eines Raubüberfalls. Wir nehmen an, dass unser Stützpunkt rund um die Uhr von potenziell feindseligen Gruppen ausgespäht wird. Wir haben keine Bewachung, aber die Wachen der Nachbarn haben auch ein Auge auf uns.

Ist es nicht schwierig und frustrierend, so gut wie niemandem vertrauen zu können?

Käppeli: Für Schulen, die wir betreiben und ihr Umfeld sind wir wertvoll. Wir sind seit Langem im Land, gelten in den Communities als verlässlich. Die Leute wissen, der JRS wird bleiben. Das ist unser größter Schutz.

Stan Fernandes © Foto: Jesuitenmission


Fernandes: Vor der Entführung von Prem warnten uns Menschen aus der lokalen Bevölkerung. Einige von ihnen sind durch Eheschließungen mit Taliban-Familien verbunden. Unsere Sicherheit in entlegenen Plätzen wie Bamiyan wird dadurch gewährleistet, dass wir die Leute kennen und sie uns, dass sie uns trotz anfänglicher Vorbehalte akzeptieren und wissen, dass unser Anliegen die Bildung ihrer Kinder ist.

Gerade wenn es um die Bildung von Mädchen geht, ist das sicher eine Gratwanderung…

Fernandes: Absolut. Wir müssen die Kultur und die Traditionen der Einheimischen akzeptieren und vermeiden, konträre Positionen einzunehmen.

Vor allem für Sie als Frau ist das sicher nicht immer einfach, Frau Käppeli.

Käppeli: Es ist manchmal sehr schwer. Vor allem, da wir nicht intervenieren oder kritisieren dürfen, wenn es zu Diskriminierungen von Mädchen und Frauen kommt. Dass das Zusammenleben anders laufen kann, zeige ich den Leuten, indem ich ihnen von meinem Heimatland, der Schweiz, erzähle. Davon, wie ich in Zürich lebe, wie ich mich anziehe, wie sich eben das Leben in Europa von dem in Afghanistan unterscheidet.

Was halten Sie von den Friedensverhandlungen der USA mit den Taliban und dem möglichen geplanten Rückzug der Streitkräfte?

Fernandes: Obwohl die Gespräche ausgesetzt sind, denke ich, es ist nur eine Frage der Zeit, bis US-Präsident Donald Trump einen Friedensvertrag unterzeichnen wird. Und das könnte für die Bevölkerung katastrophal enden. Vor allem für Minderheiten wie die Hazara, die als Schiiten für die Taliban Ketzer sind.

Der frühere deutsche Außenminister Guido Westerwelle hatte den Begriff der "moderaten Taliban" gebraucht. Gibt es die überhaupt?

Fernandes: Nein, nicht wirklich. Auch wenn ich weiß, was er damit meint: Es gibt Unterschiede zwischen den Taliban diesseits und jenseits der afghanisch-pakistanischen Grenze. Die afghanischen Taliban vermeiden, bei Operationen sunnitische Afghanen zu töten, den Pakistanis ist das egal. Ich weiß, dass es Taliban-Gruppen gibt, die Bildung fördern, auch die von Mädchen. Aber sie wollen jeden Lehrer kontrollieren.

Käppeli: Vielleicht gibt es Unterschiede in der Gewaltbereitschaft, aber nicht in der Ideologie. Ein Beispiel: Einer unserer Mitarbeiter stammt aus einem Dorf außerhalb Kabuls, wo die Taliban sehr aktiv sind. Er hat mich zu sich nach Hause eingeladen, weil er dort gern ein Ausbildungsprogramm für Mädchen im Pflegebereich einführen würde und ich einen entsprechenden Hintergrund habe. Ich habe mich entschieden, hinzufahren und traf mich dort mit 20 Frauen. Wir haben schließlich zugestimmt, ein solches Programm zu ermöglichen.

Einige Tage später kam unser Mitarbeiter zurück ins Büro: Die Taliban ließen ausrichten, dass, wenn die Frauen von Ausländern ausgebildet werden, er den Preis dafür zahlen würde. Diese Drohung war ganz eindeutig gegen das Dorf gerichtet, nicht gegen mich. Trotzdem lernt man aus solchen Erfahrungen.

Wie beeinflussen solche Erlebnisse Ihren Alltag?

Silvia Käppeli: Zum Einkaufen fahre ich zum Beispiel nicht einfach so in die Stadt, sondern mache Besorgungen nur in der Nachbarschaft. Manche Dinge aber lassen sich nicht vermeiden: So hat mir eines Tages ein Kind gewunken und meinen Namen gerufen: "Hallo Silvia!" Meinen Namen aber kennt keiner in der Nachbarschaft, das ist eine der Sicherheitsregeln, die wir beachten müssen. Folglich musste es irgendwo ein Informations-Leck geben, aber das können wir nicht komplett steuern.

Angesichts Ihrer Befürchtungen, dass das Land im Chaos versinkt: Haben Sie keine Angst, dass auch alles, was Sie mit Ihrer Arbeit erreicht haben, den Bach runtergeht?

Fernandes: Wenn das so wäre, hätten wir gar nicht anfangen dürfen. Mittlerweile haben wir Tausende Schüler und Studenten ausgebildet, die ihrerseits Schulen gründen und den Wandel vorantreiben. Afghanistan braucht Menschen, die vor Ort aktiv sind. Sonst wäre das Land verloren.

 

Mehr über die Bildungsarbeit der Jesuiten lesen Sie auf jesuitenmission.de/Afghanistan. Ihre Spende hilft: Jesuitenmission – Verwendungszweck: X57910 Afghanistan – Bank: Liga Bank – IBAN: DE61 7509 0300 0005 1155 82

Fragen: Steffen Windschall

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