Unerwünschter Bewohner

"Das Töten gehört zum Artenschutz": Fuchsjagd im Tiergarten Nürnberg

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Hartmut Voigt

Lokalredaktion Nürnberg

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19.10.2021, 05:50 Uhr
Manchmal sind Füchse am helllichten Tag sogar im Stadtgebiet unterwegs - wie hier auf einer Wiese in Berlin.

Manchmal sind Füchse am helllichten Tag sogar im Stadtgebiet unterwegs - wie hier auf einer Wiese in Berlin. © Christophe Gateau/dpa

Mähnenwölfe, Tiger, Eisbären und Greifvögel: Der Tiergarten hält viele - meist stark gefährdete - Arten, um bei den Besuchern ein Bewusstsein für die Natur und die schwindenden Lebensräume zu vermitteln. Doch eine - nicht vom Aussterben bedrohte - Tierart, die sich auf dem 65 Hektar großen Gelände am Schmausenbuck selbst eingenistet hat, bekämpft der Zoo entschieden: heimische Füchse.

Entenhaltung aufgegeben

Trotz Fährtenleser und genauer Beobachtung konnte man bislang allerdings nicht die Baue der schlauen Raubtiere aufspüren. Verkriechen sie sich am Betriebshof oder in der Nähe des Giraffengeheges? Die Tiergarten-Leitung weiß es nicht. Sicher ist nur, dass die Füchse seit vielen Jahren für Verluste sorgen: Die Entenhaltung an den Weihern hat man daher aufgegeben. Auch Muntjaks (kleine asiatische Hirsche) und sogar Kropfgazellen fielen ihnen schon zum Opfer.

Im Moment hat sich die Lage im Tiergarten aber entspannt. Nach Schätzungen leben dort zwei oder drei Fuchs-Paare. Derzeit wird keine gezielte Jagd auf die Vierbeiner mit dem rostroten Pelz gemacht.

Das kann sich aber rasch ändern, wenn der Nachwuchs besonders zahlreich ist - wie im Jahr 2014: Damals hatte man innerhalb von zwei Wochen 18 Jungtiere in Lebendfallen gefangen und anschließend erschossen. "Wenn die Füchse schon tagsüber zu sehen sind, müssen wir handeln", sagt Tiergarten-Direktor Dag Encke. Die sechs aufgestellten Lebendfallen werden regelmäßig kontrolliert. Meist finden sich dort nur Jungtiere, die Alten sind offenbar misstrauisch und vorsichtig genug.

Aber muss man die Füchse unbedingt töten, gibt es keine Alternative? Von einer Auswilderung im benachbarten Reichswald hält Encke nichts: "Das wäre völliger Schwachsinn. Die dortigen Territorien der Füchse sind besetzt, es wäre massivster Stress für die Tiere. Wir müssen aus den Köpfen herausbekommen, dass wir etwas Gutes tun, wenn wir alle Tiere retten wollen. Das Töten gehört zum Artenschutz dazu. Wir bekämpfen invasive Arten, um gefährdete zu schützen."

Der Tiergartendirektor weist darauf hin, dass es bayernweit eine hohe Fuchsdichte gibt. Die Wildhunde sind keine gefährdete Art. Die Oberste Jagdbehörde in Bayern teilt diese Einschätzung und erklärt, dass im Jagdjahr 2019/2020 allein im Freistaat weit über 100.000 Füchse erlegt wurden.

Staatsforst will keine zusätzlichen Füchse

Auch Johannes Wurm, Leiter des Forstbetriebs Nürnberg, möchte dem benachbarten Tiergarten keine Füchse abnehmen: "Ich sehe darin keinen Sinn. Im direkt angrenzenden Lorenzer Reichswald sind sicher alle Reviere besetzt. Wir haben eine hohe Fuchspopulation."

Einen Abschussplan für den Fuchs gibt es im Gegensatz zum Reh nicht. Er verursacht keine Waldschäden, so Wurm, der auch die Gefahr der Weiterverbreitung von Tollwut gering einschätzt. Daher müsse man gegen den Fuchs nicht vorgehen, im Gegensatz zum Rotwild. Bei Rehen gebe es einen Abschussplan, um den Verbiss bei den Bäumen zu verringern. Im vergangenen Jahr wurden im Lorenzer Reichswald (ohne die verpachteten Gebiete) 594 Rehe und 309 Wildschweine geschossen.

Tierschützer Robert Derbeck hat zwar Verständnis für die vorgebrachten Argumente: "Es ist schon richtig, es fehlt am Platz. Aber man sollte trotzdem versuchen, jedem Tier eine Chance zu geben. Denn das Töten ist eine endgültige Entscheidung."

Derbeck bekam als Vorsitzender des - mittlerweile in Auflösung befindlichen -Tierschutzvereins Noris immer wieder verwaiste oder verletzte Füchse gebracht. Er hat Adressen von 24 Tierärzten und Jägern, die selbst Wald besitzen und die Tiere nach der Aufzucht in ihren Volieren dort auswildern können.

Tierschützer: "Auswildern funktioniert"

Wichtig sei, so Derbeck, sie keinesfalls an den Menschen zu gewöhnen, schließlich müssen sie in der Natur allein zurechtkommen. Daneben gebe es Auffangstationen für Füchse, etwa im Bayerischen Wald. "Das Auswildern funktioniert", betont der 73-Jährige, er räumt jedoch ein: "Allerdings habe ich immer wieder einmal Absagen bekommen, weil die Volieren schon besetzt waren."

Für Tiergarten-Chef Encke ist klar, dass er auch künftig mit den Füchsen im Zoo leben muss. Es gibt zwar einen fuchssicheren Außenzaun rund um das Gelände, aber trotzdem kommt er an manchen Stellen problemlos hinein - zum Beispiel direkt am Haupteingang. Das Gittertor hält keinen Fuchs auf.