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Erst coole Sau, dann armes Schwein

Schüler lernen bei der Aktion "Konsum geplant, Budget im Griff", vorausschauend mit Geld umzugehen - 25.03.2019 19:40 Uhr

Mit Verstand die Kontrolle über die eigenen Ausgaben behalten, sonst bleibt am Monatsende weniger als nichts: Während der Unterrichtseinheiten „Konsum geplant — Budget im Griff“ hinterfragen Schüler ihre Konsumgewohnheiten. Rechnen ist elementar dabei. © Foto: Stiftung „Deutschland im Plus“


"O Mensch, bedenk: der Schritt ins Armenhaus führt dort hinaus! Gestern hast du von den Eltern geerbt, morgen bereits ist alles verderbt. Weil deine Lust und Habgier niemals ersterbt." So warnten unsere Vorväter. Heute warnen Aufklärungsbroschüren mit Comics. Erst "coole Sau", dann "armes Schwein", beziehungsweise von der "Fashion Princess" zur "Drama Queen". Das Prinzip ist dasselbe: Ein junger Mensch steigt auf ein supergünstiges Angebot ein, mit dem er vor den Kollegen toll dasteht. Am Ende steht der Betreffende im Regen der Mahnungen.

Budget im Griff

Das leuchtet ein. Doch der Kapitalismus mit all seinen Verlockungen und Fußangeln ist eine diffizile Materie, die es Kindern und Jugendlichen im einsichtsfähigen Alter nahezubringen gilt. Deshalb entsendet die Stiftung "Deutschland im Plus" Referenten in Mittel- und Realschulen sowie Gymnasien. Wie etwa die Referentin Anne Rödl, die den Neuntklässlern der Robert-Bosch-Mittelschule unter dem Titel "Konsum geplant — Budget im Griff" die Augen öffnet. Die ausgewählte neunte Klasse (gut 20 Schülerinnen und Schüler) besteht zur Gänze aus Migrantenkindern, die seit drei Jahren in Deutschland leben. Die Kinder aus Italien, Rumänien, Bulgarien, Syrien, Irak und anderswo sprechen bereits ein gutes Deutsch. Und komplizierte Begriffe aus der Finanzsprache ersetzt Anne Rödl durch klare Worte.

Die Frage aller Fragen lautet: Überblicke ich meine Einnahmen und Ausgaben? Hierzu verteilt die Referentin Ampelkarten. Rot steht für "nie", Gelb für "immer" und Grün für "manchmal". Die Schüler winken mit Gelb und Grün. Denn die Einnahmen in Gestalt des Taschengelds sind noch relativ begrenzt.

Was und wo kauft man für sein Taschengeld ein? Hierzu verteilt Rödl Fragebögen zum Kaufverhalten. Wie ist der Verkaufsraum gestaltet: übersichtlich oder alles durcheinander? Oder muss man, um Brot, Fleisch und Milch zu kaufen, den ganzen Supermarkt mit allen möglichen Verlockungen durchqueren? Wo sind die teuren Lebensmittel platziert? "Immer in Augenhöhe", verrät Anne Rödl, denn für die billigeren Dinge muss man sich bücken, wofür es den anschaulichen Begriff "Bückware" gibt. In seiner Anschaulichkeit nur übertroffen von der "Quengelware", all den Süßigkeiten direkt an der Kasse, die Klein-Susi zum Aufstand und ihre Mutter zum Nervenzusammenbruch treiben. Da grinsen die Schülerinnen und Schüler, das kennen sie von ihren kleinen Geschwistern.

Anne Rödl geizt nicht mit Denkanstößen: Wer richtigen Fußball spielen will, braucht Fußballschuhe mit Stollen. Da gibt es verschiedene Marken. Ein sattsam umschwärmtes Idol heißt Ronaldo; wer dem Star nacheifert, kauft der dann auch Ronaldos Schuhe, ob Puma, adidas oder was auch immer? Und seine Uhr vielleicht noch obendrein? So viel zur Macht der Idole und der Sportler als Vorbild für die Jugend.

Die Köpfe rauchen

Mit Verstand die Kontrolle über die eigenen Ausgaben behalten, sonst bleibt am Monatsende weniger als nichts: Während der Unterrichtseinheiten „Konsum geplant — Budget im Griff“ hinterfragen Schüler ihre Konsumgewohnheiten. Rechnen ist elementar dabei. © Foto: Stiftung „Deutschland im Plus“


Zum Schluss gibt es Textaufgaben für die Mathestunde. Stefanie (15) bekommt von ihren Eltern 60 à im Monat und noch einmal 45 à von ihrer Oma. Am Handy verplaudert sie 15 à im Monat, gibt 15 à pro Woche beim Bummeln aus, vertrinkt sechs à pro Woche Kaffee mit ihren Freundinnen und lässt einmal im Monat zwölf à im Kino. Wie viel Geld bleibt Steffie noch übrig?

Die Köpfe rauchen, jetzt wird addiert, multipliziert und subtrahiert — und am Ende sind alle konsterniert. Stefanie bleibt weniger als nichts, nämlich sechs à im Minus. Und Marc, der stolze 800 à im Monat verdient, aber ständig an seinem Roller schraubt und mit Kumpeln auf die Piste geht, bleiben gerade mal 30 Ã. Für den Teneriffa-Urlaub darf er zwei Jahre sparen.

Taschengeld aufbessern

Ja, so macht Rechnen Spaß! Was könnten Steffie und Marc sonst noch unternehmen? Die Antworten kommen fix: "Babysitten, Zeitung austragen, Regale einräumen", schlagen die Buben und Mädchen vor. Oder auf Party und Quasseln am Smartphone verzichten.

Doch Anne Rödl gibt noch keine Ruhe. Warum stürzen Marc, Steffie und andere ins Minus? Weil sich hinter dem tollen Angebot die Kostenfalle auftut. Handyverträge mit vielen Freiminuten, die im Nu verbraucht sind. Zahlung per Karte, "kostenlose" Spiele oder Spontankäufe. Ein Mädchen bringt es auf den Punkt: "Wenn man Sachen kauft, kann man sich nicht mehr kontrollieren."

REINHARD KALB

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