Fall 8 von "Freude für alle"

Autismus-Verdacht: Wie ein Dreijähriger bei Fürth seine Eltern fordert - bis zur Erschöpfung

Wolfgang Heilig-Achneck

Lokalredaktion

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20.11.2023, 19:00 Uhr
Er kann kaum einen Moment still sitzen - was auch das Porträt von Ben mit seiner Lieblings-Eisenbahn schwer macht. Seine Hyperaktivität könnte, so der Verdacht, Ausdruck einer Autismus-Spektrums-Störung sein.   

© Wolfgang Heilig-Achneck, NNZ Er kann kaum einen Moment still sitzen - was auch das Porträt von Ben mit seiner Lieblings-Eisenbahn schwer macht. Seine Hyperaktivität könnte, so der Verdacht, Ausdruck einer Autismus-Spektrums-Störung sein.   

Er greift nach einem Spielzeug und lässt es gleich wieder fallen, zeichnet drei Striche mit seinen Malstiften, nimmt einen Schluck aus seiner Flasche, klettert bei Papa auf den Schoß und probt einen Kopfstand, um im nächsten Augenblick einem Luftballon nachzujagen: Mit seinen drei Jahren bringt der kleine Ben ordentlich Leben in die Bude.

Was allerdings hoffnungslos untertrieben ist: Mit schier unerschöpflicher Energie springt und fegt und tobt der Junge durch die gerade mal gut 60 Quadratmeter große Wohnung, von früh bis spät. Pausen sind kaum drin, nur gelegentlich kommt er für einen kurzen Mittagsschlaf zur Ruhe. Um danach wieder voll aufzudrehen. Nicht mal beim Essen hält es ihn - schon nach ein paar Bissen dreht er wieder ab. Es sind, so die Annahme, Erscheinungsformen einer Autismus-Spektrums-Störung, kombiniert mit einer Epilepsie. Doch eine exakte Diagnose steht noch aus, dafür soll der Junge erst noch mindestens ein Jahr älter werden.

Strapazierfähige Einrichtung

Dabei lacht und strahlt er: Als Dauermittelpunkt beherrscht er das turbulente Familienleben. Die Eltern haben sich darauf eingerichtet: Das Mobiliar ist rustikal und muss einiges aushalten, Blumenvasen aufzustellen oder Gläser und Tassen unbewacht stehen zu lassen, ist keine gute Idee - längst ist vieles zu Bruch gegangen. Beinahe ein Wunder, dass der TV-Bildschirm noch heil ist.

Aber das alles scheint zu vernachlässigen im Vergleich zum Permanent-Gefordert-Sein: Ihr Sohn beansprucht Jasmin und Torsten B. (Namen geändert) bis zum Äußersten, die Betreuung geht buchstäblich an die Substanz. Immer noch das Wunschkind? Nur daraus schöpfen sie wohl die Kraft durchzuhalten. Aber was für ein Glück, dass Ben Aufnahme in einer integrativen Tagesstätte gefunden hat und er dort Kontakt mit anderen Kindern bekommt.

Dazu kommen Frühförderung, Logo- und Ergotherapie. Zeit um Durchschnaufen finden die Eltern kaum, von Ausschlafen gar nicht zu reden. "Sie brauchen dringend Auszeiten, zum Beispiel, um mal ins Kino oder auch nur in Ruhe einkaufen zu gehen", stellt die zuständige Sozialpädagogin vom Sozialdienst beim Landratsamt Fürth fest.

Kind reißt sich los

Hilft nicht mal das Austoben auf dem Spielplatz - also raus ins Freie? "Wir müssten Ben fast anbinden wie einen Hund", stellt die Mutter ernüchternd fest. "Er ist kaum zu halten, reißt sich los, ist unberechenbar und kann Gefahren, etwa auf der Straße, nicht abschätzen. Dann rennt er irgendwohin und würde sich auch bedenkenlos anderen Leuten anschließen."

Über die Runden kommen muss die Familien mit dem Einkommen einer Teilzeitstelle der Mutter, dem Kinder- und dem Pflegegeld. Dem gesundheitlich angeschlagenen Vater steht derzeit noch Krankengeld zu. Mit einer Unterstützung durch die Aktion "Freude für alle" könnte die Familie, deren Situation hier beispielhaft auch für andere dargestellt wird, gelegentlich stundenweise sogenannte "Spezialsitter" engagieren, die auch "anstrengende" Kinder betreuen.

Außerdem könnte der Vater endlich den Führerschein machen, um mit Ben leichter und schneller zu den Förder- und Therapiestunden zu gelangen. Nötig ist schließlich ein Reha-Kindersitz für das Auto, den die Pflegekasse bisher nicht gewähren will. Aber bei den herkömmlichen Modellen schafft es der Kleine, sich zu befreien. Einmal hat er sogar schon einmal die Tür geöffnet - während der Fahrt.

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