Das sind die Ziele für Bus, Bahn & Co.

Bundestagswahl: Was wollen die Kandidierenden beim ÖPNV im Kreis Forchheim erreichen?

Lea-Verena Meingast

Redakteurin Nordbayerische Nachrichten Forchheim

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23.9.2021, 07:53 Uhr
Der öffentliche Busverkehr soll dem individuellen Autoverkehr mehr Konkurrenz machen und damit zum Klimaschutz beitragen - da waren sich die Kreispolitiker zuletzt einig. Doch wie ist der aktuelle Stand? Und was wollen die Bundestagskandidierenden beim ÖPNV für den Kreis Forchheim erreichen?

© Berny Meyer, NN Der öffentliche Busverkehr soll dem individuellen Autoverkehr mehr Konkurrenz machen und damit zum Klimaschutz beitragen - da waren sich die Kreispolitiker zuletzt einig. Doch wie ist der aktuelle Stand? Und was wollen die Bundestagskandidierenden beim ÖPNV für den Kreis Forchheim erreichen?

Im Landkreis Forchheim ist die Anzahl der Berufspendler in den letzten Jahren immer mehr gestiegen. Zuletzt lag sie 2019 bei 41.000 - als im Landkreis 50.355 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte arbeiteten. Einige davon nutzen Bus oder Bahn, um zur Arbeit zu gelangen. Was wollen die Kandidierenden bei der Bundestagswahl beim ÖPNV im Landkreis Forchheim umsetzen? Und sind diese Ziele in den nächsten Jahren realistisch erreichbar?

Der Landkreis Forchheim stehe nicht schlechter da als andere Regionen, findet Andreas Schwarz (SPD). Der Landkreis investiere aktuell gut in den Busverkehr. Und die Stadt Forchheim arbeite an einem Verkehrskonzept, "das die gesamte Region voranbringen wird". Bezahlbare Ticketpreise oder der Ausbau der Wiesenttalbahn würden helfen. "Aktuelle Fahrgastzahlen dürfen nicht als Begründung für die Ablehnung des Ausbaus herangezogen werden", betont er.

Politik sollte auf keinen Fall Luftschlösser bauen: "Wir müssen den Individualverkehr reduzieren, können aber nicht komplett darauf verzichten, vor allem in den ländlichen Regionen. Ein dichteres ÖPNV-Netz, höhere Taktung, Umsteigemöglichkeiten und CO2-freie Antriebe bzw. Treibstoffe – das ist der Weg."

"Wünsche mir ein Verkehrsministerium für neue und innovative Verkehrskonzepte"

Die zentralen Fragen beim ÖPNV sind für ihn Streckennetz, Taktung, Verbindung mit anderen Verkehrsträgern und Preis. Darüber werde nicht in Berlin, sondern vor Ort in den Kommunen entschieden. "Als Bundestagsabgeordneter setze ich mich dafür ein, dass unsere Städte und Gemeinden mit ausreichend Finanzmitteln ausgestattet werden, damit sie vor Ort in einen besseren ÖPNV investieren können. Ich wünsche mir hier konkret auch ein Verkehrsministerium, das neue und innovative Verkehrskonzepte in den Regionen fördert und unterstützt. Andernfalls bleiben wir bei dem Thema auf der Stelle."

Als Mitglied im Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages könne er sich für Fördertöpfe aus Bundesmitteln stark machen: Bei der Umstellung auf neue Antriebe, innovative Mobilitätskonzepte und mehr. "Voraussetzung ist aber auch ein Verkehrsministerium, das mitmacht und in den Kommunen vor Ort auch eine Verkehrswende erreichen will."

Weniger Staus und weniger Autoverkehr, dafür mehr ÖPNV-Nutzende, die mit Bahn und Bus unterwegs sind: Das wäre im Sinne der Verkehrswende. Doch wie kann die Mobilität im Landkreis Forchheim verbessert werden? Die Bundestagskandidaten haben unterschiedliche Vorstellungen.

Weniger Staus und weniger Autoverkehr, dafür mehr ÖPNV-Nutzende, die mit Bahn und Bus unterwegs sind: Das wäre im Sinne der Verkehrswende. Doch wie kann die Mobilität im Landkreis Forchheim verbessert werden? Die Bundestagskandidaten haben unterschiedliche Vorstellungen. © Berny Meyer, NN

"Der Landkreis Forchheim ist noch lange nicht da, wo er sein könnte und vor allem sollte", findet Lisa Badum (Bündnis 90/Die Grünen). Das größte Problem seien die Taktung von Bahnen und Buslinien, in der mangelnden Abstimmung von Bus und Bahn aufeinander und die Unattraktivität des ÖPNV aufgrund hoher Preise. "Beim Bahnhof in Forchheim fehlt es an digitaler Vernetzung mit anderen Möglichkeiten, mobil zu sein. Zum Beispiel Car-Sharing." Auch sei es wenig attraktiv, nach der Zugfahrt die Fahrt mit dem Rad fortzusetzen: "Zu wenig Stellplätze, zu hoch die Gefahr, dass das Rad beschädigt oder geklaut wird. Und eine ordentliche Radinfrastruktur fehlt gerade im Forchheimer Stadtgebiet", so ihre Bilanz - wobei die Fahrradinfrastruktur in Forchheim natürlich vor allem Aufgabe der Stadtpolitik ist und Thema nach dem ADFC-Fahrradklimatest 2020 war.

"Die Verkehrsplanung im Landkreis Forchheim spricht nach wie vor für das Auto"

Es gebe auch positive Entwicklungen: Die Gräfenbergbahn und die Wiesentalbahn sind von ehemaligen Stilllegungskandidaten zu Bahnstrecken mit regelmäßigem Stundentakt geworden, die aus dem Nahverkehr nicht mehr wegzudenken sind, findet Badum. "Auch das Busnetz wurde im Vergleich zur Situation vor zwanzig Jahren erheblich verbessert und in den Abend hinein verlängert. Das sind gute Fortschritte". Aber: "Von einer fairen Balance zwischen allen Verkehrsmitteln können wir lange noch nicht sprechen."

"Die gesamte Verkehrsplanung im Landkreis spricht nach wie vor für das Auto und gegen den ÖPNV oder das Rad." Monsterprojekte wie die Ostspange werden immer noch weitergeplant. "Und wir sind die Einzigen, die sich klar dagegen und für einen besseren Takt der agilis-Bahn positionieren."

Bis 2030 die Fahrgastzahlen der Wiesenttalbahn verdoppeln

"Wir brauchen jetzt eine Mobilität, die niemanden mehr zurücklässt und zugleich die Emissionen senkt." Von Familien auf dem Land könne nicht länger verlangt werden, dass sie mehrere Autos besitzen müssen, um überhaupt mobil sein zu können. Am Klimaziel führe kein Weg mehr vorbei. "Wir Grüne wollen bis 2030 die Fahrgastzahlen im ÖPNV verdoppeln." Auf dem Land werde nicht das gleiche Angebot zu schaffen sein wie in der Stadt. "Aber zumindest überhaupt ein Angebot wäre vielerorts schon ein Fortschritt."

Die konkreten Ziele: "Wir wollen einen Halbstundentakt auf Gräfenbergbahn, Wiesenttalbahn und den Hauptbuslinien sowie einen Integralen Taktfahrplan für den gesamten ÖPNV mit optimierten Umsteigeknoten." Außerdem: überdachte Fahrradstellplätze an allen Bahnhöfen und den wichtigsten Bushaltestellen in spätestens fünf Jahren. "Das ist angesichts der Planungszeiträume vor allem beim Schienenverkehr sehr ambitioniert, aber notwendig", betont sie. In spätestens zehn Jahren sollte die Wiesenttalbahn in die Fränkische Schweiz reaktiviert sein, die Gräfenbergbahn elektrifiziert und die StUB von Erlangen über Neunkirchen nach Eschenau fahren. "Auch das: ambitioniert, aber notwendig."

Und die Finanzierung?

"Gerade im Verkehrssektor sind die Gelder viel zu lange in die falschen Kanäle geflossen, besonders auch, weil die falschen Männer an der Spitze des Ministeriums saßen." Mittel und Personal des Straßenbaus könnten künftig innovativ für andere Mobilitätsbereiche eingesetzt werden.

"Wir Grüne wollen 100 Milliarden Euro, verteilt auf die Jahre bis 2035, zusätzlich in Schienennetz und Bahnhöfe investieren und im Zusammenwirken mit den Ländern die Regionalisierungsmittel zweckgebunden noch einmal erhöhen, sodass sich die Pro-Kopf-Investitionen an das europäische Niveau angleichen." Um die Investitionen langfristig zu finanzieren, soll ein Infrastrukturfonds geschaffen werden, der sich auch aus Einnahmen aus der Lkw-Maut speise.

"Die Forderung nach immer mehr ÖPNV teile ich nicht"

"Mit jährlich 4,5 Millionen Euro für den ÖPNV steht der Landkreis Forchheim mit an der Spitze der Kommunen in Bayern. Das breite Angebot wird aber oft nur in geringem Umfang genutzt", findet Thomas Silberhorn (CDU). Erst jüngst seien ihm in Wiesenthau und in Mittelehrenbach zwei Busse begegnet, in denen kein einziger Fahrgast saß.

"Die Forderung nach immer mehr ÖPNV teile ich nicht. Dahinter steckt die Absicht, die Bürger sollten auf ihr Auto verzichten." Die Politik gegen das Auto sei eine Politik gegen den ländlichen Raum und gegen Familien. "Wer auf dem Dorf wohnt oder Familie mit Kindern hat, für den bleibt das Auto unverzichtbar", sagt er. Er möchte, dass alle und überall mobil bleiben. "Dazu muss das Auto emissionsfrei werden, aber für alle bezahlbar bleiben."

"Forchheim profitiert vom ICE-Ausbau mit engeren S-Bahn-Takt und Halt in Forchheim-Nord"

Die Unterstützung des ÖPNV durch den Bund sei in den letzten Jahren auf Rekordhöhen aufgestockt worden. "Wir fördern mit Milliardenbeträgen die Umrüstung der Busflotten auf Elektroantrieb und den Regionalverkehr auf der Schiene." Forchheim profitiere insbesondere vom ICE-Ausbau mit einem engeren Takt der S-Bahn und einem neuen Halt in Forchheim-Nord. "Der Landkreis wird auch durch den geplanten Ostast der Stadt-Umland-Bahn Erlangen deutlich besser angebunden", ist er sich sicher.

Aber auch: "Der ÖPNV muss effizienter werden. Bus und Bahn funktionieren auf Hauptverkehrsstrecken und zu Hauptverkehrszeiten." Daneben brauche es intelligente Angebote von Carsharing und Kleinbussen, die nicht nach festen Fahrplänen verkehren, sondern flexibel nach Bedarf. "Das wird künftig digital gesteuert und per Handy gebucht."

Jobtickets und 365 Euro-Tickets will er weiter fördern, weil sie den Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel erleichtern. "Für die Bundeswehr habe ich das kostenlose Bahnfahren in Uniform maßgeblich umgesetzt", sagt er. Und das auf den Regionalverkehr von 70 Eisenbahngesellschaften in Deutschland ausgeweitet. "Dazu haben wir den ersten bundesweiten Verkehrsverbund geschaffen, der sich als Blaupause für die Stärkung des ÖPNV in ganz Deutschland eignet."

Nebenverkehr im Landkreis Forchheim verbessern

Im Landkreis Forchheim wurde das Verkehrsangebot im Rahmen der Nahverkehrsplanung "kontinuierlich ausgebaut", sagt VGN-Pressesprecher Manfred Rupp. Der Landkreis Forchheim schreibe seinen Nahverkehrsplan stetig fort, aktuell werde wieder daran gearbeitet. Den Rahmen gebe die Bayerische Leitlinie zur Nahverkehrsplanung vor.

Wo Defizite bestehen, würden geeignete Maßnahmen geprüft. "In den Zeitlagen mit schwächerer Nachfrage und entsprechend dünnerem Angebot, wie an Wochenenden, wären Anpassungen denkbar", sagt er. Wo und in welchen Zeitlagen genau, das werde sich bei der laufenden Fortschreibung des Nahverkehrsplanes zeigen. Dabei spielten auch die vorhandene Nachfrage, die Wirtschaftlichkeit und die Finanzierung eine Rolle. Entscheiden werden das der Landkreis und die Landkreispolitik.

Die Linke hat einen kostenlosen ÖPNV gefordert. "Das erscheint mir nicht realistisch", sagt Manfred Rupp, VGN-Pressesprecher. Ein Nulltarif bedeute das Wegbrechen eines Großteils der Finanzierung. "Die Fahrgeldeinnahmen decken die Aufwendungen für unseren ÖPNV zu etwa 45 Prozent", sagt er. Es sei nicht absehbar, wie diese Finanzierungslücke geschlossen werden könnte. Und im ganzen VGN-Gebiet sei ein Nulltarif kaum vorstellbar - "das würde wohl nicht die Zustimmung aller Verbundpartner finden". Für den Schienenverkehr sind Landkreis und VGN aber nicht zuständig. Diesen plant und bestellt die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) im Auftrag des Freistaats Bayern.

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