„Mein Brot bleibt immer noch die Straße“

12.11.2013, 14:00 Uhr
„Mein Brot bleibt immer noch die Straße“

© Stachelhaus/pr

In den 90ern hatte man die Wahl: Entweder fand man die Kelly Family toll. Oder nicht. Gleichgültig ließen die singenden Iren niemanden. Ihr Erfolg war phänomenal. Die Brüder und Schwestern füllten Fußballstadien, ernteten für ihre Alben Gold und Platin. Jimmy Kelly ist der Siebte in der Reihe der zwölf Geschwister und Halbgeschwister. Für Fans: Ja, er war damals der mit den superlangen Haaren. Seit 2007 ist der Musiker solo unterwegs. Was wörtlich verstanden werden darf. Jimmy Kelly ist in die Fußgängerzonen zurückgekehrt und spielt für die Passanten.

Dahinter steckt kein romantischer Spleen: „Ich fing wieder damit an, weil ich das Geld brauchte.“ Nach dem Tod des Vaters 2002 habe er mehr oder weniger mittellos dagestanden. „In den Jahren zuvor haben wir alle aus einem Topf gelebt, ich hatte nie ein eigenes Konto.“ Aus der Gemeinschaftskasse sei alles bezahlt worden, auch Kleidung: „Wenn man die alten Bilder sieht, erkennt man sofort, dass wir die Klamotten immer untereinander getauscht haben“, lacht Jimmy. „Ein schönes Ideal“ habe man in dieser Zeit gelebt, das „nicht sehr realistisch ist, wenn man auseinander geht“. Er sei ein „naiver Gutgläubiger“ gewesen.

 

Krise überwunden


Jimmy wuchs auf der Straße auf. Leicht fiel ihm die Rückkehr zu den öffentlichen Gigs nicht: „Es war am Anfang sehr beängstigend. Manchmal habe ich mich gar nicht getraut.“ Inzwischen fühlt sich der 42-Jährige wohl im direkten Kontakt mit seinem Publikum. Der Weg dorthin klingt ein bisschen nach Therapie: „Ich hatte nach einem exzessiven Leben eine sehr große Identitätskrise und fragte mich, was ich überhaupt will.“ Heute sagt er selbstbewusst: „Ich bin Musiker.“ Er habe allerdings auch nichts anderes gelernt: „Lieber hätte ich eine Wahl gehabt, aber ich war nie in der Schule.“ Einen Ausbruchsversuch unternahm Jimmy Ende der 90er, als er auf eine Filmschule in Irland ging, um seinem Traumberuf als Regisseur näher zu kommen.

Die Zuhörer der spontanen, niemals angekündigten Straßenkonzerte reagieren mit Begeisterung – und Verwunderung auf Jimmy Kelly. „Die meisten erkennen mich, aber manche denken, ich bin eine Fälschung.“ Manche Passanten, sagt der Musiker, hören ihm stundenlang zu, wollen ihn umarmen. Andere werden sauer: „Ich bin schon mit Toilettenpapier und Eiern beworfen worden. Es geht sehr direkt zu. Das muss man abkönnen.“

Gelegt hat sich seine Unsicherheit. In der ersten Zeit sammelten sich in seinem Spendenglas täglich etwa dreißig Euro: „Inzwischen hat sich das bei 200 Euro am Tag eingependelt. Davon kann man gut leben.“

In die Comödie kommt Jimmy Kelly jetzt mit irischer Folklore, Klezmer, Chansons, amerikanischem Blue Grass und eigenen Songs von seinem neuen Album. Mit dabei sind acht Musiker, die er zum Teil auf der Straße kennen gelernt hat. Die Tour sei eine neue, spannende Baustelle für ihn: „Mein Brot bleibt aber die Straße.“

Kann sich der Mann, der schon als Kleinkind auftreten musste, vorstellen, seine Töchter auf die Bühne zu holen? „Nicht so lange sie klein sind, vielleicht später – wenn sie unbedingt wollten.“ Er sei „ziemlich kritisch“, wenn es um dieses Thema geht: „Mein Vater hat sich mit uns auf dünnes Eis gewagt, das will ich nicht wiederholen. Meine Familie ist kein Produkt.“
 

Keine Kommentare