Kleine Welpen suchen große Herzen und neues Zuhause

2.4.2014, 06:00 Uhr
Insgesamt suchen 74 Schmuggelwelpen ein neues Zuhause.

© Michael Matejka Insgesamt suchen 74 Schmuggelwelpen ein neues Zuhause.

"Bei uns ist die Hölle los“, seufzt Tierheimchefin Heike Weber. Seit 8 Uhr stehen am Dienstagmorgen die Telefone nicht mehr still. Bei den Nachfragen geht es vor allem um den Preis für die aus einem slowakischen Transporter geretteten Rassewelpen. Er fällt mit 400 Euro pro Tier weitaus höher aus als bei der normalen Hundevermittlung. "Das ist ein fairer Preis“, betont die Leiterin. Immerhin beliefen sich die Kosten in den vergangenen Wochen auf knapp 100 Euro pro Vierbeiner am Tag. Dabei schlugen vor allem die Medikamente zu Buche.

Zu Beginn der Vermittlung um 14Uhr stehen die Besucher in der Stadenstraße bereits Schlange. Die Hunde bekommen sie nicht zu Gesicht, ihre Bilder sind seit Montagabend auf der Facebook-Seite des Tierheims zu sehen. Rund 100 Interessenten kommen und suchen das Gespräch. Einige füllen einen Bewerberbogen aus. Diese werden später ausgewertet, es folgen Einzeltermine. "Das ist besser für Interessent und Tier“, weiß Weber. Bei der Auswahl geht es vor allem um eine Frage: Sind sich die Leute der Verantwortung für das Tier bewusst? "Die Hunde hatten keinen guten Start ins Leben“, betont die Leiterin. Es bestehe die Gefahr, dass die Vierbeiner später gesundheitliche Einschränkungen haben oder Verhaltensauffälligkeiten zeigen, da sie viel zu früh von ihrer Mutter getrennt wurden.

Ein bis fünf Transporte am Tag

Bereits zum vierten Mal meistert das Tierheim die Vermittlung von Schmuggelwelpen in diesem Stil. Am Ende des Nachmittages stapeln sich 30 Interessentenbögen auf Webers Schreibtisch. Die nächsten Vermittlungstermine sind am Donnerstag und Samstag, jeweils von 14 bis 16 Uhr. Die aufgepäppelten Welpen können sich auf ein neues Zuhause freuen, andere haben weniger Glück.

30 Interessierte haben schon einen Bewerberbogen ausgefüllt.

30 Interessierte haben schon einen Bewerberbogen ausgefüllt. © Michael Matejka

Die Tierheimchefin schätzt, dass täglich ein bis fünf solcher illegaler Hundetransporter an Nürnberg vorbeifahren. Geballtes Tierleid im Verborgenen. Nur wenige Fälle werden hier oder auch später entdeckt. So berichtete das Darmstädter Echo vergangene Woche, dass Polizeibeamte auf der Raststätte Büttelborn zwei Männer verhaftet haben, die aus einem Auto mit serbischem Kennzeichen sieben Dobermann-Welpen zum Kauf anboten.

Den Tieren seien unsachgemäß Ohren und Schwänze abgeschnitten und die Wunden mit Nylondraht aus dem Baumarkt vernäht worden, berichtete Claudia Vietmeier-Kemmler, Vorsitzende des Tierschutzvereins Rüsselsheim, bei dem die Tiere jetzt untergebracht sind. "Da wollte jemand schnelles Geld machen und auf den Zug aufspringen“, kommentiert Weber. Und ergänzt: "Tiere mit solchen offensichtlichen Verstümmelungen hatten wir bislang nicht.“

Bei dem jüngsten Nürnberger Fall befanden sich unter den Welpen auch vier Boxer mit kupierten Schwänzen, aber bei solch einem Großtransport herrsche eine gewisse Professionalität. Die Wunden waren zumindest ordnungsgemäß genäht, hatten sich aber alle entzündet, berichtet Weber. Auch eine Nacktkatze befand sich im Wagen, die bereits vermittelt wurde.

Tierheim muss Kosten zahlen

Nur wenige Tage vor dem Nürnberger Fall entdeckten Zollbeamte in einem Transporter aus der Slowakei 37 Welpen und zehn Britisch-Kurzhaar-Katzen. Die viel zu jungen Vierbeiner kamen ins Feuchter Tierheim. Solch ein Katzen-Fund war auch für Heike Weber neu. "Abwarten“, meint sie, "das kann schon ausarten, wenn sich Katzen als lukratives Geschäft zeigen.“

Die Zoll- und Polizeibeamten hatten in beiden Fällen nicht gezielt nach illegalen Tiertransportern Ausschau gehalten. "Das waren Zufallstreffer“, weiß Polizeisprecher Rainer Seebauer. Die geschmuggelten Vierbeiner seien im Zuge allgemeiner Fahrzeugkontrollen entdeckt worden.



Und wer zahlt? Auf den Kosten bleibt das Tierheim sitzen. Weber schöpft aus Rücklagen und Spenden. Sie hofft, dass sie die Ausgaben im Laufe des Jahres durch Spenden refinanzieren kann. Ein weiterer Großtransport in diesem Jahr wäre aus finanzieller Sicht fatal. "Wir werden aber kein Tier abweisen - das würde allem widersprechen, wofür wir kämpfen und arbeiten“, betont sie.

Über 70 Hunde

Die Tierheimleiterin spricht beim illegalen Hundehandel von einem "immerwährenden Problem“, das seit drei Jahren bekannt sei. "Weder die Nachfrage nach Billigwelpen schrumpft, noch werden die Strafen härter“, kritisiert sie. Und fordert zudem eine EU-weite Einführung von Mindeststandards für die Zucht und Haltung von Hunden sowie die Beteiligung der Stadt an den Kosten bei der Versorgung dieser Vierbeiner

Weber glaubt, dass alle 74 Welpen in den nächsten vier Wochen ein Zuhause haben. "Es ist erstaunlich, dass die Nachfrage so groß ist, solch ein Hype um die Welpen herrscht und die Emotionen so hochkochen“, wundert sie sich. Immerhin sitzen derzeit neben den Schmuggelwelpen noch über 70 Hunde im Tierheim und warten auf einen neuen Besitzer. Darunter zehn putzige Border-Collie-Mischlingswelpen, die einer illegalen Züchterin abgenommen wurden. "Tolle und gesunde Hunde — nach denen kein Hahn kräht“, bedauert Weber.

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