So kämpfen fränkische Getränkehändler gegen Einweg-Plastik

8.11.2019, 05:48 Uhr
So kämpfen fränkische Getränkehändler gegen Einweg-Plastik

© Foto: Jiri Hubatka/epd

Irgendwann in diesem Sommer hatte Hans-Peter Kastner die Faxen dicke. Als sich über 50 XXL-Säcke voller Einweg-Plastikflaschen – die Ausbeute aus nur drei Monaten – auf seinem Hof stapelten, machte der Betreiber eines Stuttgarter Getränkemarkts seinem Ärger in einem offenen Brief "an alle Kunden und Nichtkunden" Luft.

"Umweltschutz? Unterstützung der Nahversorgung? Nachhaltiges Denken? Nein, es geht um Bequemlichkeit, Geiz ist Geil und nach mir die Sintflut", schrieb Kastner in einem emotionalen Facebook-Post, der inzwischen mehrere Millionen Mal gelesen worden ist. Der 41-jährige Geschäftsmann appellierte an seine Kunden, keine Einwegflaschen und -dosen mehr zu kaufen und stattdessen auf umweltfreundlichere Mehrwegbehälter, und dabei vor allem auf Glas, zu setzen.

"Ich habe die Schnauze voll von Plastik. Ich will den Umweltschutz vorantreiben und eine Lawine in meiner Branche auslösen", schrieb Kastner und verzichtet seit 1. August komplett auf den Verkauf von Produkten in Einwegbehältern. Einige andere Getränkemärkte im Bundesgebiet sind dem Beispiel des Stuttgarters inzwischen gefolgt, im Landkreis Forchheim etwa Florian Lochner, der in seinem "Schnapsstodl" in Kirchehrenbach nicht nur Spirituosen, sondern auch Bier und nichtalkoholische Getränke aller Art verkauft.

Spätestens bis Weihnachten will Lochner nun alle Einweg-Plastikflaschen und Tetrapacks aus den Regalen geräumt haben. "Es ist einfach nicht mehr zeitgemäß, jeden Schmarrn in eine Plastikflasche zu knallen", sagt der 27-jährige Geschäftsmann. Vor allem gehe es ihm auf die Nerven, dass gerade die junge Generation oft zu bequem sei, umweltfreundlichere, aber eben auch schwerere Glasflaschen zu kaufen. "Und weil zu wenige diesen Schritt gehen, nehme ich meinen Kunden diese Entscheidung jetzt ab. So dreist bin ich einfach mal", sagt Lochner und lacht.

Auf Facebook und in seinem Geschäft hat der oberfränkische Getränkehändler bislang "zu 99,9 Prozent" Zustimmung für seine Entscheidung erhalten und befürchtet deshalb auch keine massiven Umsatzeinbrüche. "Wer unbedingt möglichst billig einkaufen will, ist bei uns sowieso an der falschen Adresse", spielt der oberfränkische Getränkehändler auf die Tatsache an, dass Getränke in Einweg-Plastikflaschen vor allem auch von Discountern verkauft werden.

Umsatz um sieben Prozent gesteigert

Seinem Stuttgarter Kollegen hat das öffentliche Bekenntnis zu mehr Mehrweg sogar eine Umsatzsteigerung von etwa sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum eingebracht. "Die Aktion kommt sehr gut bei meinen Kunden an", erzählt Hans-Peter Kastner, der bereits in einigen Fernsehsendungen von seiner Umweltmission erzählte. Zudem nimmt der schwäbische Geschäftsmann regelmäßig an Fachkongressen und Podiumsdiskussionen teil und berät Kollegen, die konsequent auf Mehrweg umstellen wollen.

"Inzwischen bin ich zu 75 Prozent Geschäftsmann und zu 25 Prozent Klima-Aktivist", erzählt Kastner. Und er merke, dass in Zeiten der Fridays-for-Future-Bewegung erheblich mehr Menschen als noch vor einigen Jahren über ihr Einkaufsverhalten nachdenken.

 

 

Ein Trend, den auch viele andere Getränkemärkte registrieren. Die Getränke Ziegler GmbH aus Ottensoos (Kreis Nürnberger Land) zum Beispiel beobachtet im Mineralwasser-Segment einen deutlichen Trend weg von der PET- und hin zur Glasflasche. 2017 habe der Anteil der von der Ziegler GmbH ausgelieferten Glasflaschen noch 46 Prozent betragen, mittlerweile liege er bei 53 Prozent, erzählt Geschäftsführer Klaus Endres, der laut eigener Aussage zuhause ausschließlich Getränke aus Glasflaschen trinkt. "Das ist einfach das Beste, auch vom Geschmack her."

Viele Verbraucher sind überfordert

Alles in allem ist in Deutschland die Quote von Einweg-Behältern aber sogar gestiegen in den vergangenen Jahren. Den Verbrauchern will der Geschäftsführer des Ottensoosers Großhändlers, der rund 1600 Getränkemärkte in ganz Nordbayern beliefert, jedoch gar keinen Vorwurf machen. Viele seien angesichts des Nebeneinanders von Einweg- und Mehrweg-Pfandflaschen einfach überfordert. "Da gäbe es viel Erklärungsbedarf, aber die Menschen und der Einzelhandel werden von der hohen Politik alleingelassen", kritisiert Endres.

Die Geschäftsführung der Firma Fleischmann, die 41 Getränkemärkte im südbayerischen Raum betreibt, hat sogar schon eine Aufklärungskampagne gestartet, um ihre Kunden und die Endverbraucher für dieses Thema zu sensibilisieren. "Wir mussten zuletzt 1,4 Millionen Einwegflaschen pro Jahr entsorgen, die wir gar nicht in Umlauf gebracht hatten. Da musste einfach was passieren", sagt Prokurist Hans-Peter Vögel.

Regionale Produkte bevorzugt

Passiert ist offenbar auch bei anderen Einzelhandelsketten einiges, zum Beispiel bei der Fristo Getränkemarkt GmbH, die im ersten Halbjahr 2019 einen Rückgang von rund neun Prozent bei den Einwegverpackungen registrierte. Die Kunden greifen laut Mitarbeiterin Martina Faber auch wieder verstärkt zur Glasflasche, was nicht nur auf das gestiegene Umweltbewusstsein zurückzuführen sei. Die Verlagerung von internationalen beziehungsweise nationalen Marken hin zu regionalen Produkten, die überwiegend in Mehrwegflaschen abgefüllt werden, habe ebenfalls zur Trendwende beigetragen.

Auch in den etwa 100 Getränkemärkten der Firma Sagasser stehen viele Produkte aus regionalen Brauereien und von lokalen Getränkeanbietern in den Verkaufsräumen. "Gleichzeitig sind wir Mitglied im Verband ,Pro Mehrweg‘", betont Geschäftsführer Peter Sagasser. Einwegprodukte kämen nur in Ausnahmefällen in den Verkauf – nämlich immer nur dann, wenn es wie bei dem Energy-Drink Red Bull keine alternativen umweltfreundlichen Verpackungsformen gebe.

Florian Lochner dagegen ist auch in solchen Fällen rigoros. Wer unbedingt Red Bull haben wolle, müsse ihn eben woanders kaufen, erklärt der fränkische Einweg-Verächter. "Wir haben dafür andere Energy-Drinks im Sortiment – in der Glasflasche, aus der Region und kaum teurer als die gängigen Marken."

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