Sonntag, 18.04.2021

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Fahrzeugbrand: Wie gefährlich sind Elektroautos?

Kein erhöhtes Risiko – Wasserbad und Löschlanze – Notruf richtig absetzen - 28.02.2021 11:36 Uhr

Abgefackelt: Im Oktober 2017 musste die Feuerwehr Landeck einen in Brand geratenen Tesla löschen.

13.11.2020 © ampnet/Feuerwehr Landeck


Im vergangenen November ist es wieder einmal soweit gewesen: Ein Elektroauto war in Brand geraten. Der VW e-Crafter – ein Transporter -  hatte Feuer gefangen, als er an einer Schnellladestation im niederbayerischen Passau Strom zapfte. 

Schlagzeilen machte der Vorfall umgehend – wie immer, wenn ein Elektroauto in Flammen steht. Dabei fackeln tagtäglich auch konventionelle Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor ab. Allein 2019 haben sich nach Zahlen des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) deutschlandweit 16.900 Fahrzeugbrände ereignet. In die Nachrichten schaffen es solche Vorkommnisse aber selten – obwohl auch ein voller Tank Benzin buchstäblich brandgefährlich ist.

Viel Aufmerksamkeit

"Ein brennendes Elektroauto erregt viel Aufmerksamkeit, da die Technologie noch neu ist und die Menschen sowie die Medien dementsprechend aufmerksam sind", unternimmt der ADAC einen Erklärungsversuch. Angst sei aber unbegründet: "Aktuell gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass Elektroautos eher zum Brennen neigen als Autos mit Verbrennungsmotor".

Zerschellt: Ein Nissan Leaf im Dekra-Crashtest.

13.11.2020 © ampnet/Dekra


Markus Egelhaaf, Unfallforscher bei der Sachverständigenorganisation Dekra, pflichtet dem bei:  "Es gibt keinen Grund, sich im Elektrofahrzeug weniger sicher zu fühlen als im konventionell angetriebenen Pkw". Wie der ADAC hat auch die Dekra Crashtests mit E-Mobilen durchgeführt und danach Entwarnung gegeben. "Aktuelle Elektroautos sind bei einem Unfall genauso sicher wie herkömmliche Autos", resümierte der ADAC, nachdem er sowohl einen normalen VW up als auch dessen elektrisches Pendant e-up an die Wand gefahren hatte: "Die Batterie entzündete sich nicht, es bestand keine Brandgefahr".

Bestnoten für E-Autos

Auch beim Euro-NCAP-Crashtest bekommen Elektroautos regelmäßig Bestnoten. Crashsensoren sorgen dafür, dass das Hochvoltsystem bei einem Unfall sofort abgeschaltet wird, zudem sind die Batterien gut und crashsicher verbaut, sie fangen schwerer Feuer als der Kraftstofftank.

Abgebrannt: Tiroler Feuerwehrleute bekämpfen das Feuer in einem bei Kössen verunfallten Tesla Model S.

13.11.2020 © Freiwillige Feuerwehr Kössen


Hundertprozentig auszuschließen ist es aber dennoch nicht, dass der Akku bei einem schweren Unfall deformiert wird und dann doch in Brand gerät. Probleme bereitet in diesem Fall der sogenannte "Thermal Runway". Elektroautos brennen anders als Benziner oder Diesel: Ihr Akku besteht aus Hunderten einzelner Batteriezellen. Wird nur eine von ihnen beschädigt, können viele Kurzschlüsse die Folge sein. Sie vervielfachen die Stärke des Feuers nicht nur, sondern entfachen es immer wieder aufs Neue – durchaus noch 24 Stunden, nachdem der eigentliche Brand schon gelöscht schien.

Befürchteter Komplikationen wegen sind im baden-württembergischen Leonberg und im oberfränkischen Kulmbach vorsorglich Tiefgaragen für Batterie-Autos - also auch für Plug-in-Hybride - gesperrt worden.

"Die Löscharbeiten gestalteten sich schwierig, da das Fahrzeug wiederholt in Brand geriet", resümierte auch die Feuerwehr im österreichischen Landeck, nachdem sie – unter schwerem Atemschutz - im Oktober 2017 einen brennenden Tesla auf der Arlberg-Autobahn zu löschen hatte.

Abgetaucht: BMW i8 im niederländischen Löschbad.

13.11.2020 © ampnet/Brandweer Midden-en West-Brabant


Vollbad im Container

Es braucht Wasser – viel Wasser, deutlich mehr als im Falle eines konventionellen Fahrzeugbrands. Oft muss es sogar ein Vollbad sein: Als im Oktober 2019 bei Kössen in Tirol wiederum ein verunfalltes Tesla Model S abbrannte, wurde es von der Feuerwehr per Kran in einen mit 11.000 Litern Wasser gefüllten Container gehievt, wo es sicherheitshalber drei Tage lang verblieb. Ähnlich ging die niederländische Brandweer Midden-en West-Brabant vor, als sie einen qualmenden BMW i8 vorsorglich in einem großen Wasserbehälter versenkte und ihn für 24 Stunden dort beließ.

Andere Ansätze sind spezielle Löschadditive, die den Akku besonders effektiv kühlen sollen. Oder Löschlanzen, die von der Feuerwehr direkt ins Akkugehäuse eingeschlagen werden. "Damit finden die Löscharbeiten sozusagen innerhalb der Batterie statt, um das Ausbreiten des Feuers auf weitere Batteriezellen zu stoppen", erklärt Unfallforscher Egelhaaf.

Das Unternehmen Gelkoh wiederum hat zusammen mit dem Textilhersteller Ibena eine rund 25.000 Euro teure Decke konzipiert, die um das beschädigte Elektroauto gewickelt wird und so die Sauerstoffzufuhr minimiert. Gleichzeitig wird ein brandhemmendes Gas freigesetzt. Vorteil: Anders als beim unfreiwilligen Vollbad erleidet das E-Auto bei dieser Rettungsaktion nicht unweigerlich einen Totalschaden.

E-Auto brennt: Und jetzt?

Und was sollten Betroffene tun, wenn ihr Elektroauto in Brand gerät? Letztlich ist fast dasselbe Handeln angesagt, das auch bei einem herkömmlichen Fahrzeugbrand erforderlich wäre:

  • Kommt es während der Fahrt zu Rauchentwicklung oder riecht es angebrannt, sofort an den Straßenrand fahren
  • Das Fahrzeug möglichst mit Abstand zu anderen Fahrzeugen, brennbaren Gegenständen oder Gebäuden abstellen
  • Den Gangwahlhebel auf P stellen, Zündung ausschalten
  • Warnweste anlegen, das Fahrzeug verlassen und sich in ausreichende Entfernung begeben
  • Warndreieck aufstellen
  • Die Notrufnummer 112 anrufen und dabei unbedingt angeben, dass es um ein Elektroauto geht

"Manche Leitstellen fragen in diesem Zusammenhang auch nach den Kennzeichen der beteiligten Fahrzeuge", sagt Egelhaaf. Grund: So lassen sich die Fahrzeugdaten ermitteln und den Rettungskräften noch während der Anfahrt zur Verfügung stellen, damit sie bestmöglich auf ihren Einsatz vorbereitet sind.

Ulla Ellmer

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