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Frischer Wind im alten Gemäuer

In der ehemaligen Humbserbrauerei steht das Wochenende im Zeichen der Kunst - 10.07.2015 19:00 Uhr

Die „Wandlungen“ sind eine gute Gelegenheit, die Industriearchitektur des traditionsreichen Humbser-Gebäudes zu besichtigen. Kunst gibt’s obendrein: im Bild Shohe Alexander Seiler mit seiner Kriegsschiff-Skulptur. © Foto: Martin Bartmann


Ulrich Brüschke aus Nürnberg glänzt mit Fotografien voller Exotik, Palmen und wabenartiger Häuser, die kühl und distanziert wirken. Doch die Bilder mit dem Titel „Null Grad Breite“ zeigen keine asiatische Megacity, sondern den Bundesnachrichtendienst in Berlin. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die Bäume als getarnte Funkmasten. Die Palmen erzeugen eine seltsame Ortlosigkeit. Dazu passt das dreiteilige Werk, auf dem eine Palette verbrennt. Ebenso sehenswert ist seine Videoinstallation „bleed out“, in der Farbe dramatisch in immer neuen Formen über die Leinwand fließt.

Bittersüß geht es auf den großformatigen Ölbildern von Peter Dauphin, genannt Muth, zu. Das Thema ist Fukushima, wobei er japanische mit europäischen Bildwelten verschmilzt. Da sind Paare in erotischen Aktionen zu sehen, die an die traditionelle japanische Shunga-Malerei erinnern. Doch darüber der Schocker: Gasmasken, Atomkraftwerke, Menschen in Schutzanzügen, Tod und Verderben. Jedes Detail ist kostbar, denn Muth hat wie ein Archäologe Schablonen und Farbschichten akribisch von der Oberfläche entfernt. Dazu kommen Bilder von New Yorker Wolkenkratzern, die die Unwirtlichkeit der Städte illustrieren.

Gabriela Dauerer setzt auf stark reduzierte Farbigkeit, pulsierende Flächen, Strukturen oder Texturen, die sich wiederholen und plötzlich leicht variieren. Ordnung und Chaos spielen miteinander. Hier geht es einer Malerin um die Wahrnehmung des Bildes als solches. Daher die Gegenstandslosigkeit der puren Muster. Dauerer fertigt Farbkörperstudien an, befasst sich mit Farbauftragstechniken. Was entsteht, ist ein Minimalbestand von Malerei, nicht-illusionistisch und selbstreferentiell.

Antike Tempel-Trümmer und Panzer fährt Shohe Alexander Seiler in Form von einmaligen Architektur-Skulpturen und Szenen auf. Die Kriegsschiffe scheinen zwar nicht einsatzbereit zu sein, wirken aber dennoch bedrohlich. Wurden sie in einem Gefecht so beschädigt? Und zu welcher Zeit? Aber so richtig friedlich war die Menschheit ja noch nie. Was hierzulande los war, daran erinnert ein „Nazi-Schachspiel“ mit richtig fiesen Figuren, das zu einem Höhepunkt der Ausstellung avanciert.

Béla Faragó hat diesmal auf seine typische Ironie und die Überzeichnung seiner Figuren verzichtet, die ihn sonst seine Protagonisten à la Goya schonungslos bloßlegen lässt. Seine „Köpfe“ in Tusche und Öl sind etwas verschwommener und scheinen eher das Äußere der Personen festzuhalten, ihre Physiognomie zu studieren statt den Charakter durch Nasen- und Ohrformen zu verdeutlichen. Eine spannende Entwicklung eines großartigen Malers.

Schicke alte Autos, eindrucksvolle Landschaften, die etwas Urgewaltiges an sich haben, aber auch ungewöhnliche Architektur gefallen Manfred Hönig. Wenn er das alles kompositorisch zusammenfügt, entstehen eigenwillige Stillleben. Man sieht auf seinen Digitalprints Autos verlassen in einer Wüste oder Einöde stehen. Ein Schuss Zivilisationskritik und Studien darüber, was eigentlich Ästhetik ausmacht.

Die Schweizerin Sandra Kunz überrascht mit der dreiteiligen Installation „Ask the bird“, die Küchenutensilien zu neuen, schrullig anmutenden Gebilden von augenfälliger Nutzlosigkeit verbindet. Der latent exotische Touch ist beabsichtigt: Die „Zutaten“ stammen aus China, wo sie zum Teil lebt. Kräftig glitzern lässt es Recycling-Künstler Walter Scheinkönig aus Herzogenaurach. Aus Schrott und Weggeworfenem fertigt er Neues an, wobei er sich als Verwandler versteht. Aus Splittern hat er Bilder von Jimi Hendrix, einer schwarzen Schönheit oder einem kunterbunten Baum kreiert — schön poppig und etwas schrill. Ein Peace-Zeichen aus Stacheldraht, ein Lichtobjekt aus Schwemmholz, verrückte Stühle und passend zum Ort Bilder aus Bierdosen und Kronkorken ergänzen sein Repertoire.

Viele Blumen von Dahlien bis zu Akeleien lässt Sigrid Stabel in buntem Fine Art Print höchst dekorativ blühen. Ein Video spürt der Entwicklung und dem Beleben eines Hauses nach, in das Vögel einziehen. Sabine Weiß aus München wiederum malt auf eine leise, intensive Art. Ihre Acryl-Bilder verbinden Mensch und Natur in kleinen Szenen.

„Wandlungen“: Malzböden (Schwabacher Straße 106). Heute 14-20 Uhr, Sonntag 10-16 Uhr. Eintritt frei.

CLAUDIA SCHULLER

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