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Fürther Initiative stemmt sich gegen männliche Gewalt

In der Kleeblattstadt wird ein bayernweit einzigartiges Beratungsangebot für Frauen angeboten - 25.04.2017 06:00 Uhr

Setzen sich für Frauen ein, die Gewalt erleben (von links): Die städtische Gleichstellungsbeauftragte Hilde Langfeld, Barbara Fuchs vom multikulturellen Frauentreff, Sabine Böhm von der FrauenBeratung Nürnberg, Messeret Kasu (ebenfalls multikultureller Frauentreff) und Angelika Emmerich-Fritsche, Präsidentin des Fürther Clubs von Soroptimist International. © F.: Daebel


Hier finden Betroffene künftig jeden zweiten Mittwoch im Monat kompetente Ansprechpartnerinnen. Initiiert worden ist das Angebot durch den Fürther Club von "Soroptimist International" (SI), der weltweit größten Organisation berufstätiger Frauen. Der Verein unterstützt das vorerst auf ein Jahr begrenzte Projekt zudem finanziell und kooperiert dabei mit der Stadt Fürth, dem multikulturellen Frauentreff sowie der Frauenberatung Nürnberg.

Von dort kommen auch die qualifizierten Ansprechpartnerinnen, die den Frauen beratend zur Seite stehen werden. "Wir wollen ein niedrigschwelliges Angebot bieten", betont Angelika Emmerich-Fritsche, Präsidentin des SI-Clubs Fürth. Im Fokus sollen nicht nur Frauen stehen, die Opfer von körperlicher Gewalt sind. Wer unter psychischer und seelischer Gewalt leide, soll sich ebenfalls angesprochen fühlen.

Das sei denn auch ein Punkt, in dem man sich von den Hilfen unterscheide, die das Fürther Frauenhaus anbietet. Denn das konzentriere sich auf die Opfer häuslicher Gewalt. Dass eine Zusammenarbeit mit dieser Einrichtung und vielen anderen stattfindet, ist Emmerich-Fritsche zufolge indes enorm wichtig. Denn welches Problem die Frauen auch haben – durch die Vernetzung sei es möglich, individuelle Hilfe zu leisten.

Und die kann sehr unterschiedlich aussehen, wie Sabine Böhm weiß. Sie ist Geschäftsführerin der FrauenBeratung Nürnberg, zugleich Trauma-Fachberaterin. "Einige Frauen brauchen nur mal eine Anlaufstelle, um das loszuwerden, was ihnen auf der Seele brennt. Andere brauchen monatelange Begleitung", erzählt sie. Dabei entscheide immer die Betroffene, was und wie viel sie erzählen will. Sie bestimmt auch, welche Schritte sie gehen möchte: ob sie beispielsweise Anzeige erstatten will. Sollte das der Fall sein, begleitet man sie zur Polizei und zum Gericht — vorausgesetzt, das ist gewünscht.

Doch wo beginnt Gewalt? "Viele sind sich gar nicht bewusst, wann eine bestimmte Grenze überschritten ist. Denn selten beginnt es sofort mit der heftigen Prügelattacke", erklärt Böhm. Auch eine Demütigung vor anderen sei eine Art von Gewalt – oder wenn jemand ständig kontrolliert wird und nicht mehr selbst entscheiden kann, was er wann tun und lassen möchte.

Einzigartig in Bayern

Und eben weil Gewalt so viele Gesichter hat, könne jede Frau im Laufe ihres Lebens irgendwann einmal davon betroffen sein – unabhängig von ihrem sozialen Umfeld, ihrem Beruf oder ihrer Herkunft. Deswegen richtet sich das Angebot auch an jede Frau und jedes Mädchen. Teenager sind genauso angesprochen wie Seniorinnen.

Die Fürther Initiative bezeichnet Böhm als "außergewöhnlich" und nahezu einzigartig in Bayern. Deswegen habe die FrauenBeratung Nürnberg sofort ihre Unterstützung zugesagt. Viel Lob gab’s für das Projekt zudem von der städtischen Gleichstellungsbeauftragten Hilde Langfeld. Dass die Soroptimistinnen das Projekt initiiert haben und es damit quasi "aus der Zivilgesellschaft" heraus entsteht, würdigt sie ausdrücklich. Sie betont zudem, wie wichtig es sei, beim Thema Gewalt gegen Frauen neue Wege zu beschreiten und sich nicht weiterhin auf die ewig gleichen und eingefahrenen Diskussionsrunden zu beschränken.

Messeret Kasu vom multikulturellen Frauentreff hat schon viele Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind, zu Beratungen begleitet und für sie übersetzt. Dass sie mit Betroffenen nun nicht mehr nach Nürnberg fahren muss, sondern es ein Angebot vor Ort gibt, begrüßt sie sehr. Eine wichtige Aufgabe sieht die in Äthiopien geborene Kasu insbesondere darin, die Frauen zu informieren und sie aufzuklären. Vor allem, wenn sie aus anderen Ländern stammen.

"In vielen Kulturen ist es normal, dass Frauen geschlagen werden. Sie glauben, dass sie es akzeptieren müssen. Ihnen muss man erklären, dass es für alles eine Grenze gibt und sie Gewalt nicht hinnehmen müssen." Gemeinsam mit Grünen-Stadträtin Barbara Fuchs, mit der sie sich den Vorsitz des Frauentreffs teilt, hofft Kasu, dass sich das Beratungsangebot als feste Einrichtung in der Kommune etabliert – und dass diese sich für den Fortbestand einsetzt. Wer als Träger fungieren könnte, sei indes noch offen, heißt es.

Dass ein Bedarf für das Angebot aber auf jeden Fall vorhanden ist, davon sind die Initiatorinnen überzeugt. Auch wenn man sich vorerst auf Schätzungen berufen muss, weil es keine gesicherten Statistiken gibt, wie Böhm erklärt.

Ziehe man allerdings die Zahlen vergleichbarer Städte heran, sei davon auszugehen, dass jede siebte Frau von sexualisierter Gewalt betroffen ist und jede vierte von häuslicher – "nicht zu vergessen die große Dunkelziffer".

Die Beratung findet jeden zweiten Mittwoch im Monat statt, abwechselnd vormittags und nachmittags. Termine nach Vereinbarung unter der Rufnummer (0911) 28 44 00 oder per Mail an kontakt-fuerth@frauenberatung-nuernberg.de. Beratungstermine, immer mittwochs 10 bis 12 Uhr: 26. April, 24. Mai, 21. Juni, 19. Juli, 16. August, jeweils von 14 bis 16 Uhr, sowie 10. Mai, 7. Juni, 5. Juli und 2. August. 

NINA DAEBEL

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