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Gute Aussichten für Stadtwerke der Region

Liberalisierten Strommarkt als Chance genutzt — Kooperationen und Energielieferung nach außerhalb - 26.01.2011 16:00 Uhr

Mit dem Bau einer Biogasanlage nahe Cadolzburg strebt die infra nach weiteren Unabhängigkeit von den Stromriesen an.

25.01.2011 © Horst Linke


Man stelle sich vor: In einer Kleinstadt wie Forchheim, 30000 Einwohner, wo jeder jeden kennt, wechselt das Krankenhaus den Stromanbieter. Nicht mehr die Stadtwerke von nebenan speisen die Elektrizität in die Steckdosen ein, sondern die Konkurrenz aus Südbayern. Anders ausgedrückt: Der eine kommunale Betrieb setzt den anderen kommunalen Betrieb vor die Tür.

Vor zehn Jahren undenkbar, heute beinahe schon Alltag. „Ich ärgere mich inzwischen nicht mehr“, sagt Reinhold Müller, Leiter der Forchheimer Stadtwerke. Das Krankenhaus hätte ohnehin nur ein halbes Prozent des Stromabsatzes ausgemacht. Und überhaupt gelten heute andere Spielregeln als früher: „Jeder kann in unser Netz hineinliefern — aber wir können auch hinausliefern.“

Totenglöcklein läutete

Vor zwölf Jahren läutete schon das Totenglöcklein für die lokalen und regionalen Stromlieferanten in kommunaler Hand. Damals wurde der Energiemarkt liberalisiert. Letztlich bedeutet das: Jeder kann seinen Strom dort kaufen, wo er will.

Für die Stadtwerke, gewachsenen Monopolisten mit fest umrissenem Versorgungsgebiet, schien es nur eine Frage der Zeit, bis sie sich den vier Energiegiganten Eon, RWE, EnBW und Vattenfall geschlagen geben müssten. Die Konzerne kontrollieren die meisten Großkraftwerke und 80 Prozent der gesamten Stromerzeugung in Deutschland.

Doch heute schlagen die Stadtwerke zurück. Drei Trends bestimmen die Szene auch in unserer Region: Kooperation, Eigenstromerzeugung und Kundenakquise außerhalb des Kerngebiets. Die Zuwächse der Nürnberger N-Ergie beim Stromabsatz gehen laut Sprecherin Rita Kamm– Schuberth ganz klar auf das Konto neuer Großkunden: „Wir liefern mehr als 40 Prozent außerhalb unseres Netzgebietes.“ So ist auch leichter zu verschmerzen, wenn sich etwa die NürnbergMesse woanders umsieht, wie 2007 geschehen. Und Forchheims Stadtwerker Müller sieht den Fall Krankenhaus nur deswegen gelassen, weil er auf der Haben-Seite potente neue Großkunden verbucht: „Wir beliefern zum Beispiel eine hiesige Spedition bundesweit mit all ihren 50 Standorten.“

Mit den Stadtwerken Erlangen kooperiert Forchheim beim Stromeinkauf seit 1924 in der „Regnitzstromverwertung“. Zusammen speisen sie Standorte heimischer Firmen in ganz Deutschland mit Strom. Auch die Fürther Stadtwerke Infra haben sich angeschlossen: Je größer der Abnehmer, desto besser der Preis.

Die Eichung von Zählern läuft bereits gemeinschaftlich, auch den Sicherheitsingenieur teilt man sich. Infra-Chef Hans Partheimüller sieht auf der Regnitzachse noch weitere Kooperationsmöglichkeiten: Selbst ein Rechenzentrum könnte gemeinschaftlich betrieben werden. Regionale Allianzen wurden auch im Gas-Geschäft geschmiedet. Als „enPlus“ haben sich neben Erlangen, Fürth, Herzogenaurach und Forchheim sieben weitere fränkische Stadtwerke zu einer Einkaufsgenossenschaft zusammengeschlossen, von Würzburg über Bamberg bis nach Hof.

Der nächste Schritt auf dem Weg zu mehr Unabhängigkeit von den Großkonzernen heißt: mehr Energie selbst erzeugen. So steigen die Stadtwerke Schwabach jetzt in einen Windpark in der Oberpfalz ein. Forchheim baut mit der N-Ergie bei Eggolsheim an der Regnitz ein Biomassewerk.

Biomasse statt Steinkohle

Andere Wege ging Fürth: Vor zwei Jahren wollte sich die Infra an einem Steinkohlekraftwerk in Herne beteiligen. Das zuhause heftig umstrittene Projekt scheiterte jedoch. Jetzt setzt Hans Partheimüller auf Biomasse: „Wir bauen in Cadolzburg für 17 Millionen Euro ein Bioenergiezentrum.“ Rund 8000 Haushalte können mit dem hier erzeugten Strom versorgt werden. Für den Infra-Chef viel wichtiger ist jedoch: „Wir können jederzeit selbst entscheiden, was wir mit der Energie machen.“

Die ehemaligen Strombehörden haben den Wandel zum Energieanbieter, der nach den Gesetzen des Marktes handelt, endgültig vollzogen. „Es geht darum“, so Wolfgang Exner, Vorstand der Erlanger Stadtwerke, „effizienter zu arbeiten, Energie günstig anzubieten und das Unternehmen zu stabilisieren.“

Der private Stromkunde profitiert davon nicht unbedingt. Der lokale Anbieter ist beileibe nicht immer der günstigste. Exner: „Wir können kein Geld drauflegen.“ Schließlich müssen die meisten Stadtwerke auch noch Verlustbringer wie Verkehrsbetriebe, Bäder, Parkhäuser oder Wasserversorgungen mitbetreiben. Diese Einrichtungen leben mehr oder weniger von den Gewinnen im Energiegeschäft. Ganz wie früher.

Ulrich Graser

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