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Marstall-Debatte: Darf Fürth sein Tafelsilber verkaufen?

Wolfgang Händel
Wolfgang Händel

Leiter Lokalredaktion Fürth

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2.11.2021, 08:00 Uhr
Schmucker Barockbau: Von außen ist es nicht erkennbar, aber der historische Marstall in Burgfarrnbach muss dringend saniert werden.

© Foto: Hans-Joachim Winckler Schmucker Barockbau: Von außen ist es nicht erkennbar, aber der historische Marstall in Burgfarrnbach muss dringend saniert werden.

Der Befund ist eindeutig: Der Marstall, barocker Teil des Schloss-Ensembles in Burgfarrnbach und einst fürstliche Stallung, ist marode – er bedarf dringend der Sanierung, soll er nicht vollends verfallen. Und klar ist auch: Weil das sündteuer kommt, sieht sich die Stadt Fürth auf absehbare Zeit nicht in der Lage, den Kraftakt selbst zu meistern.

Es liegt deshalb nahe, auf fremde Hilfe zurückzugreifen. Die fand sich bei der Firma MIP, die starkes Interesse daran zeigt, den langgestreckten Sandsteinquaderbau von der Kommune zu kaufen, ihn zu sanieren und dann für Büros, Wohnungen und möglicherweise ein Café zu nutzen. MIP, ein Unternehmen der hiesigen Familie Streng, hat beste Referenzen vorzuweisen, es zeichnete für gelungene Denkmalsanierungen verantwortlich – darunter die Humbser-Brauerei und der Grüne Baum.

Derzeit liegt MIP in den letzten Zügen bei der Runderneuerung des Fürther Bahnhofsgebäudes, das die DB zuvor lange links liegen gelassen hatte. Der nächste Coup könnte die verfallene Wolfsgrubermühle sein, die zum schicken Hotel werden soll.

Niemand auf dem kommunalpolitischen Parkett bezweifelt angesichts dessen Verlässlichkeit und Eignung des Unternehmens, Oberbürgermeister Thomas Jung preist die Familie Streng gar immer wieder als "Glücksfall für Fürth". In guten Händen wäre der kommunale Denkmal-Problemfall Marstall deshalb bei der Firma und ihren Fachleuten – das ist Konsens.

Auch die Grünen betonen, man sehe Streng "sehr positiv" und hege dem Unternehmen gegenüber keineswegs Misstrauen. Doch was, wenn die Firma irgendwann in fernerer Zukunft nicht mehr in diesen Händen liegt? Wenn möglicherweise kühle Profitmaxmierer statt wohlmeinender Lokalpatrioten das Kommando übernehmen?

Diese grundsätzliche Frage hat die Partei jüngst aufgeworfen – und per Antrag gefordert, der Marstall möge doch besser im Besitz der Stadt bleiben. Damit brachen die Grünen eine rege Debatte vom Zaun.

Ihr Gegenvorschlag: Ja zu MIP, aber nicht per Verkauf, sondern im sogenannten Erbbaurecht. Dabei werden Gebäude und Grund nicht veräußert, sondern auf sehr lange Frist an Interessierte verpachtet. Das indes habe die Stadt Firmenchef Philipp Streng bereits angeboten, sagt Wirtschaftsreferent Horst Müller; der habe es "kategorisch ausgeschlossen". Er empfinde zwar "Sympathie für den Antrag" der Grünen, beteuerte Müller, er sehe jedoch keine Chancen für eine Umsetzung. Heißt im Klartext: Eine Sanierung, deren Kosten auf rund acht Millionen Euro taxiert wird, gebe es nur im Verkaufsfall.

Die Grünen hält das, unterstützt von der Linken, nicht davon ab, mit der Verkaufsabsicht zu fremdeln. Fertiggestellt im Jahr 1734, handle es sich immerhin um "eines der ältesten Gebäude in der Stadt". Als Teil des Kultur-Ensembles Schloss Burgfarrnbach sei es "außerordentlich", wie Grünen-Fraktionschef Kamran Salimi zu bedenken gibt.

"Ein Liebhaberobjekt"

Die Skepsis mag in anderen politischen Lagern niemand teilen. "Wer sich eine gute Zukunft für den Marstall wünscht", der könne diesen Schritt nur begrüßen, meint der OB. Weitsicht zeichne den Investor, eine "seit langem hier verwurzelte Familie", aus, dazu eine ausgeprägte Denkmal-Liebe. Er, so Jung, werbe deshalb "für eine Partnerschaft".

Auch Wirtschaftsreferent Müller spricht sich entschieden dafür aus. Streng betrachte den Marstall "als Liebhaberobjekt" und habe nicht die rasche Amortisierung der Investitionen im Sinn. "Das ist das Beste, was uns passieren kann", findet Müller. In dieselbe Kerbe schlägt CSU-Fraktionschef Max Ammon, der sich als eingefleischter Burgfarrnbacher zum "Liebhaber des Marstalls" erklärt und dessen "traurigen" Zustand lieber heute als morgen beendet sähe.

Ein Blick hinter die Fassade zeigt: Die beiden oberen Stockwerke etwa sind schon lange nicht mehr nutzbar, der Putz fällt von den Wänden, das Treppenhaus muss gestützt werden. Lasse man sich diese Chance entgehen, werde in Anbetracht des städtischen Investitionsstaus "auf Jahrzehnte hinaus nichts geschehen", prophezeit Ammon.

Auch der Burgfarrnbacher Bürgerverein, dessen Vorsitzender er ist, plädiere deshalb für den Verkauf. Und dann, so Ammon, stehe der Marstall ja schließlich auch noch unter Denkmalschutz – was unerwünschte Eingriffe in der Zukunft unwahrscheinlich erscheinen lasse.

Eine kleine Hintertür öffnete in der jüngsten Stadtratssitzung schließlich FDP-Vertreter Stephan Eichmann: Er regte an, wenigstens ein Vorkaufsrecht für die Stadt zu verbriefen – für den Fall, dass MIP den Marstall tatsächlich dereinst wieder loswerden will. Allgemeine Zustimmung war zu vernehmen – auf dieser Basis wird nun weiterverhandelt.

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